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Abschied von der Historie

Das Berner Wankdorf-Stadion von 1954 präsentiert sich heute als Business-Center

Von Jürgen Roth

Das EM-Stadion "Stade de Suisse" in Bern 2008. (AP)
Das EM-Stadion "Stade de Suisse" in Bern 2008. (AP)

Mit dem Wunder von Bern von 1954 verbindet man in Deutschland Bilder von enthemmten Menschenmassen und akustische Eindrücke grenzenloser Exaltation. Doch tatsächlich kamen die Fans nur zögerlich, es regnete. Vom inszenierten Massenspektakel war der Fußball noch entfernt. Im Jahr 2008 präsentiert sich das "Stade de Suisse Wankdorf Bern" selbstbewusst als eines der größten Einkaufszentren und teuerstes Gebäude in der Geschichte der Schweiz.

"Sechs Minuten noch im Wankdorfstadion in Bern. Keiner wankt. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren nicht aus, wie könnten sie auch!"

4. Juli 1954. Dreißig Sekunden, bevor Helmut Rahn im Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft das 3:2 gegen Ungarn erzielt, ist Radioreporter Herbert Zimmermann offenbar geringfügig von der Rolle. Die Zuschauer harren nicht aus - und gehen nach Haus’? Oder meint er doch, es halte sie nichts mehr auf den Plätzen, weil die Partie Spitz auf Knopf steht?

Hört man sich die komplette Reportage noch einmal an und achtet vornehmlich auf Zimmermanns Äußerungen zur Atmosphäre im legendären Wankdorfstadion, dann fällt zunächst eine gewisse Enttäuschung, ein gewisser Missmut auf, und später gerät der Botschafter des "Wunders von Bern" regelrecht ins Schwimmen, sobald er das Verhalten der Zuschauer zu schildern versucht.

Mit dem unerwarteten Triumph über das als unschlagbare geltende Team um Puskás und Kocsis verbindet man in Deutschland bis heute Bilder von enthemmten Menschenmassen und akustische Eindrücke grenzenloser Exaltation. Vor Ort stellte sich die Lage jedoch anders dar.

"Die erste Sensation heute hier in Bern: Das Stadion ist nicht ausverkauft. Aber das liegt wohl an der etwas schwierigen Kartenverteilung und vor allem am riesigen Regen","

berichtete Zimmermann kurz nach dem Anpfiff, um hernach, während der ungeheuer rasanten Anfangsphase, mitzuteilen:

""Stand zwo zu eins nach zwölf Minuten im Berner Stadion, das sich allmählich doch wohl bis auf den letzten Platz füllt. Denn die Nachzügler sind erschienen, und ich glaube, dass wir jetzt von fünfundsechzig- oder dreiundsechzigtausend Zuschauern in Bern sprechen können."

"Die Atmosphäre war regnerisch", erzählt Rudi Michel, damals Mitglied des kleinen Teams deutscher Journalisten, heute. "Es stimmt auch, dass der Schwarzmarkt zusammengebrochen war, weil die Schweizer die Deutschen gar nicht sehen wollten. Es war sehr ruhig am Anfang, keineswegs hektisch, und wir konnten sehr bequem auf der Tribüne sitzen."

Von einem Fußball, der von seinen geldgierigen Organisatoren als rauschhaftes Spektakel, als nach den Gesetzen der Vermarktung und der polierten Darstellung im Fernsehen gestaltete Masseninszenierung dirigiert wird, war vor 50 Jahren nicht einmal in Ansätzen etwas zu spüren. Selbst die Aura eines WM-Finales blieb dem gewissermaßen demokratischen Eigensinn des Publikums unterworfen, das sich noch nicht wie Stimmungsvieh in Event-Arenen zusammenpferchen und zur Kulisse für die Regie der selbstherrlichen Funktionäre und ihrer medialen Handlanger und Paladine degradieren lassen musste.

"Und noch etwas muss ich nachholen: Inzwischen sind die etwas bedächtigen Schweizer, die es sich sehr lange überlegt haben, doch ins Stadion gekommen, und das Stadion dürfte mehr oder weniger ausverkauft sein","

merkte Herbert Zimmermann zu Beginn der zweiten Halbzeit an und betonte sodann, dass es "lediglich um ein Spiel" gehe.

Darum geht es dieser Tage weiß Gott nicht mehr. Der Fußball ist von Konzernen und Sportpotentaten, die in obszönen, gefängnisartigen Palästen residieren und dort ihre Goldbarren stapeln (und keinen Cent beziehungsweise Rappen Steuern zahlen), zur Gänze enteignet und zu einer Maschinerie umgemodelt worden, an deren Hebeln mit pseudostaatlichen, ja paradiktatorischen Befugnissen ausgestattete Regenten hocken.

Schmerzhaft sinnfällig wird das beispielsweise, wenn man vor dem neuen, im August 2005 eingeweihten Wankdorfstadion steht - auf einer zugigen Betonplatte, die sich hervorragend für Militärparaden eignet. Der rechteckige Bau mit graubraunen Sichtblenden ragt auf wie der gestaltgewordene Wahn neurotischer Fußballimpresarios und ihrer Koalitionäre, der modernisierungs- und kontrollsüchtigen Sicherheitspolitiker - ein Symbol des dem Profitfetisch geopferten, bis ins letzte reglementierten Fußballs, der in der Bunkerarchitektur der jüngsten Stadiongeneration seinen adäquaten Ausdruck findet.

Romantizistische, nostalgische Aufwallungen sind hier selbstredend fehl am Platz. Doch die Brutalität, die Monstrosität, die sich an derartigen sogenannten Fußballtempeln wie dem, so der offizielle Name, "Stade de Suisse Wankdorf Bern" zeigt, läßt einen schon trübsinnig werden - zumal sie unverblümt mit einer das Spiel selbst endgültig zur Nebensächlichkeit erklärenden Protzgesinnung korrespondiert, von der zum Beispiel die Website der Stadioninhaber, einer Investorengruppe aus Luzern, prachtvoll Zeugnis ablegt.

Das Stade de Suisse sei "das teuerste Gebäude in der Geschichte der Schweiz", ist da zu lesen, es seien "100.000 Kubikmeter Beton verbaut worden, womit das Stadion schwerer als der Eiffelturm ist". In seinem Inneren befinde sich "eines der größten Einkaufszentren der Schweiz", und das "Prunkstück des Nationalstadions" sei "die Champions Lounge" als "Teil des stadioneigenen Business Centers", von dem es in degoutantester Werbepoesie heißt: "Wie ein Silberband legt sich das Business Center Stade de Suisse Wankdorf über die Haupttribüne des Stadions. Wie eine kleine Traumwelt thront es über dem satten Grün des Rasens und strahlt, wenn sich die Abendsonne in der Fensterfront spiegelt."

Auch während der EM-Gruppenspiele in Bern fanden sich bis dato jeweils 32.000 Trottel und Champagnerschlürfer, die genau dort, wo bis 2001 das alte Wankdorfstadion stand, Fußball als soziales Geschehen simulierten und übermorgen noch einmal vortäuschen werden, als Teil einer künstlich erzeugten, durchs Fernsehen aufgeblähten Theaterkulisse.

Vor dem Stade de Suisse wurde im Dezember 2007 die alte Stadionuhr wieder aufgestellt. Sie zeigt das Endergebnis "Ungarn - Deutschland 2:3" an, die Zeiger stehen auf 20.16 Uhr. Eine halbe Stunde vorher hatte Herbert Zimmermann abermals ein paar Bemerkungen zur Atmosphäre fallen lassen, und dass sie gedämpft und alles andere denn ekstatisch gewesen ist, versetzt uns dieser Tage in eine zumindest leis’ wehmütige Stimmung:

""Auch für einen Schiedsrichter ist es eine schwere Aufgabe, ein solches Spiel immer richtig, immer ganz genau zu pfeifen im Hexenkessel der Siebzigtausend, obwohl der Ausdruck 'Hexenkessel' nicht ganz zutrifft, denn die Schweiz ist bekannt dafür, dass ihre Zuschauer durchaus diszipliniert und objektiv sind."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:30 Uhr

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