Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Zwischen Bionade und Bulette

Berlin vor der Wahl: Prenzlauer Berg

Von Christian Bremkamp

Auf dem Prenzlauer Berg wird Öko und Familie groß geschrieben (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Auf dem Prenzlauer Berg wird Öko und Familie groß geschrieben (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Am kommenden Sonntag wählen die Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. Was sind die "heißen Eisen", was die Themen, die die Menschen in der Hauptstadt derzeit bewegen? Darüber wollen wir ab heute fünf Tage lang berichten. Zum Auftakt berichtet Reporter Christian Bremkamp vom Prenzlauer Berg.

Papageien zum Frühstück? Auch die gibt es im Prenzlauer Berg; wobei das bunte Federvieh im "Blumencafé" an der Schönhauser Allee nicht auf der Speisekarte steht.

Wenn überhaupt, dann "stehen" Arno und Charly oberhalb der Eingangstür, haben das Geschehen unter sich fest im Blick. Gummibaum neben Kuchentheke, exotische Riesenblüte hinter Sofa aus Stroh, Kakteen-Sammlung in Reichweite eleganter Holz-Tische; dazwischen: Pflanzenliebhaber mit oder ohne Hunger, beziehungsweise Durst.

Michael Scharrschmidt, der Inhaber, kennt den Prenzlauer Berg seit Jahrzehnten. Mit einem ersten, reinen Blumenladen versuchte er sich hier bereits Anfang der Neunziger. Vor gut sechs Jahren dann die Idee mit dem angeschlossenen Café- und Restaurant-Betrieb:

"Dit Postamt stand hier zu dem Zeitpunkt bald sechs Jahre leer. Da ham wa einfach mal rinjepiekt bei der Hausverwaltung und die damaligen Eigentümer waren da sehr, sehr offen."

Eine Offenheit, die Michael Scharrschmidt zunehmend vermisst in seinem Kiez; gerade jetzt in Zeiten des Wahlkampfs. Die Entwicklung der letzten Jahre sieht er mit Sorge:

"Dit is ja historisch jewachsen, im Osten ham sich hier die Leute verkrochen und waren halbwegs sicher vor der Stasi und waren mal bei dem und mal bei dem. Nach der Wende setzte sich das so ein bisschen fort, die Leute strömten hier hin und jeder machte irgendwie wat, aber wenn jetzt mittlerweile Grüne Stadträte erklären, dass dat Bepflanzen von Baumscheiben illegal ist, dann is der Zuch so langsam abjefahren."

Der Zug abgefahren? Noch immer gilt der bislang rot-grün geprägte Prenzlauer Berg als Anziehungspunkt; vor allem junge Familien leben gern in dem Bezirk mit den vielen Altbauten. Doch Michael Scharr-schmidt warnt, die für die Gegend so typische bunte Mischung gehe mehr und mehr verloren:

"Wenn de jetzt mal die Zeitung uffschlägst und guckst wegen ner Wohnung, da bist Du jetzt mittlerweile bei locker zehn Euro uffn Quadratmeter. Da werden irgendwelche Penthouses errichtet, wo 5000, 6000 Euro Miete fällig werden und die fließen innen Mietspiegel ein. Ick mein, is doch irrwitzich."

Wenige Minuten vom "Blumencafé" entfernt, hat in der Traditions-Gaststätte "Zum Schusterjungen" Melli Müller gerade die Mittagsschicht übernommen.

An einem schweren dunklen Holztisch sitzt einer ihrer ersten Gäste: Nils Sparschuh. Das Thema hohe Mieten und der damit verbundene Wegzug der Alteingesessenen ist dieser Tage DAS Thema in Berlin und im Prenzlauer Berg ganz besonders:

"In der Jablonskistraße gibt's jetzt ne Bürgerbewegung, Bürgerformierung, die sich dafür einsetzt, dass die Bäume abgeholzt werden, weil in 20 Jahren nicht mehr soviel Licht in den Wohnungen sein wird, in den ganzen Eigentumswohnungen und dat sind halt schon andere Verhältnisse, als wenn man hier groß geworden is, jabs hauptsächlich Mieter hier und jetzt jibts halt Wohnungsbesitzer und Mieter."

Hohe Mieten, neue Nachbarn, andere Sitten. Vieles hat sich im Prenzlauer Berg verändert. Im "Schusterjungen" scheint die Zeit dagegen stehen geblieben zu sein: Die Einrichtung stammt noch aus DDR-Zeiten. Mitarbeiterin Melli Müller hat dennoch Ihre Entscheidung getroffen: Sie ist aus dem Prenzlauer Berg weggezogen:

"Is mir zu schickimicki, zu öko, zu ... allet ... war nich mehr meins."

Und weder sie noch Nils Sparschuh glauben, dass das, was den Bezirk ursprünglich einmal ausgemacht hat, noch einmal zurückkommen wird:

"Nö, in keinster Weise. Man kann halt nur gucken, dass man als Politiker bestehende Kiezsachen oder Nachbarschaftsjeschichten halt unterstützt. Aber ansonsten isset natürlich immer ne Frage von Geld, und da die Mieten hier immer weiter steigen werden, is dit, denke ich mal, ne Illusion, dass sich da was ändern wird."

Mehr Beiträge und Interviews zu den Landtagswahlen in Berlin und den zurückliegenden Wahlen finden Sie in unserem Sammelportal Landtagswahlen 2011

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:44 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 04:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 04:00 Uhr Nachrichten

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Ermittlungen der UNUkraine verweigert Antifolterkomitee den Zutritt

Ein Keller in Dscherhinsk - hier wurden Zivilisten und Angehörige der ukrainsichen Armee bzw. Freiwilligen-Bataillone festgehalten und gefoltert. (Von der Hilfsorganisationen "Recht auf Frieden im Donbass" zur Verfügung gestellt)

Die Menschenrechtsverletzungen im Kriegsgebiet in der Ostukraine halten an. Die Verbrechen sollen geahndet werden, die Dokumente stapeln sich in Den Haag und Straßburg. Die Ukraine will die Strafverfolgung - doch von Kontrollen auf ihrem Territorium hält sie offenbar nicht viel.

Bastei Lübbe für höhere Buchpreise"Für Kunden ist der Preis zweitrangig"

Buchhandlung (picture alliance / dpa / Foto: Ralf Hirschberger)

Bücher müssen teurer werden: Das fordert Klaus Kluge, Vorstand im Verlag Bastei Lübbe. Dabei gehe es vor allem um das Einkommen von Autoren und die Existenz von Buchläden. Für Käufer sei der Preis nicht entscheidend, sagt er.

KatholikentagAls Mann und Frau und … schuf er sie

Hochzeitstorte mit zwei Frauenfiguren (AFP / Gabriel Bouys)

Gender ist gerade für konservative Christen ein Reizwort, denn sie sehen dadurch Gottes Schöpfungsplan in Frage gestellt. Doch die Veränderungen der Geschlechterbilder machen nicht vor den Toren der Kirche Halt. Zwei große Podien widmen sich auf dem Katholikentag in Leipzig dem Thema Gender und lassen kontroverse Diskussionen erwarten.

FrankreichWie sicher sind die französischen Atomkraftwerke?

Das Atomkraftwerk in Fessenheim in Frankreich (dpa / picture-alliance / Patrick Seeger)

Die französische Atomaufsicht hat ihren Jahresbericht vorgelegt - und den Kraftwerken im Land insgesamt gute Noten ausgestellt. Doch Behördenchef Chevet gab auch zu, dass seine Behörde bei der Aufgabe, die französischen Kernkraftanlagen zu überwachen, zunehmend überlastet sei.

100 Jahre Schlacht von VerdunDas deutsch-französische Verhältnis ist gestörter denn je

Frankreichs Präsident Francois Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel - voneinander abgewandt (imago / Belga)

In der Energie- und Umweltpolitik: nur Gegensätze und Konflikte. Aber auch in der Außenpolitik sucht man vergeblich nach Gemeinsamkeiten. Deutschland und Frankreich sind weit auseinander gerückt, meint der Historiker Klaus Manfrass.

Präsidentschaftskandidat TrumpTweets statt Sicherheitspolitik

Donald Trump bei einer Rede nach den Vorwahlen in Indiana. (picture alliance / dpa / Justin Lane)

Donald Trump hat es geschafft: Nach aktuellen Zählungen wird er der Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Am Rande des G7-Gipfels zeigte sich Präsident Barack Obama besorgt. Er sei mehr an Schlagzeilen und Tweets interessiert, statt an Amerikas Sicherheit zu denken.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Nach Entführung  Journalistin in Kolumbien wieder freigelassen | mehr

Kulturnachrichten

"Fritz Bauer" ist der große Gewinner beim Deutschen Filmpreis  | mehr

Wissensnachrichten

Hate-Speech  Studie: Hälfte aller frauenfeindlichen Tweets von Frauen | mehr