Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Wut und Trauer nach Fußball-Krawallen

Ägyptische Polizei ließ Schläger offenbar gewähren

Wer steckt hinter den Ausschreitungen in Port Said? (picture alliance / dpa / Stringer)
Wer steckt hinter den Ausschreitungen in Port Said? (picture alliance / dpa / Stringer)

Bei den Fußballkrawallen in Ägypten sind mindestens 74 Menschen gestorben. 170 sollen noch in Lebensgefahr schweben. Schon wird darüber spekuliert, wer die Ausschreitungen angezettelt haben könnte. Die Spieler der beteiligten Mannschaften erheben schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

Am Tag nach den blutigen Krawallen im Stadion von Port Said sind der regionale Gouverneur und sein Sicherheitschef zurückgetreten. Der regierende Militärrat kündigte eine Untersuchung der Vorgänge an und löste den Vorstand des Nationalen Fußballverbandes auf; und die Staatsanwaltschaft lud dessen Mitglieder vor. Augenzeugen beschuldigen derweil die Sicherheitskräfte der Untätigkeit.

Entsetzen herrscht auch bei den Spielern der Mannschaften, die gestern Abend aufeinandergetroffen waren. Wie Deutschlandradio-Korrespondentin Cornelia Wegerhoff berichtet, sind die Profis wütend vor Trauer und klagen die Sicherheitskräfte und die Politik an. Einzelne Spieler berichten, dass vor ihren Augen Menschen getötet worden seien.

Nach wie vor Unklarheit über Opferzahl

Darüber, wie viele Menschen das Ligaspiel zwischen Al-Masri Port Said und Al-Ahly Kairo nicht überlebten, schwanken die Angaben weiterhin. Die Regierung spricht von 71 Toten, Quellen vor Ort von bis zu 78 Opfern. Hunderte von Fans wurden teils schwer verletzt.

Mit Messern und Macheten

Überlebende berichteten, die Angreifer seien mit Messern und Macheten auf Spieler und Fans der Gäste losgegangen. Viele der Toten wiesen Stichwunden auf, die meisten aber sind nach Angaben der Rettungsdienste erstickt. Sie waren in einen unterirdischen Gang geflüchtet, um das Stadion zu verlassen. Die Ausgangstür sei aber verschlossen gewesen, und die Menschen hätten sich in ihrer Todesangst gegenseitig niedergetrampelt.

Wem nützte die Gewalt?

In Ägypten hat unterdessen die Diskussion um die Verantwortung für die Gewaltorgie begonnen. Die Partei der Muslimbrüder, die bei der Parlamentswahl stärkste Kraft im Land geworden ist, beschuldigte Anhänger des gestürzten Präsidenten Mubarak, die Gewalt inszeniert zu haben. Andere Stimmen bezichtigen den regierenden Militärrat selbst. Er wolle sich als Garant von Stabilität und Ordnung in Szene setzen und die Revolution in Verruf bringen.

Revanche für die Revolution?

Vor allem Anhänger des angegriffenen Vereins Al-Ahly vertreten diese These. Sie verweisen darauf, dass die militanten Fans von Al-Ahly während der Auseinandersetzungen auf dem Tahrir-Platz im letzten Frühjahr wiederholt die auf dem Platz versammelten Demonstranten gegen Angriffe von mubarak-treuen Schlägertrupps geschützt hätten. Die Bluttat von Port Said sei eine Revanche des Regimes für dieses Engagement.

Polizei Gewehr bei Fuß

Anhänger des örtlichen Klubs Al-Masri Port Said wiesen die Verantwortung für die Ausschreitungen von sich. Schließlich habe ihr Klub das Spiel mit 3:1 gewonnen und so allenfalls Anlass gehabt zu feiern. Sie warfen Polizei und Militär vor, die gewaltbereiten Zuschauer nicht kontrolliert zu haben und während der Angriffe nicht eingeschritten zu sein. Fernsehbilder bestätigen diese Darstellung. Ein Polizeisprecher sagte, es seien ausreichend Kräfte präsent gewesen, sie hätten aber die Anweisungen gehabt, sich bei Protesten zurückzuhalten. Krawalle als Proteste darzustellen - diese Gleichsetzung kommt von einem Polizisten. Ein Freudscher Versprecher?

Video-Link:

Mehr als 70 Menschen sterben bei Ausschreitungen in Port Said (tagesschau.de)


Mehr zum Thema bei dradio.de:

Themen der Woche: Ägypten ein Jahr nach der Revolution

Der arabische Aufstand - Sammelportal

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:47 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 05:30 Uhr Nachrichten

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 05:30 Uhr Nachrichten

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Italienische KücheNonnenbrüstchen und Heiligenphallus

Italienisches Gebäck, von oben fotografiert (imago stock&people)

Italien ist ein katholisch geprägtes Land. Das gilt auch für die italienische Küche. Hunderte Rezepte gibt es, die an Heiligenfiguren erinnern. Eine Journalistin und eine Historikerin haben die Geschichten und Rezepte jetzt in einem Buch zusammengefasst. In Italien sind die "Heiligen Zubereitungen" bereits ein Bestseller.

Vor 100 Jahren geborenUS-Präsident John F. Kennedy und sein Rendezvous mit dem Schicksal

Der amerikanische Präsident John F. Kennedy gibt am 22.10.1962 in Washington in einer Fernsehansprache an die Nation die Blockade Kubas bekannt. (epa afp)

Als jüngster jemals gewählter US-Präsident verkörperte John Fitzgerald Kennedy mit seinem strahlenden Charisma für viele Zeitgenossen den Aufbruch in eine hellere Zukunft. Doch hinter dem Mythos JFK verbarg sich ein von Todeserfahrungen geprägter Charakter. Innen- wie außenpolitisch setzte er wegweisende Akzente. Heute vor 100 Jahren wurde Kennedy geboren.

Life-HacksBasteln mit Bierkästen

Bierkästen sind toll - weil sie ein köstliches Getränk beherbergen - und weil es kaum einen Gegenstand gibt, der besser für Life-Hacks geeignet ist.

Filmpreise in CannesSatire "The Square" gewinnt Goldene Palme

Ruben Östlunds "The Square" gewinnt in Cannes die Goldene Palme (28. Mai 2017) (AFP / Alberto Pizzoli)

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund erhält für seine Gesellschaftssatire "The Square" die Goldene Palme. Sehr verdient, urteilt unser Filmkritiker Patrick Wellinski. Als beste Schauspielerin wurde Diane Kruger im deutschen Wettbewerbsbeitrag von Fatih Akin ausgezeichnet.

Nach Trumps erster AuslandsreiseDie Bilanz der Veteranen

US-Außenminister Rex Tillerson steht neben dem Rolling-Thunder-Gründer Artie Muller (3. von rechts  (AFP / Paul Richards)

Am Memorial Day gedenken die USA alljährlich ihrer Kriegsgefallenen. Auch Zigtausende von Veteranen sind auf ihren Harleys nach Washington DC gekommen. Viele von ihnen sind Trump-Fans nach der einfachen Formel: Harley = Veteran = Trump. Gefragt nach der Bilanz von Trumps erster Auslandsreise fällt das Urteil ziemlich eindeutig aus.

Trekkingräder im TestNicht immer überzeugend

Ein Mann fährt auf einem Trekkingrad. (imago / Westend61)

Mehr als vier Millionen neue Fahrräder kauften die Deutschen im vergangenen Jahr. Und rund ein Drittel sind Trekkingräder, die als ideal für die Stadt, aber auch für längere Touren über Land gelten. Die Stiftung Warentest hat Modelle für Damen und Herren untersucht. Längst nicht alle konnten überzeugen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Nordkorea  Kim Jong Un kündigt Entwicklung weiterer Waffen an | mehr

Kulturnachrichten

Wolf Erlbruch  erhält Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis | mehr

 

| mehr