Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Zwischen Solidarität und Tacheles

Bundeskanzlerin Merkel vor Griechenland-Besuch

Bald schon in Athen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Bald schon in Athen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Vor ihrer Reise ins schuldengeschwächte Griechenland wird Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Empfehlungen überhäuft. Aus der Union und auch aus Großbritannien kommt der Appell, Athen keine weiteren Zugeständnisse zu machen. FDP und SPD hingegen fordern Solidarität mit dem Krisenstaat.

Unionspolitiker appellierten an Merkel, bei ihrer bevorstehenden Griechenland-Reise keine Zugeständnisse zu machen. "Sie muss dort Tacheles reden und der griechischen Regierung die Optionen klar machen", sagte Fraktionsvize Michael Fuchs der Nachrichtenagentur Reuters. Aufweichungen oder Zeitverzögerungen bei den Reformen dürfe sie nicht zulassen.

Ähnlich äußerte sich sein Fraktionskollege Michael Meister. Merkels Besuch in Athen solle nicht als Zusage für weitere Finanzhilfen gewertet werden, sagte Meister. "Über weitere Finanzhilfen für Griechenland wird nicht auf dieser Reise entschieden, sondern erst nachdem die Troika ihren Bericht abgegeben hat."

Europaparlamentspräsident Schulz (SPD): Solidarität der Deutschen bekunden

 Martin Schulz, Fraktionschef der Sozialisten im Europa-Parlament (AP Archiv)Martin Schulz, Fraktionschef der Sozialisten im Europa-Parlament (AP Archiv)Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, hat dagegen mehr Spielraum für die notwendigen Reformen in Griechenland verlangt.

Wenn Bundeskanzlerin Merkel am Dienstag nach Athen fliege, dürfe sie nicht - so wörtlich - als reicher Onkel auftreten, sagte der SPD-Politiker in der "Leipziger Volkszeitung". Stattdessen sollte sie die Botschaft überbringen, dass die Deutschen sehr solidarisch seien.

Weiteres Vorgehen in Griechenland unklar

Auch Außenminister Guido Westerwelle rief zu Fairness und Respekt gegenüber Griechenland auf. Er lehne es ab, das Land einfach abzuschreiben, sagte Westerwelle in einem Interview der "Bild"-Zeitung. Die griechische Regierung stehe wegen ihrer Reformpolitik unter großem Druck. Die Bundeskanzlerin wolle mit ihrem Besuch ihre Anerkennung ausdrücken.

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle wertet die Reise ebenfalls als ein Zeichen der Solidarität. In der "Welt am Sonntag" wies er aber darauf hin, dass es ein Instrumentarium mit festen Regeln für deutsche Hilfen gebe. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin rief die Kanzlerin auf, Scharfmacher und Anti-Europäer in ihren eigenen Reihen unvermissverständlich zurückzurufen.

Griechische Rezession tiefer als angenommen

Ein Geschäft kurz vor der Aufgabe in Thessaloiniki (Andrea Mavroidis)Ein Geschäft kurz vor der Aufgabe in Thessaloiniki (Andrea Mavroidis)In Griechenland selbst ist das weitere Vorgehen in der Eurokrise unklar. Gestern hatte sich die Regierung noch nicht mit den internationalen Geldgebern über das geforderte Sparprogramm einigen können.

Am Freitag wurde bekannt, dass die griechische Wirtschaft tiefer in der Rezession steckt als bislang angenommen. Das Statistikbüro in Athen revidierte die Zahlen für die vergangenen zwei Jahre. Demnach schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2010 um 4,9 Prozent (bisher minus 3,5 Prozent) und 2011 um 7,1 Prozent (bisher minus 6,9 Prozent).

Als Grund für die Revision führte die Behörde einen massiven Rückgang bei den Konsumausgaben der privaten Haushalte an. Für dieses Jahr erwartet die Regierung in Athen einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 6,5 Prozent. 2013 soll sich das Minus auf 3,8 Prozent verringern. Die Daten fließen in die Analyse der griechischen Schuldentragfähigkeit ein, die durch die Troika von Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds erstellt wird. Von ihr hängt die Auszahlung einer weiteren Tranche in Höhe von 31,5 Milliarden Euro ab. Athen hat nach Angaben von Ministerpräsident Antonis Samaras noch Geld bis Ende November.

Großbritannien will EU-Haushalt nicht durchwinken

Die Regierung in Großbritannien sprach sich derweil entschieden gegen eine Aufstockung des EU-Haushaltes aus. Der Haushalt des kommenden Jahres sowie der Finanzrahmen bis 2020 sind seit längerem umstritten. Die Europäische Kommission fordert ein deutliches Plus im EU-Haushalt, unter anderem zur Unterstützung armer Regionen in der EU.

Der britische Premierminister David Cameron droht jedoch damit, den Haushalt der EU zu blockieren, wenn er zu hohe Ausgaben enthält. Dem "Sunday Telegraph" sagte er, eine Ausweitung des europäischen Budgets wäre empörend, wenn gleichzeitig in Großbritannien Haushaltskürzungen anstünden. Notfalls werde er "Nein" sagen.


Weitere Informationen auf dradio.de:

Mehr als nur ein Arbeitsbesuch in Athen
Merkel reist nach Griechenland (Kommentar)

Merkel: Griechenland soll Teil der Eurozone bleiben
Kanzlerin trifft griechischen Premier Samaras in Berlin

Griechenland rutscht immer tiefer in die Rezession
Troika fordert Nachbesserung bei Sparplänen

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:59 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 20:10 Uhr Aus Kultur- und Sozialwissenschaften

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr Konzert

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Deutsche BankCryan will sparen

John Cryan, ab dem 1. Juli Co-Vorsitzender der Deutschen Bank, auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2011. (AFP / Sebastian Derungs)

Der neue Co-Chef der Deutschen Bank, John Cryan, stellte heute nicht nur gute erste Bilanzzahlen vor. Er kündigte auch an, Strukturen zu vereinfachen und ertragsarme Geschäfte abzubauen. Außerdem will er Klarheit über die Rückstellungen für Rechtsrisiken schaffen.

Technik-PolemikCyber-Zombies ohne Sinn und Verstand

Jugendliche Teilnehmer des asiatischen Jugendtags in Südkorea machen ein "Selfie" mit dem Papst (AFP/ Osservatore Romano)

In den 80er-Jahren gehörte Helena Velena zur autonomen Punk-Bewegung in Bologna. Heute ist sie Cyberpunk-Ikone - und kritisiert eine Verflachung der Kommunikation durch die sozialen Netzwerke: "Wir sind alle Cyber-Zombies."

Faire Schuhe"Es gibt kein wirkliches Angebot"

Das Angebot an fair und nachhaltig produzierter Kleidung ist in den letzten Jahren gewachsen. In der Schuhindustrie ist dieser Trend noch nicht angekommen. Das Projekt Change Your Shoes will das ändern.

Kanadas ImmigrationssystemNur die Punkte zählen

Einwanderer fühlen sich in Kanada willkommen geheißen. (Imago - Peter Carroll)

Kanadische Einwanderer werden nach einem Punktesystem bewertet: Berufserfahrung ist gefragt, Englisch- und Französischkenntnisse sind gewünscht. Wer eine Ausbildung vorweisen kann, die besonders gesucht ist, zieht an allen Bewerbern vorbei.

SerieKonsum heute

Eine überdimensionale Euromünze in einem Einkaufswagen (dpa/picture-alliance/Armin Weigel)

Einkaufen ist eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen - und sie konsumieren laut Statistischem Bundesamt so viel wie nie. Doch das Kaufverhalten und die Orte, an denen eingekauft wird, haben sich verändert. Was das für die Innenstädte bedeutet: Thema einer dreiteiligen Reihe im Hintergrund" ab 30. Juli.

BotnetzeDie Parasiten des Internets

Leider nur Spam: Bei E-Mail-Betrug sind häufig sogenannte Botnetze beteiligt. (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)

Wenn die organisierte Kriminalität im Internet zuschlägt, sind oft Botnetze im Spiel - tausendfach infizierte Privatrechner, die zu einer digitalen Armee umfunktioniert werden. In New York bringt eine Gruppe von Künstlern Botnetze zum Klingen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

IWF  Vorerst keine Beteiligung an neuen Griechenland-Hilfen | mehr

Kulturnachrichten

Ai Weiwei in Deutschland eingetroffen  | mehr

Wissensnachrichten

Klimawandel  Natürliche Meeresspiegel-Schwankungen können länger andauern als gedacht | mehr