Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Wurde Arafat vergiftet?

Neuer Bericht zum Tod des Palästinenserführers

Jassir Arafat, früherer Palästinenser-Führer (AP)
Jassir Arafat, früherer Palästinenser-Führer (AP)

Wissenschaftler aus der Schweiz halten es für möglich, dass der frühere Palästinenserführer Jassir Arafat vergiftet worden ist. In seinem Körper soll eine deutlich erhöhte Konzentration des radioaktiven Elements Polonium nachgewiesen worden sein.

Das Rätselraten um den Tod Arafats geht weiter. Eindeutige Beweise dafür, dass sein Tod im Jahr 2004 einen unnatürlichen Hintergrund hatte, liefert auch der neue Bericht nicht. Aber die Mediziner des "Institut de radiophysique" in Lausanne halten es nach ihren Untersuchungen zumindest für möglich. Der britischen Zeitung "The Guardian" und dem Fernsehsender "Al-Dschasira" liegt die Untersuchung vor. Demnach haben die Experten Proben analysiert, die bei einer Exhumierung Arafats vor knapp einem Jahr entnommen worden waren.

Polonium kann Organen irreparabel schaden

Dabei wurde eine Konzentration von Polonium 210 festgestellt, die 18-mal höher ist als üblich. Das Element ist vor allem dann gefährlich, wenn es in den Körper gelangt. Also beispielsweise beim Essen oder Trinken. Dann kann die radioaktive Substanz irreparable Schäden an Organen anrichten.

Die Symptome, die bei Arafat kurz vor seinem Tod auftraten, unterstützen die These, dass er mit einem radioaktiven Stoff vergiftet wurde. So berichteten behandelnde Ärzte von Übelkeit, Erbrechen und Abgeschlagenheit. Solche Symptome treten auch bei Menschen auf, die radioaktiv verstrahlt wurden. Der Fall weist Ähnlichkeiten auf zu dem des verstorbenen russischen Agenten Alexander Litwinenko, der mit Polonium vergiftet worden war.

Gewebeproben sind Basis der Berichte

Der Bericht der Schweizer Experten ist einer von dreien. Delegationen aus Russland, der Schweiz und Frankreich hatten den Auftrag bekommen, die Hintergründe des Todes des früheren Palästinenserpräsidenten aufzuklären. Allen liegen als Basis Gewebeproben zugrunde, die bei der Exhumierung entnommen wurden.

Als erstes waren Mitte Oktober Ergebnisse der russischen Wissenschaftler bekannt geworden. Der Leiter der Bundesbehörde für biologische Analysen, Wladimir Uiba, sagte laut der Nachrichtenagentur Interfax, dass Arafat nicht an einer Vergiftung mit Polonium gestorben sein könnte. Bei den Untersuchungen seien keine Spuren dieser Substanz entdeckt worden. Ein offizielles Ergebnis der russischen Untersuchung liegt aber bislang nicht vor. Auch die französischen Analysen sind bisher nicht veröffentlicht worden.

Zahnbürste wies Polonium-Spuren auf

Das Gerücht, dass Arafat mit Polonium vergiftet worden sein könnte, war im vergangenen Jahr aufgekommen, nachdem Wissenschaftler angeblich persönliche Gegenstände Arafats untersucht hatten. Unter anderem an einer Zahnbürste waren Spuren von Polonium 210 entdeckt worden. Viele Palästinenser glauben, dass Israel ihren ehemaligen Anführer vergiftete. Die israelische Regierung hat das immer bestritten.

Nach Auffassung von Egmont Koch, Nahostkenner und Autor des Films "Lizenz zum Töten - wie Israel seine Feinde liquidiert", kann nicht jedes Land das radioaktive Gift beschaffen. Der israelische Geheimdienst Mossad hätte aber diese leise Exekution - ohne größeres Aufsehen - leisten können, sagte Koch im Deutschlandfunk.

Kritik aus Israel

Aus dem israelischen Außenministerium kam unmittelbar nach Bekanntwerden des Berichts Kritik an den wissenschaftlichen Standards der Experten. "Alles ist sehr, sehr unklar", erklärte Ministeriumssprecher Jigal Palmor in der "Jerusalem Post". Zum einen hätten die Mediziner keinen Zugang zu Arafats Krankenakte gehabt. Noch hätten sie die Räume des Pariser Krankenhauses untersucht, in denen Arafat verstarb. "Wie kann man eine Todesursache feststellen, ohne alle notwendigen Informationen zu besitzen", fragte sich Palmor. Das sei alles nicht seriös.

Bei den meisten Palästinensern habe das neue Obduktionsergebnis von Arafat keine Überraschung ausgelöst, schilderte der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah, René Wildangel im Deutschlandfunk. Ihnen sei ohnehin klar, dass ihr früherer Präsident ermordet worden sei. Vonseiten der Palästinenser gebe es aber keine offizielle Schuldzuweisung und auch sonst seien die Reaktionen zurückhaltend, sagte Wildangel. Es werde aber überlegt, wenn der Bericht vorliege, ein offizielles internationales Gerichtsverfahren anzustreben.

Mehr auf dradio.de:

"Es ist ziemlich klar, dass der russische Geheimdienst zugeschlagen hat" - Scholl-Latour über die Ermordung des Geheimagenten Litwinenko

 

Letzte Änderung: 11.11.2013 23:12 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 16:10 Uhr Büchermarkt

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 15:30 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

100 Jahre Schlacht von VerdunDas deutsch-französische Verhältnis ist gestörter denn je

Frankreichs Präsident Francois Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel - voneinander abgewandt (imago / Belga)

In der Energie- und Umweltpolitik: nur Gegensätze und Konflikte. Aber auch in der Außenpolitik sucht man vergeblich nach Gemeinsamkeiten. Deutschland und Frankreich sind weit auseinander gerückt, meint der Historiker Klaus Manfrass.

Präsidentschaftskandidat TrumpTweets statt Sicherheitspolitik

Donald Trump bei einer Rede nach den Vorwahlen in Indiana. (picture alliance / dpa / Justin Lane)

Donald Trump hat es geschafft: Nach aktuellen Zählungen wird er der Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Am Rande des G7-Gipfels zeigte sich Präsident Barack Obama besorgt. Er sei mehr an Schlagzeilen und Tweets interessiert, statt an Amerikas Sicherheit zu denken.

TunnelbauAugen zu und durch den Gotthardt

Mineure warten am 7.11.2002 im Gotthard-Basistunnel bei Bodio auf die Inbetriebnahme der 400 Meter langen und 3000 Tonnen schweren Tunnelfr (picture-alliance / dpa/Keystone Karl Mathis)

17 Jahre nach der ersten Sprengung eröffnet die Schweiz am 1. Juni 2016 den Gotthard-Basistunnel als längsten Eisenbahntunnel der Welt. Genau genommen sind es zwei Röhren, die das Sankt-Gotthard-Massiv durchstoßen. Möglich wurde das Mammutprojekt durch den Einsatz einer besonderen Tunnelbohrmaschine.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Hiroshima  Historischer Besuch von Obama | mehr

Kulturnachrichten

Parlamentarischer Untersuchungsbericht zur Staatsoper Unter den Linden erwartet  | mehr

Wissensnachrichten

Hate-Speech  Studie: Hälfte aller frauenfeindlichen Tweets von Frauen | mehr