Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Zusammenstöße bei Massenprotesten in Tunis

Zehntausende bei Begräbnis von Oppositionspolitiker Belaïd

Gespannte Lage vor Generalstreik in Tunesien
Gespannte Lage vor Generalstreik in Tunesien (picture alliance / dpa / Yann Foreix)

Für die Beisetzung des ermordeten Oppositionspolitikers Chokri Belaïd sind in Tunesien zehntausende Menschen zu Protesten zusammengekommen. Gewerkschafter hatten zu einem Generalstreik im ganzen Land aufgerufen. Am Rande der Trauerfeier kam es zu Zusammenstößen.

Nach den Freitagsgebeten kamen Zehntausende Menschen zur Beisetzung Belaïds in der Haupstadt Tunis zusammen, wie Korrespondent Stefan Ehlert berichtet. Mit Sprechchören und Plakaten protestierten sie gegen die regierenden Islamisten. Wegen des Attentats hatte die größte Gewerkschaft UGTT ferner zu einem landesweiten Generalstreik aufgerufen. Der am Mittwoch erschossene Jurist galt in Tunesien als einer der schärfsten Gegner der von der islamistischen Ennahda-Partei angeführten Regierung. Ministerpräsident Hamadi Jebali bekräftigte inzwischen, dass er die geplante Regierungsumbildung vorantreiben will - und dass er dazu, so Jebali, nicht auf das Votum der Verfassunggebenden Versammlung angewiesen ist.

Von Tunesien sprang vor zwei Jahren noch der Funke der Revolution auf arabische Länder über. Heute befindet sich das nordafrikanische Urlaubsland am Mittelmeer in einer Regierungskrise. Wie vor zwei Jahren löste der Tod eines Tunesiers Unruhen aus. Damals hatte sich ein junger Gemüsehändler aus Protest gegen die Konfiszierung seines Verkaufsstandes angezündet. Vor zwei Tagen wurde der führende Oppositionspolitiker Chokri Belaïd erschossen.

Trauer um Oppositionspolitiker BelaïdTrauer um Oppositionspolitiker Belaïd (picture alliance / dpa / EPA)Am Rande der Trauerfeier kam es zu Zusammenstößen, als eine Gruppe von Demonstranten versuchte, Autos zu beschädigen. Die Polizei setzte Tränengas ein, um die Gruppe auseinanderzutreiben. Auch im Zentrum der tunesischen Hauptstadt Tunis gingen Polizisten mit Tränengas gegen dutzende Demonstranten vor. Ausschreitungen wurden auch aus der Stadt Gafsa gemeldet.

Auch in arabischen Medien wird über das Thema in aller Ausführlichkeit berichtet, etwa auf der Homepagedes Fernsehsenders Al Dschasira aus Katar. Ebenso widmet sich die pan-arabische Zeitung Asharq Alawsatden Unruhen und der Lage in Tunesien. Einen besonders umfassenden Überblick über die Ereignisse des Tages liefert auch der britische Guardian.

Der Islamwissenschaftler Albrecht Metzger wertete die Proteste in Tunesien als Teil des schmerzhaften Demokratisierungsprozesses. "Es besteht die Gefahr", sagte er im Deutschlandfunk, "dass zwischendurch Gewalt stattfinden wird." Dies gehöre offenbar zur Auseinandersetzung zwischen Säkularisten und Islamisten dazu und werde auch noch eine Weile andauern. Demokratisierung in den arabischen Ländern könne nicht von heute auf morgen funktionieren , sondern müsse erkämpft werden. "Ich bin grundsätzlich Optimist, ich hoffe, dass der Demokratisierungsprozess am Ende Erfolg haben wird", sagte der ausgewiesene Kenner der Region.

Eine Atmosphäre der Gewalt

Der Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tunis, Hardy Ostry, sprach auf Deutschlandradio Kultur von einer "angespannten Stimmung" im Vorfeld der Proteste. Die islamistische Ennahda-Partei habe in den vergangenen Monaten eine "Atmosphäre schaffen lassen, die von Gewalt geprägt war und die es hat möglich werden lassen, dass überhaupt ein solches Attentat hat vonstatten kommen lassen".

Ministerpräsident Hamadi Jebali von der Ennahda-Partei steckt in einer Zwickmühle. Sein gesamtes Kabinett will er auflösen, stößt damit jedoch auf Widerstand in der Führung seiner Partei. Der Büroleiter der CDU-nahen Stiftung sprach von einem Befreiungsschlag Jebalis, der auf Distanz zur Parteiführung gegangen sei. "Heute, spätestens morgen wird es hier sicherlich zu einer Neuordnung der politischen Verhältnisse kommen", sagte Ostry. Islamwissenschaftler Metzger wiederum wies auf die verschiedenen Strömungen innerhalb der Ennahda hin. Einige davon seien liberaler, andere seien "Hardliner".

"Gefahr für den politischen Wandel"

Catherine AshtonEU-Außenbeauftrage Catherine Ashton (picture alliance / dpa)Im Ausland äußerten zahlreiche Politiker ihre Besorgnis über die Entwicklungen im Mutterland des Arabischen Frühlings. «Die wachsende Zahl an politischen Gewalttaten durch extremistische Gruppen ist eine Gefahr für den politischen Wandel», schrieben die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle in einer in Brüssel verbreiteten Erklärung.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:06 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 16:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 16:00 Uhr Nachrichten

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Gaucks Russland-Kritik"Freiheit ist nicht selbstverständlich"

Die Schatten von drei ukrainischen Soldaten im Krieg, die Waffen in den Händen halten.

Die Freiheit in Europa sei nicht mehr selbstverständlich, sagte der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter im DLF. An den deutlichen Worten des Bundespräsidenten Gauck an Russlands Adresse sei darum nichts auszusetzen. Dennoch müsse man eine Eskalation des Ukraine-Konflikts vermeiden.

Vor 75 Jahren Der Krieg, der den Völkermord in sich barg

Der Zweite Weltkrieg begann mit dem Angriff Deutschlands auf Polen. Das ZDF zeigt eine zweiteilige Dokumentation darüber, die mit mit dem polnischen Fernsehen koproduziert wurde. Ein sehenswertes Stück Zeitgeschichte.

HygieneEkel hilft

Iiiiigit! Ist das eklig. Wenn ihr das das nächste Mal denkt, dann freut euch. Vermutlich seid ihr gerade einer Infektion entgangen. Denn sich ekeln macht Sinn, weiß die Ekelforscherin Valerie Curtis.

Landtagswahl in SachsenDie "FDP hat Reputation verloren"

Ein Wahlplakat der FDP mit der Aufschrift "Sachsen ist nicht Berlin! Für Schwarz-Gelb: FDP wählen!" ist am 07.08.2014 in starkem Regen an einem Baum in Dresden (Sachsen) zu sehen.

Die FDP müsse dringend den Verfall ihres parteipolitischen Profils aufhalten, will sie in der Zukunft in Deutschland noch eine Rolle spielen, sagte der Politologe Everhard Holtmann im DLF. Die AfD hingegen könne langlebig sein.

BankrottAbwärtsspirale in Motorcity

Die stillgelegte Packard-Autofabrik in Detroit im US-Bundesstaat Michigan

Vor gut einem Jahr hat die einst schillernde Metropole der US-Autoproduktion die Zahlungsunfähigkeit angemeldet. Ein Insolvenzrichter wird jetzt darüber entscheiden, ob der vorliegende Sanierungsplan für Detroit fair und umsetzbar ist.

NetflixHoffentlich besseres Fernsehen

Netflix kommt im September nach Deutschland. Für Serienfans ist das eigentlich ein Grund zur Freude. Was bisher an Infos über den deutschen Netflix-Ableger durchgesickert ist, klingt aber gar nicht so spektakulär.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Ukraine-Krise: EU  entscheidet bis Freitag über neue Sanktionen | mehr

Kulturnachrichten

Tölzer Knabenchor  nach Zerwürfnis ohne künstlerischen Leiter auf China Tournee | mehr

Wissensnachrichten

Sichelzellenanämie  Billiger Test könnte zehntausende Leben retten | mehr