Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Zypern: Bis zu 40 Prozent Zwangsabgabe auf große Bankguthaben

Demonstranten: "Ihr habt unsere Zukunft zerstört"

Mit jedem Tag, an dem die Banken geschlossen sind, schwindet das Vertrauen der Zyprer weiter. (picture alliance / dpa /Katia Christodoulou)
Mit jedem Tag, an dem die Banken geschlossen sind, schwindet das Vertrauen der Zyprer weiter. (picture alliance / dpa /Katia Christodoulou)

Der Chef der größten Bank Zyperns ist zurückgetreten - offenbar als Reaktion auf die Ankündigung, dass die Zwangsabgabe auf Geldeinlagen höher sein wird als bislang geplant. Guthaben von über 100.000 Euro sollen mit einer einmaligen Zwangsabgabe von bis zu 40 Prozent belastet werden. Die Banken bleiben auf der Insel weiterhin geschlossen, die Zyprer sind sauer.

Andreas Artemis, der Chef der "Bank of Cyprus", ist zurückgetreten. Der Grund: Bei der größten Bank Zyperns sollen Guthaben von über 100.000 Euro mit einer einmaligen Zwangsabgabe von bis zu 40 Prozent belastet werden. Das teilte die Zentralbank am Abend in Nikosia mit. Nach Angaben aus Regierungskreisen sind rund 19.000 Kunden der Bank of Cyprus betroffen. Bisher war von einer 30-prozentigen Zwangsabgabe die Rede gewesen.

Die Banken des Landes bleiben bis Donnerstag geschlossen

Bis zu 100 Euro kann in Zypern noch Geld am Automaten abgehoben werden. (picture alliance / dpa Foto: atia Christodoulou)Bis zu 100 Euro können in Zypern noch am Automaten abgehoben werden. (picture alliance / dpa Foto: atia Christodoulou)Die Banken des Landes bleiben bis morgen geschlossen. Diese Zeit wird nach Angaben der Zentralbank benötigt, um ein reibungsloses Funktionieren des gesamten Finanzsystems zu gewährleisten. Vor der Wiedereröffnung der Banken trifft der Inselstaat Vorkehrungen gegen eine umfassende Kapitalflucht: Abhebungen von Kunden sind auf 100 Euro am Tag begrenzt.

Ursprünglich sollten einige Banken bereits am Dienstag wieder öffnen. Viele Menschen reagierten genervt auf die Verzögerung, berichtete Korrespondent Thomas Bormann im Deutschlandfunk. "Diese Ungewissheit macht uns ganz krank", sagte ein Bankkunde. "Schauen Sie sich um. Die Läden sind leer, die Leute haben kein Geld mehr."

"Ihr habt unsere Zukunft zerstört, raus mit der Troika" skandierten mehrere hundert Schüler und Studenten. Mit Plakaten zogen sie am Dienstag durch die Hauptstadt Nikosias, berichtete Selma Üsük im Deutschlandfunk. In Sprechchören forderten sie, die Verantwortlichen für den "Diebstahl" der zyprischen Guthaben müssten ins Gefängnis.

Tiefe Rezession und steigende Arbeitslosigkeit erwartet

In Europa sind die Reaktionen auf das vereinbarte Rettungspaket unterschiedlich - einig sind sich Politiker und Wirtschaftsexperten allerdings in der Annahme, dass Zypern jetzt auf eine tiefe Rezession zusteuern wird.

Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach will das Rettungspaket für Zypern im Bundestag ablehnen. Zur Begründung sagte er der in Düsseldorf erscheinenden Rheinischen Post, man lade dem kleinen Land Schulden in Höhe von zehn Milliarden Euro auf, die es niemals zurückzahlen könne. Außerdem sei unklar, wie sich die zyprische Wirtschaft erholen solle, wenn die Banken erst einmal zerschlagen seien.

Auch Zyperns Arbeitsminister Harris Georgiades äußerte sich skeptisch zur Zukunft seines Landes. Er sagte der "Bild"-Zeitung, in Folge des Rettungspaketes erwarte er eine tiefe Rezession und eine steigende Arbeitslosigkeit.

Es sei "totaler Quatsch", dass Zypern systemrelevant für den Euro-Raum wäre, findet Frank Schäffler (FDP), Mitglied im Finanzausschuss des Bundestages. "Die Bevölkerung wird getäuscht." Die Abgabe sei willkürlich, aber am Ende müssten Gläubiger von Banken eben auch für ihre risikoreichen Investments haften, so Schäffler im Deutschlandfunk. Allerdings solle Zypern selbst entscheiden, wie der Bankensektor reformiert werde und ob Banken Pleite gehen sollen.

ZEW-Präsident: "Viele Arbeitsplätze werden verloren gehen"

Der Ökonom Clemens Fuest ist Professor für Unternehmensbesteuerung an der Universität Oxford (picture alliance / dpa / ZEW)Im Deutschlandfunk-Interview: Der Ökonom Clemens Fuest vom ZEW (picture alliance / dpa / ZEW)Mehrere Wirtschaftsforscher gehen ebenfalls übereinstimmend davon aus, dass Zyperns Wirtschaft in den kommenden Monaten einbrechen wird. Die Rezession, sagte Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Deutschlandfunk, werde "wahrscheinlich sehr tief sein". Das Land, dessen Wirtschaftsleistung bislang auf dem Banken- und Tourismussektor gefußt hat, müsse nun sein Geschäftsmodell ändern. "Die internationalen Investoren werden mit Sicherheit ihr Geld abziehen, sobald sie das können, oder das, was davon übrig ist, und damit werden viele Arbeitsplätze verloren gehen", so seine Einschätzung.

Die Art der Abwicklung zyprischer Banken hält Fuest für richtig. Bei einer Insolvenz sei es der normale Weg, dass erst die Eigentümer haften, dann die anderen Gläubiger, und dass die Kleinsparer durch das Einlagensicherungssystem geschützt seien. "Und an diese Reihenfolge muss man sich halten". Die Vorgehensweise könne auch modellhaft für andere Bankeninsolvenzen in Europa werden: "Letztlich ist es unvermeidlich zuzugeben, dass Bankguthaben eben auch woanders gefährdet sind, aber eben nur die Bankguthaben oberhalb der Einlagensicherungsfondsgrenze von 100.000 Euro".

DIW: Schnelle Abwicklung von Banken gewährleisten

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) empfiehlt der Eurozone, den Fall Zypern zum Anlass zu nehmen, sich für ähnliche Fälle zu wappnen. "Bei systemrelevanten Instituten muss eine schnelle Abwicklung oder Übernahme und Re-Kapitalisierung durch Bankenaufsicht und Zentralbanken gewährleistet sein", schreibt DIW-Steuerexperte Stefan Bach in einem Gastbeitrag für Handelsblatt Online.

Bach geht davon aus, dass es Zypern ohne zusätzliche Maßnahmen nicht gelingen wird, seine Schuldenprobleme in den Griff zu bekommen. Statt nur die Bankeinlagen zu belasten, könne dazu auch eine "allgemeine Vermögensabgabe auf sämtliche Vermögen" nach Abzug der Schulden erhoben werden.


Mehr zum Thema:

"Schon ein bisschen schizophren" - Goethe-Institutsleiter Björn Luley über die aktuelle Lage in Zypern
"Zurück zur wirtschaftlichen Vernunft" - Der CDU-Politiker Karl Lamers hofft auf abschreckenden Effekt des Zypern-Plans
Bankkunden retten und nicht Institutionen - Finanzexperte Wolfgang Gerke befürwortet Schließung von Banken in Zypern
"Eine Rückkehr des Vertrauens in die Märkte" - Volkswirt Ansgar Belke über die Zypern-Rettung

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:08 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:56 Uhr Wirtschafts-Presseschau

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:30 Uhr Länderreport

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Historiker Zimmermann"Von Peres' Vision ist nichts übrig geblieben"

Moshe Zimmermann im Gespräch. (dpa / Martin Schutt)

Der rechte Flügel in Israel sehe den verstorbenen israelischen Spitzenpolitiker Shimon Peres als Verräter, sagte der Historiker Mosche Zimmermann im DLF. Weil er mit den Palästinensern verhandelt habe, sei er bei ihnen zum Buhmann geworden - auch wenn Peres Visionär gewesen sei, der vom Frieden träumte.

"Umvolkung"AfD lockt CDU-Politikerin nach Twitter-Entgleisung

Die sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla (privat / Laurence Chaperon)

AfD-Vize Beatrix von Storch lädt die umstrittene CDU-Abgeordnete Bettina Kudla nach ihrem "Umvolkungs"-Tweet zum Parteiwechsel ein. Und die Unions-Fraktion streitet heftig über den weiteren Umgang mit der Kollegin. "Twittert nicht gleich alles in die Welt!"

Mundarten in Deutschland Sterben unsere Dialekte aus?

Bayerin im Chiemgau mit Breitenstein und Geigelstein. (imago)

Berliner, die nicht berlinern oder Münchner, die nicht Bayerisch sprechen: Wird es irgendwann keine Dialekte mehr in Deutschland geben? Der Sprachwissenschaftler Sebastian Kürschner kann beruhigen: Ganz so schlimm wird es nicht kommen.

Nach den Anschlägen in DresdenEx-Grünen-Politikerin sieht ein gesamtdeutsches Problem

Die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau. (dpa/picture alliance/Hendrik Schmidt)

Die Anschläge von Dresden und zunehmende Gewaltbereitschaft sind für die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau ein gesamtdeutsches Problem. Es entlade sich lediglich in besonderem Maße in Sachsen, sagte Hermenau im Deutschlandfunk. Sie warnte davor, dass "immer mehr Menschen aus Verzweiflung zur Gewalt greifen".

KolumbienNicht jeder traut dem Frieden

Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos und der Kommandeur der FARC-Guerrilla-Organisation Timoleon Jimenez, alias Timochenko, geben sich beim Festakt in Cartagena die Hand. (AFP / Luis Acosta )

Am Sonntag werden die Kolumbianer über den Friedensvertrag mit der Rebellengruppe FARC abstimmen. Guillermo Arboledo ist Abt eines Benediktiner-Klosters in der Metropole Medellin. Ihm genügt die Vereinbarung nicht, die sozialen Probleme müssten gelöst werden, sagt er. "Solange es keine wirkungsvollen Programme gibt, um den Ärmsten zu helfen, wird dieser Konflikt weitergehen".

Politische RhetorikAbscheu ist keine Lösung

Abscheu ist etwas Körperliches: Diese Frau ist angewidert von ihrem Getränk. (imago/Westend61)

Abscheu ist eine körperliche Reaktion auf etwas Widerwärtiges, ähnlich dem Ekel, und liegt damit im vorpolitischen Raum. Wer politische Positionen und Gegner verabscheut, verlässt den Raum der deliberativen Demokratie, meint der Journalist Alexander Kissler.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Flug MH17  Rakete von Rebellengebiet aus abgefeuert | mehr

Kulturnachrichten

Deutscher Kabarett-Preis für Alfred Dorfer  | mehr

Wissensnachrichten

Youtube-Ripper  Musikindustrie klagt gegen mp3-Downloads | mehr