Aktuelles Durch Qualität und Verlässlichkeit überzeugen

Interview mit Ralf Müller-Schmid, Programmchef Deutschlandfunk Kultur

Deutschlandfunk Kultur-Programmchef Ralf Müller-Schmid im Interview mit Christian Sülz, Leiter Kommunikation und Marketing (Deutschlandradio / Anne Boschan)
Deutschlandfunk Kultur-Programmchef Ralf Müller-Schmid im Interview mit Christian Sülz, Leiter Kommunikation und Marketing (Deutschlandradio / Anne Boschan)

Christian Sülz: Sie haben vor Ihrer Zeit als Programmchef von Deutschlandfunk Nova bereits von 2006 bis 2009 als Redakteur bei Deutschlandradio Kultur gearbeitet. Erinnern Sie sich noch an das Thema Ihres ersten Beitrags damals?

Ralf Müller-Schmid: Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, ich habe ein Buch von Richard Rorty besprochen. Ironie und Liberalismus, das waren die großen Themen des mittlerweile verstorbenen amerikanischen Philosophen. Rorty glaubte daran, dass sich eine freizügige Gesellschaftsordnung schon allein aufgrund ihrer alltäglichen Attraktivität gegenüber jeder Form von Zwang und Bevormundung durchsetzen würde. Ich teile diesen Optimismus, auch wenn sich das vielleicht etwas unzeitgemäß anhört. Kultur und Freiheit gehören zusammen, da hatte Rorty ganz bestimmt Recht.

Jetzt sind Sie seit März wieder aus Köln zurück im historischen RIAS-Funkhaus in Berlin Schöneberg. Was reizt Sie an der Rückkehr / Worauf freuen Sie sich besonders?

In diesem Haus treffen sich viele historische Linien. Die demokratische Neuordnung nach dem Weltkrieg, die Wiedervereinigung Deutschlands, aber auch die Mediengeschichte, vor allem natürlich die des Hörfunks. Darin steckt eine Energie, die man spürt, sobald man das Haus betritt. Mir gefällt auch, dass das Gebäude dabei ganz sachlich und ohne oberflächliche Attitüde daherkommt. Ein wunderbares Zuhause für unsere Angebote.

Bei Deutschlandfunk Nova werden die Hörerinnen geduzt, die Themenauswahl orientiert sich an einer jungen Zielgruppe, die Musik ist progressiv. Jetzt kehren Sie zurück in die Welt der klassischen Musik, Klangkunst und Hochliteratur. In welcher der beiden Sphären fühlen Sie sich eher "zuhause" und welche Impulse nehmen Sie aus Ihrer Zeit bei Deutschlandfunk Nova mit?

Ich empfinde das nicht als Übergang von einer Welt in eine andere. Ob nun Du oder Sie, wir versuchen einfach die richtige Art zu finden, wie Menschen heute angesprochen werden möchten, das hat weniger mit Zielgruppenforschung zu tun als mit Umgangsformen. Mit oben und unten in der Kultur tue ich mich schwer. Wenn Bücher, Musik und Stücke gut gemacht sind, dann sind sie auch in der Lage, sehr viele Menschen zu erreichen. Und ob etwas fortschrittlich ist, bemisst sich nicht an der Zugehörigkeit zu einer Gattung, schon gar nicht in der Musik. Ich selbst fühle mich genauso wohl bei Radiohead, wie bei Mozart oder Lachenmann.

In den vergangenen Jahren wurde das Programm von Deutschlandfunk Kultur in Richtung eines feuilletonistischen Ansatzes und weitem Kulturbegriff kontinuierlich modernisiert. Planen Sie weitere Veränderungen?

Das Programm steht sehr gut da. Mir geht es vor allem darum, mit den Kolleginnen und Kollegen diese Stärken noch deutlicher herauszuarbeiten. Dazu gehört auch, dass wir unser Augenmerk auf die digitale Weiterentwicklung des Angebots richten. Nicht nur im technischen Sinne, sondern indem wir die Frage beantworten, welche medialen und kulturellen Formen das digitale Zeitalter in Zukunft braucht. An Podcasts kommt im Moment niemand vorbei, aber wie sieht es in fünf Jahren aus?

Podcasts boomen, Radio wird immer häufiger über Apps oder Plattformen wie Spotify gehört, Inhalte sollen "snackable" sein: Was bedeutet das für ein bundesweites und vorwiegend lineares Kulturprogramm wie Deutschlandfunk Kultur mit seinen aufwendig produzierten Hörspielen, Features und Konzertübertragungen?

Das bedeutet vor allem, dass wir unsere Besonderheit nicht verstecken dürfen. Gedudel passt nicht zu uns, weder im Pop noch in der Klassik. Die Hörerinnen und Hörer erwarten das auch nicht von uns. Stattdessen können wir den Wert von aufwendigen und anspruchsvollen Produktionen selbstbewusst und transparent herausstellen, etwa im Hörspiel und in der Radiokunst. Auch unser journalistisches Angebot muss durch seine besondere Qualität und Verlässlichkeit überzeugen. Wir ordnen ein und liefern Hintergründe, damit unser Publikum sich ein umfassendes und differenziertes Bild der Gegenwart machen kann. Damit sind wir übrigens auch auf digitalen Plattformen wie Spotify erfolgreich, gerade weil wir in einem hochdiversen Umfeld klar erkennbar bleiben. 

Die drei Programme von Deutschlandradio berichten bundesweit. Wie wichtig ist Ihnen – insbesondere bei der Kulturberichterstattung – der Blick in die Fläche, auf die kleineren Projekte, die Museen und Konzerthäuser abseits der Landeshauptstädte und Kulturmetropolen?

Ich habe den Eindruck, dass Kritik am Föderalismus in den letzten Jahren modisch geworden ist. Wir schauen auf die europäischen Nachbarn mit zentralistischer Tradition und meinen, da finde man deshalb einfache Lösungen für komplexe Probleme. Im föderalen System ist dagegen so etwas wie eine Diversitätsgarantie angelegt. Anders gesagt: echte kulturelle Vielfalt entsteht auch in der Provinz und durch die Provinz. Das können wir nur erfahrbar machen, wenn wir jenseits der Metropolen für kulturelle Impulse sensibel bleiben. Diese Vielfalt ist die Voraussetzung für die künstlerische Exzellenz, die es dann natürlich auch in eine internationale Metropole wie Berlin zieht. Um diesen großen Bogen geht es, das muss sich auch in unserer Berichterstattung spiegeln. Dazu haben wir ein bundesweites journalistisches Netzwerk, damit uns nichts Wichtiges entgeht.

Wenn die Kulturinstitutionen in Berlin nach der Corona-Krise wiedereröffnen: Wohin zieht es Sie zuerst?

Ich habe da keine feste Reihenfolge, mir fehlt im Augenblick wie vielen vor allem die Selbstverständlichkeit des öffentlichen Lebens. Natürlich werde ich unsere Orchester und Chöre besuchen und freue mich auf großartige Musik genauso wie auf die vielen Theater, Messen und Museen. Auf diese Orte der Gemeinsamkeit freue ich mich sogar am meisten, gerade weil sie derzeit keine Selbstverständlichkeit mehr sind.


Das Interview führte Christian Sülz, Leiter Kommunikation und Marketing, Deutschlandradio

Letzte Änderung: 04.06.2020 17:46 Uhr