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Zwischen Schutz und Stillstand

Tom Tykwer im Corso-Gespräch

Mit Sigrid Fischer

Regisseur Tom Tykwer (AP)
Regisseur Tom Tykwer (AP)

Auf den ersten Blick ist Tom Tykwers aktueller Film "Drei" eine Art Lebensabschnittsfilm für und über Menschen Mitte 40. Dabei richte er sich, so Tykwer, an Erwachsene jeden Alters, die den Widerspruch zwischen einer Sehnsucht nach Geborgenheit und Stabilität und der Angst vor Stagnation und Stillstand erleben.

Sigrid Fischer: Nach "Das Parfum" und "The International" ist "Drei" ja so eine Art filmischer Zwischenstopp in Deutschland vor dem nächsten internationalen Projekt, die Verfilmung von David Mitchells Roman "Der Wolkenatlas".

Tom Tykwer: Nein, ich weiß noch nicht so genau, was als nächstes kommt. Wir versuchen gerade, als nächstes diesen "Wolkenatlas" auf die Beine zu stellen, aber ich arbeite auch noch an zwei anderen Sachen. Ich sehe mich ja immer so ein bisschen als ... wie so ein Koch, der so unterschiedliche Töpfe gleichzeitig irgendwie so am Köcheln hält, und man wirft Gewürze rein und raus und findet neue Zutaten und will natürlich irgendwie auch ein bisschen erfinderisch sein und nicht nur die Standards vor sich hin kochen. Aber was am Ende zuerst gar ist, das weiß man oft gar nicht. Als ich "International" fertig hatte, wusste ich gar nicht, dass "Drei" der nächste Film werden würde, das heißt, es war nämlich ursprünglich eigentlich ein Film über eine langjährige Zweierbeziehung, die Ups and Downs von dieser Art von Verbindung, in der man ja, wie wir alle wissen, zwar vertrauensvoll zusammenwächst, aber eben auch so ein paar Defizite irgendwie in Kauf nehmen muss, nämlich zum Beispiel, dass man das Neugier-Gen, das ein bisschen unbefriedigt lässt, und dass die, wie soll ich sagen, die Impulsivität und auch eine bestimmte Art von Triebhaftigkeit zwangsläufig nachlassen und man deshalb verführbar wird für andere Verlockungen.

Fischer: Kann es sein, dass diese Generation der Mitte-40-Jährigen, um die es im Film geht, sich auch schnell langweilt, dass die immer einen neuen Kick braucht, dass die sich vor allen Dingen jung fühlen will? Hat das Dilemma vielleicht auch damit zu tun?

Tykwer: Nein, die Leute waren glaube ich immer schon ungeduldig und mit ihren eigenen festgelegten Lebensumständen unzufrieden oder haben darüber verzweifelt, aber hatten einfach überhaupt keine Option früher, sich da irgendwas anderes zu auszudenken. Es war natürlich gesellschaftlich auch viel geächteter, überhaupt über so was nachzudenken. Ich glaube, der Mensch an sich ist disponiert nach steter Erneuerung, und es steht eben in diesem obskuren Widerspruch zu unserem gleichzeitigen Bedürfnis und unserer Sehnsucht nach Schutz, nach Geborgenheit, nach Verbindlichkeit natürlich auch. Und das ist so ein Spannungsfeld, das der Film sehr ernst nimmt.

Fischer: Na ja, aber die Dreiecksbeziehung ist für die allermeisten Menschen ja nicht wirklich die Lösung, das heißt ja auch, sich nicht entscheiden.

Tykwer: Nein, ich finde es eben gerade die mutige Alternative, zu sagen: Was ist denn, wenn wir versuchen, es irgendwie beides zu leben oder hinzukriegen? Das ist ja auch etwas, was sich, glaube ich, wahnsinnig viele Menschen vorstellen und dann wissen, dass das einfach meistens nicht hinhaut.

Fischer: Kann man "Drei" einen Lebensabschnittsfilm nennen, weil er Themen anspricht, die für Mitte-40-Jährige, also Ihre Generation, Tom Tykwer, relevant sind? Die Eltern werden krank oder sterben, man selbst bekommt erste Krankheitsdiagnosen, man hat diese "Was wäre gewesen, wenn ..."-Gedanken. Das sind ja wahrscheinlich Themen, die Sie, Tom Tykwer, auch beschäftigen beziehungsweise die Sie auch in Ihrem Umfeld beobachten.

Tykwer: Ja, wobei ... also ich nehme an, dass Details da drinstecken, die wirklich sehr nahe an sozusagen der Erlebniswelt sind, in der ich mich selber befinde. Gleichzeitig ist es aber auch ein Film, der sich aber ganz generell einfach an Erwachsene eigentlich jeden Alters richtet, weil Erwachsensein ja heutzutage auch was anderes ist als früher, es ist etwas, was uns entgegengeworfen wird. Die Leute zeigen auf uns, du bist jetzt erwachsen, weil du hast gefälligst einen Beruf zu haben. Das ist jetzt dein Beruf, das ist deine Partnerschaft, das ist dein sozialer Raum, das ist der Ort, an dem du lebst. Und da ist ja wieder schon sofort dieser Druck auf uns, uns festlegen zu müssen. Wo wir wieder beim Widerspruch wären, der uns ein Leben lang auch immer wieder zerreißt, dass wir das einerseits ganz gut finden, weil wir dadurch irgendwie eine Art von Identitätsgefühl bekommen, und dass wir gleichzeitig drunter leiden, weil es uns festhält, und das empfindet man immer auch als Stagnation. Die Stagnation hindert uns aber wiederum daran, dass am Ende dieses Lebens etwas wartet, das wir sowieso nicht begreifen, nämlich der Tod, und das löst Panik aus und dann will man raus aus der Stagnation. Und das sind ja dann sehr unterschiedliche Bewegungen, die das auslöst.

Fischer: Stichwort Erwachsenwerden - ich habe das Gefühl, dass diese Kapuzenpullovergeneration gar nicht erwachsen wird, weil sie auch von der Vorstellung der ewigen Jugendlichkeit sehr geprägt ist. Wann ist eigentlich der Punkt da, dass man sich erwachsen fühlt? Gab es den bei Ihnen?

Tykwer: Wir sind schon, glaube ich, Teil einer soziologischen Bewegung, in der die ewig Jugendlichen sich immer weiter ausbreiten, damit ist aber auch glaube ich eher nur etwas gemeint oder beschrieben, was damit zu tun hat, dass eigentlich inzwischen fast alle sogenannten Erwachsenen in einer Zeit aufgewachsen sind beziehungsweise erwachsen geworden sind, die von der Popkultur berührt worden ist. Frühe, Mitte 60er-Jahre - das ist ein großer, zumindest in der westlichen Welt ein großer gesellschaftlicher Paradigmenwechsel gewesen, der uns alle glaube ich grundsätzlich gemeinschaftlich prägt. Sie hat etwas bewirkt, nämlich sozusagen die Auflösung bestimmter Kriterien, in denen man sich sozusagen gegenseitig voneinander abgrenzt. Deswegen habe ich übrigens auch so lange nach einem guten Song gesucht, der diesen Film so stilistisch auch irgendwie einfängt und prägt, und ihn dann in diesem Bowie-Song gefunden, "Space Oddity", weil dieser Song eben also faszinierenderweise einer ist, den 20-Jährige heute genauso cool finden wie 60-Jährige.

Fischer: Die drei in "Drei" leben ja das typische Leben der gebildeten und gut verdienenden Berlin-Mitte-Bewohner, schicke Altbauwohnung, natürlich hat man Karten für die Robert-Wilson-Premiere, man langweilt sich in den Beziehungen. Da könnte man jetzt auch sagen, vor allen Dingen jemand wie Sie, der ja viel in Afrika unterwegs ist in letzter Zeit und da ganz andere Lebenswelten mit ganz anderen Problemen kennenlernt: Was haben die eigentlich für banale Probleme?

Tykwer: Ich finde, es sind alles völlig existenzielle Probleme, die die haben. Die ringen um das richtige Leben miteinander, und das ist eine der größten Fragen, die sich alle Menschen - auch in Afrika oder in Australien oder in Europa - stellen: Wie kriegen wir es hin, eine verbindliche und glücksstiftende Verbindung wirklich über viele Jahre zu halten? Weil wir haben einfach das Streben danach, wir wollen irgendwo zu Hause sein, bei einem Menschen. Und niemand kriegt es so einfach hin. Es betrifft alle Menschen. Die Tendenz, dass wir auch da ausbrechen wollen, ist auch das, was alle irgendwie machen, aber ich bin natürlich dann zum Beispiel auch im Sudan beschäftigt, und da ist es zum Beispiel interessanterweise immer noch völlig normal, dass die Männer sieben oder acht Frauen und so 30, 40 Kinder produzieren. Da wird halt anders damit umgegangen, aber das ist natürlich auch nur ein Konzept, das ja reflektiert, dass dieses Problem existiert. Und das zweifelt auch keiner an, also das Problem ist natürlich, dass die Frauen es nicht dürfen, aber das ist jetzt eine ganz andere Frage. Aber die Grunddisposition hat damit zu tun, dass alle sich damit auseinandersetzen müssen, und insofern glaube ich, dass die Probleme, die die Figuren in "Drei" haben, maximal universell sind.

Fischer: Sie unterstützen ja in Afrika junge Filmemacher bei ihren ersten Projekten, ein Ergebnis davon ist "Soul Boy", der Film läuft seit drei Wochen bei uns in deutschen Kinos. Wirken die Erfahrungen, die Sie dabei machen, auch auf Ihre eigene Arbeit zurück, also verändern die den Blick auf Ihre eigene Arbeitsweise?

Tykwer: Was ich natürlich davon habe, ist überhaupt erst mal dieser Energieschub von Leuten, die wirklich diese Unbedingtheit noch haben, an einem Film arbeiten zu wollen, die mir jetzt nicht unbedingt fremd ist, aber die noch mal so ganz frisch erlebt immer toll ist. Und was ich besonders liebe an dieser Arbeit, ist eben dieses Chaos, in das wir uns da eigentlich werfen, und man trotzdem oft mehr zustande kriegt als eben in unseren super durchgeplanten, perfekt aufgebauten Drehkonstellationen. Dadurch entsteht natürlich ein Improvisationsraum und auch eine Freiheit in der Gestaltung, die ich hoffentlich oder von der ich glaube, dass ich sie mit nach Hause nehme und auch hier irgendwie in meine Filme einbringen kann.

Fischer: In "Drei" fällt irgendwann mal der Satz: "Wahrscheinlich ist man irgendwann zu alt fürs Kino", also gemeint ist, als Zuschauer ist man zu alt. Wie kann denn einem so filmbegeisterten Tom Tykwer dieser Drehbuchsatz überhaupt einfallen?

Tykwer: Ja, ich meine, es geht mir selber oft so, dass ich auch Filme sehe, aber natürlich generell irgendwie Kultur betrachte und nicht verstehe, was andere Leute daran fasziniert, und dann immer sofort ist man von der Angst befallen, dass man irgendwie abgekoppelt ist von dem, was jetzt gerade irgendwie die Menschen bewegt und dass man den Bezug zu den Dingen verliert, die einem wichtig sind. Und das ist für einen selber ja natürlich auch dann der Bezug zur Welt - man fällt raus aus der Welt, und das ist natürlich eine Angst, und der Film handelt ja von diesen Verwirrungen, die uns immer wieder überkommen als Erwachsene oder sogenannte Erwachsene.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:39 Uhr

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