Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Workshop Asyl

Amnesty International und Schauspieler Benno Fürmann zu Besuch in einer Kreuzberger Schule

Von Dorothea Jung

Zahlreiche Sympathisanten und Touristen stehen in Berlin am Brandenburger Tor am Camp der Asylbewerber (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Zahlreiche Sympathisanten und Touristen stehen in Berlin am Brandenburger Tor am Camp der Asylbewerber (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Seit fast einem Monat protestieren Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor und traten zum Teil in einen Hungerstreik. Sie fordern Änderungen im deutschen Asylrecht. Auch an Schülern ist das Thema nicht unbemerkt vorbei gegangen.

Als Benno Fürmann an der Seite von Franziska Vilmar, der Amnesty-Asylrechtsexpertin, das Klassenzimmer betritt, ernten beide einen kleinen Applaus, aber dann geht es sofort um Fragen, die die Klasse vorbereitet hat. Ganz oben auf der Liste steht ein Begriff, den die Schüler oft gelesen, aber nie verstanden haben: "Was ist ein Flughafenverfahren?" wollen sie wissen. Das stamme noch aus einer Zeit, als die Asylbewerberzahlen sehr hoch waren, erklärt Franziska Vilmar von Amnesty International.

"Im Moment sind in Flughafenverfahren ein paar Hundert noch im Jahr. Die haben verkürzte Rechtschutzfristen und die Gefahr, dass diese Leute zurückgeschoben werden in ein Land, in dem ihnen Folter, Todesstrafe oder so etwas droht, die ist im Flughafenverfahren durch die verkürzten Rechtschutzfristen erhöht."

Schauspieler Benno Fürmann sitzt neben den Schülern am Arbeitstisch und meldet sich.

"Das widerspricht eigentlich der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die wir in Deutschland und ganz viele andere Länder als Resultat des Zweiten Weltkrieges, des Faschismus unterschrieben haben. Da steht, jeder Mensch hat das Recht in einem Land Asyl zu suchen. Leute werden aber daran gehindert. Und das ist das Problem."

Wie sehr das Thema Menschenrechte dem Schauspieler am Herzen liegt, merkt man, als es um die Fluchtursachen geht. "Warum fliehen die Menschen überhaupt?" will Workshopleiterin Franziska Vilmar von der Klasse wissen.

"Warum würdet Ihr Euer Land verlassen?
Vielleicht Krieg.
Wenn ich nicht frei leben darf, also, meine Menschenrechte ausführen kann, oder so.
Verfolgung aufgrund ethnischer Herkunft.
Was ist ethnisch?
Ethnisch, wie soll man das sagen? Wenn Deine Herkunft, nimm einen Kurden in der Türkei. Das ist eine ethnische Herkunft. Ich komme gerade aus dem Süd-Sudan. Im Süd-Sudan kämpfen verschiedene Ethnien gegeneinander. Da geht es um alte Stammesfehden, da geht es darum, dass die Dinka die Murle nicht mögen. Das sind verschiedene Stämme, die einander den Kopf abhacken. Das sind Verfolgungen aufgrund von ethnischen Herkünften. "

Die Kreuzberger Gymnasiasten wollen nicht nur erfahren, aus welchen Gründen Menschen ihre Heimat verlassen, sondern auch, welchen Flüchtlingen Asyl gewährt wird und welchen nicht; wer abgeschoben wird und warum - und ob das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Betroffenen in der Anhörung Chancen für ein faires Asylverfahren öffnet. Benno Führmann, der zusammen mit den Kreuzberger Gymnasiasten den ganzen Tag die Schulbank drückt, ist von den Schülern begeistert.

"Ich merke, die sind wach und ich merke, die sind dran und ich möchte erreichen, dass diese jungen Leute hier verstehen, dass wir die Menschenrechte immer wieder einfordern und verteidigen müssen. Und, dass wir dafür sorgen müssen, dass diese Rechte jedem Menschen gewährt werden. "

Viele Schüler haben den Hungerstreik der Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor verfolgt und empfinden Sympathie mit deren Forderungen. Nun konfrontiert die Amnesty-Expertin sie aber damit, dass die Rechtslage es nicht zulässt, alle Forderungen der Flüchtlinge zu erfüllen.

"Sie haben auch gefordert, deswegen konnte sich Amnesty da auch gar nicht anschließen, Anerkennung aller hier Asylsuchender als politische Flüchtlinge. Das habe ich ja vorher einmal erklärt, warum das so nicht funktioniert. Und, sie haben gesagt, keine Abschiebungen mehr. Auch das ist etwas, was mit dem deutschen Recht so nicht geht."

Und so erfahren Sourour Guizani und Sewa Tastan, dass ihr Mitgefühl für die Flüchtlinge sich nicht umstandslos in politisches Handeln umsetzen lässt. Daran haben die beiden Mädchen zu knacken.

"Die grenzt ja immer noch Leute ab. Also, bei jedem ist es, glaube ich, schlimm. Ich glaube, sie meint wohl damit, dass wir uns das so vorgestellt haben, dass wirklich alle Flüchtlinge aufgenommen werden, aber es gibt ja immer noch Regeln. Hat vielleicht auch alles seinen Grund. Aber ist schon so etwas traurig."

Elena Müller, deren Eltern sich auch für Belange von Flüchtlingen einsetzen, beurteilt den Workshop positiv.

"Ich fand es eigentlich ziemlich interessant, also ich habe auch viele Sachen erfahren, die ich jetzt zum Beispiel noch nicht wusste. Ich fand es ziemlich gut."

Mehr als 50 Prozent dieser Kreuzberger Schüler stammen aus Einwandererfamilien. Das Thema des Workshops wurde ihnen nicht von den Lehrern angeboten. Sie haben es sich selbst ausgesucht.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:02 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 09:10 Uhr Das Wochenendjournal

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 07:00 Uhr Early Bird

Aus unseren drei Programmen

Flüchtlingspolitik Familiennachzug - ein politischer Kampfbegriff

Flüchtlinge demonstrieren vor dem Innenministerium in Berlin und fordern den Familiennachzug. (picture alliance / Silas Stein/dpa)

Wer seit 2015 so tat, als würde mit der Wiedereinsetzung des so eng begrenzten Rechts auf Familiennachzug eine gewaltige Schleuse geöffnet, habe schlicht gelogen, meint Stephan Detjen. Denn anders als behauptet, ließen sich mit diesem Steuerungsinstrument die Flüchtlingszahlen nicht entscheidend drücken.

Schriftsteller Bernhard Schlink"Eine Ehrung für starke Frauen"

Der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink im Juni 2017 auf der phil.Cologne in Köln (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

In seinem Roman "Olga" porträtiert Bernhard Schlink eine Frau im deutschen Kaiserreich. Obwohl sie taub ist, wird sie gegen viele Widerstände Lehrerin. In seiner Hauptfigur steckten viele Frauen, denen er in seinem Leben begegnet sei, sagt Schlink. Die Männerfiguren kommen schlechter weg.

Tagebücher verfolgter JudenSo tragisch, so literarisch wie bei Anne Frank

Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941. Anne Frank war damals ungefähr 11 Jahre alt. (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)

Das Tagebuch der Anne Frank gehört zu den bekanntesten Zeugnissen verfolgter Juden im Nationalsozialismus. Doch neben ihr schrieben Hunderte anderer junger Juden über ihre Erlebnisse.

GroKo-VerhandlungenNeustart für Europa?

Bei einer Kundgebung im französischen Toulouse schwenken pro-europäische Aktivisten EU-Flaggen. (imago stock&people)

Der SPD-Sonderparteitag am Sonntag stimmt darüber ab: Wird die GroKo verhandelt, ja oder nein? Es wird zugleich ein Votum für oder gegen einen politischen Neustart in der EU sein, glaubt Jörg Himmelreich.

RohingyaAngst vor der Rückkehr

Kinder der muslimischen Rohingya im Thankhali Flüchtlingslager in Bangladesch (AFP / Uz Zaman)

Myanmar und Bangladesch wollen in der kommenden Woche mit der Rückführung von Rohingya-Flüchtlingen beginnen, die in den Flüchtlingslagern in Süd-Bangladesch leben. Aber die Menschen dort wollen nicht zurück, zumindest nicht jetzt. Zu tief sitzen die Wunden, zu groß ist das Misstrauen.

VolkswagenAls der VW Käfer kriselte

Ein VW-Käfer mit historischem "H"-Kennzeichen bei einer Ausfahrt. (imago/Rüdiger Wölk)

Sparsam, zuverlässig, einfach zu reparieren: Der VW Käfer war das Auto der Wirtschaftswunder-Jahre und bald ein Exportschlager. Bis 1978 wurde er noch in Emden produziert, dann war aber Schluss: Der Käfer war nicht mehr zeitgemäß.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Keine Einigung auf US-Haushalt  "Shutdown" in Kraft getreten | mehr

Kulturnachrichten

Oscar-Preisträgerin Dorothy Malone gestorben | mehr

 

| mehr