Aktuelles Journalistisches Selbstverständnis: Unsere Leitlinien

Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien über aktuelle Herausforderungen und die Grundlagen journalistischer Arbeit

5. Kölner Forum für Journalismuskritik: Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien (David Ertl)
Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien (David Ertl)

Vertrauen ist die entscheidende Währung – Vertrauen zwischen Autorinnen und Autoren und Redaktionen. Unsere Autoren arbeiten selbstständig und selbstbewusst – auch geschützt. Es geht darum, nicht einfach, sondern richtig zu erzählen, und zwar auch dann, wenn die Wirklichkeit unspektakulär ist. Die ebenso kollegiale wie professionelle Zusammenarbeit beinhaltet auch den fairen, offenen und nachvollziehbaren Umgang mit Fehlern und Verstößen.

Wir haben uns im vergangenen Jahr zweimal geirrt. Eine unserer Autorinnen hat eine Geschichte nachweislich erfunden. Einer unserer Autoren hat nicht erfunden, aber betrogen. Was war geschehen? Im ersten Fall räumt die Redaktion ein, sie hätte bei der Autorin nachfassen und nach Belegen fragen müssen. Das ist nicht im ausreichenden Maß geschehen. Im zweiten Fall konnten dem freien Mitarbeiter seine handwerklichen Fehler nachgewiesen werden.

Niemand ist vor krimineller Energie sicher. Niemand kann Fälschungen oder Erfindungen völlig ausschließen. Jeder aber kann sich mögliche Risiken vergegenwärtigen und die Instrumente dafür nochmals überdenken und auch schärfen. Das haben wir getan. In Rechercheprotokollen werden Arbeitsergebnisse selbstverständlich festgehalten, regelmäßige Faktenchecks unterstützen diese Dokumentation und Vertrauenspersonen prüfen strittige Beiträge, auch auf eigene Initiative.

"Fehlerkultur nach außen und nach innen leben – darauf kommt es an"

Fehlerkultur nach außen und nach innen leben – darauf kommt es an. Es geht nicht um Selbstzweifel. Es geht um die Vergewisserung unserer journalistischen Standards. Wir haben uns mit unseren Justiziaren, Archivaren, den Kolleginnen und Kollegen in den Redakteursausschüssen und in der Personalabteilung beraten.

Gesicherte Informationen und Zeit für Recherche und Redigat – das sind die Voraussetzungen unserer journalistischen Arbeit und mehr als das. Diese Wesensmerkmale unserer Beiträge auf allen Ausspielwegen unterscheiden unseren Journalismus von der Kommunikation im Netz. Professionelle Journalisten sind für die Richtigkeit ihrer Inhalte verantwortlich, im Netz dagegen klaffen Verbreitung und Verantwortung auseinander.

Für mich waren die Diskussionen eine ebenso selbstverständliche wie selbstkritische Auseinandersetzung über unser Tun. Wir haben intensiv über Gefahren gesprochen, auch Gefahren einer alltäglichen Routine. Es kommt darauf an, Fehler zu korrigieren – offen, nachvollziehbar und aus Respekt vor unserem Beruf. Uns werden auch künftig Fehler passieren und wir werden damit umgehen und uns nicht wegducken.

Das Journalistische Selbstverständnis ist wie eine Schutzimpfung, sagte unser Berliner Kollege Christopher Ricke. Das rundum erneuerte Journalistische Selbstverständnis erscheint in diesem Frühjahr und ich danke allen Kolleginnen und Kollegen, die sich daran beteiligt haben. Eine Schutzimpfung schmeckt kurz bitter, schmerzt beim Stich und schützt ab sofort.

Das Journalistische Selbstverständnis von Deutschlandradio

Letzte Änderung: 10.03.2020 09:10 Uhr