Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Zu viel, zu wenig, ausreichend?

Die Politik debattiert über das Gehalt deutscher Regierungschefs

Peer Steinbrück hat eine Debatte über das Gehalt deutscher Bundeskanzler losgetreten. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Peer Steinbrück hat eine Debatte über das Gehalt deutscher Bundeskanzler losgetreten. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Nachdem sich der SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück mit dem Satz zitieren ließ: "Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin", ist eine parteiübergreifende Debatte entstanden. Die meisten zeigen wenig Verständnis für Steinbrücks Äußerung - auch in der eigenen Partei.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezog über Regierungssprecher Steffen Seibert Position. In der "Bild"-Zeitung sagte er, das Gehaltssystem im Öffentlichen Dienst und den Staatsämtern sei ausgewogen und auskömmlich und habe sich alles in allem bewährt.

Ähnlich klangen die Reaktionen aus Steinbrücks eigener Partei. "Wenn wir Politiker uns an den Gehältern in der Wirtschaft orientieren, dann machen wir einen Fehler", sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Wiefelspütz der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Sein Kollege Hans-Peter Bartels riet Steinbrück, sich eher am Öffentlichen Dienst zu orientieren. Als Kanzler wirken zu können, sei eine Ehre: "Man macht es nicht, um reich zu werden." Ähnlich äußerten sich der Haushaltspolitiker Carsten Schneider und Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner. Auch Altkanzler Gerhard Schröder findet "die Politiker in Deutschland angemessen bezahlt". Er habe davon immer leben können, sagte er der "Bild am Sonntag". "Und wem die Bezahlung als Politiker zu gering ist, der kann sich ja um einen anderen Beruf bemühen."

Thierse stellt sich hinter Steinbrück

Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat Steinbrück derweil den Rücken gestärkt. Im Deutschlandfunk sagte er, die Feststellung, dass die Bezüge in Relation zu denen anderer Führungskräfte niedrig seien, hätten schon viele andere gemacht, sagte Thierse im Deutschlandfunk. Der SPD-Politiker fügte hinzu, die Bemerkung Steinbrücks werde systematisch aufgebauscht.

Naturgemäß schärfer fällt die Einschätzung bei den Linken aus. Die Parteichefin Katja Kipping sagte der Nachrichtenagentur dapd, Steinbrücks Klage verhöhne die Wähler und vertreibe sie von den Urnen. Der Ex-Finanzminister solle an seiner Themenwahl im Wahlkampf arbeiten. "Wer ernsthaft meint, dass Kanzler mehr als das Siebenfache des Durchschnittslohns verdienen müssen, der hat als Kanzlerkandidat den Beruf verfehlt."

16.684 Euro plus Zuschläge

Das Bundeskabinett hatte im Mai für sich die erste Gehaltsanhebung seit zwölf Jahren beschlossen, und zwar in drei Stufen. Nach einem ersten Erhöhungsschritt erhält die Kanzlerin derzeit 16.684 Euro Gehalt und eine reduzierte Abgeordnetendiät von 3969 Euro zuzüglich 4045 Euro Aufwandsentschädigungen als Kanzlerin (1023 Euro) und Abgeordnete (3022 Euro). Das Kanzleringehalt steigt zum Januar in einem weiteren Schritt um 1,2 Prozent, auch die Diät wird dann erhöht.

Der Parlamentsgeschäftsführer der Unionsfraktion, Michael Grosse-Brömer, befand derweil, das Kanzlergehalt sei gemessen an der Verantwortung tatsächlich "sehr niedrig". Der CDU-Politiker fügte aber hinzu: "Beschwerden darüber hat man von der Bundeskanzlerin selbst bisher jedenfalls nicht gehört". Umso erstaunlicher sei Steinbrücks Klage.

SPD-Parteichef Gabriel hatte ähnlich argumentiert

Der SPD-Kanzlerkandidat hatte seine Äußerung näher ausgeführt mit den Worten: "Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig - gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt." Ähnlich hatte Anfang November auch SPD-Parteichef Sigmar Gabriel argumentiert.

Steinbrück nahm Bundestagsabgeordnete ebenfalls gegen Kritik an ihren Diäten in Schutz. Diese arbeiteten fast sieben Tage die Woche, durchschnittlich zwölf bis 13 Stunden. Sie seien gemessen an ihrer Leistung nicht überbezahlt: "Manche Debatte, die unsere Tugendwächter führen, ist grotesk und schadet dem politischen Engagement." Der SPD-Kanzlerkandidat, der wegen seiner hohen Nebeneinnahmen durch Vorträge in der Kritik steht, bezeichnete sein Verhältnis zum Geld als "rein instrumentell". Es habe Zeiten gegeben, in denen er sehr wenig Geld gehabt habe. "Heute bin ich, jedenfalls aus der Sicht vieler Menschen, ein vermögender Sozialdemokrat. Aber Geld löst bei mir keine erotischen Gefühle aus."

"Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat"

Hinsichtlich der Popularität Angela Merkels erklärte Steinbrück, sie sei beliebt, weil sie einen Frauenbonus habe. Weibliche Wähler würden ihre Durchsetzungskraft in hohem Maße anerkennen. Die Kanzlerin habe sich "in einer Männerwelt durchgesetzt, wirkt sehr unprätentiös und tritt bescheiden auf". Auch bei SPD-Wählern komme das gut an. "Das heißt aber nicht, dass ich als der Gottseibeiuns wahrgenommen werde", fügte Steinbrück hinzu.


Mehr auf dradio.de
Steinbrücks Problem mit den Frauen- Der SPD-Kanzlerkandidat muss mehr Wählerinnen gewinnen
Wahlforscher: Es wird sehr schwierig für Steinbrück- Matthias Jung zu den Perspektiven für das Wahljahr 2013
Beim Thema soziale Gerechtigkeit hat Steinbrück "Nachholbedarf"- Politologe bescheinigt dem SPD-Kanzlerkandidaten Kämpferqualitäten
Steinbrück weist Vorwürfe in Honorardebatte zurück- SPD-Kanzlerkandidat: Veröffentlichungspflichten "lupenrein" eingehalten
Singapurs Premierminister ist höchstbezahlter Regierungschef der Welt

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 19:10 Uhr Sport am Samstag

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 19:05 Uhr Oper

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 19:00 Uhr Club der Republik

Aus unseren drei Programmen

Jüdisches Leben heute Warum es junge Israelis nach Berlin zieht

Wandgemälde einer deutsche Flagge mit Davidstern an der East Side Gallery in Berlin. Copyright: imageBROKER/EgonxBömsch (imageBROKER/EgonxBömsch)

19 Cent für einen Schoko-Pudding - mit einem Foto davon rief ein junger Israeli vor zweieinhalb Jahren seine Landsleute dazu auf, auch nach Deutschland zu kommen. Inzwischen leben Tausende hier. Eine Forschungsgruppe an der Bergischen Universität Wuppertal erforscht die Gründe.

50 Jahre "Sgt. Pepper´s"Musikgeschichte im Stereomix

The Beatles im Jahr 1967: Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, John Lennon (v.l.n.r.) (imago / United Archives)

"Sgt. Pepper´s Lonely Heart Club Band" feiert kommende Woche sein 50-jähriges Erscheinen - und erstrahlt jetzt im neuen Glanz. Der Sohn des Beatles-Produzenten George Martin hat dem legendären Album ein technisches Update verpasst.

Zum Abschied von Fritz von Thurn und Taxis"Huiii! Ein Hüüüüne!"

Fritz von Thurn und Taxis kommt am Mittwoch (23.02.2011) zur Sky - 3D-Premiere der Oper "Lucrezia Borgia" in München (Oberbayern). (picture alliance / dpa / Volker Dornberger)

Wenn morgen Frankfurt und Dortmund im DFB-Pokalfinale aufeinandertreffen, hat einer sein Abschiedsspiel, der gar nicht auf dem Platz steht: Fritz von Thurn und Taxis, Sportreporter-Urgestein und Legende. Matthias Dell über einen der Großen dieser Zunft.

Manchester nach dem TerroranschlagAuf der Suche nach Normalität

Menschen zünden Kerzen für die Opfer des Attentates in Manchester an. (Chibane/MAXPPP/dpa)

Mindestens 22 Menschen starben, als sich ein Selbstmordattentäter auf einem Popkonzert in Manchester in die Luft sprengte. In der Trauer stehen die "Mancunians", die Bewohner der Stadt, zusammen und helfen sich gegenseitig - egal ob Ärzte, Taxifahrer oder Geistliche. Der Terror hat selbst im Fußball für Einigkeit gesorgt.

Neuro-Doping unter Studierenden"Großes Suchtpotenzial"

Die Grafik eines Kopfes, der mit Blitzen durchzogen ist. (imago / Science Photo Library)

Dank Pillen besser durch die Prüfung? Das praktizieren offenbar so viele Studierende, dass schon Dopingtests an Universitäten gefordert wurden. Der Neuroethiker Dieter Sturma lehnt das ab. Gleichwohl warnt er vor massiven Folgeschäden durch Neuro-Doping.

MietenexplosionKleines Gewerbe in großen Städten ist bedroht

Eine Mutter mit Kleinkind geht an einem Buchladen mit gebrauchten Büchern in der Weserstraße in Berlin-Neukölln vorbei, aufgenommen 2012 (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)

Ein Teeladen, eine Buchhandlung, eine Bäckerei – sie alle bekamen zum Jahreswechsel die Kündigung, weil sie die geforderten Mieterhöhungen nicht zahlen können. Sechs Monate bleiben den drei Gewerbetreibenden aus Berlin – so lange läuft die Kündigungsfrist. Umziehen? Kämpfen? Oder kapitulieren?

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Evangelischer Kirchentag  Appelle gegen Fake News | mehr

Kulturnachrichten

Ökumenischer Jury-Preis in Cannes geht an "Hakari"  | mehr

 

| mehr