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6.1.2005
Brasilianischer Kulturminister besucht Slums im Schutz von Gangsterbossen
Kritik von Intellektuellen
Von Klaus Hart

Brasilianischer Kulturminister Gilberto Gil bei einem Besuch in Berlin, 2004 (Bild: AP Archiv)
Brasilianischer Kulturminister Gilberto Gil bei einem Besuch in Berlin, 2004 (Bild: AP Archiv)
Allein Rio de Janeiro zählt 600 Armenviertel. Eines davon besuchten der brasilianische Kulturminister und Musiker Gilberto Gil und der Arbeitsminister Ricardo Berzoini. Mit der Genehmigung von Gangsterbossen konnten sie dort ohne Polizeischutz Qualifikationsprogramme für Jugendliche vorstellen. Dies käme einer offiziellen Anerkennung der Banditenmilizen über den Parallelstaat der Armenviertel gleich, kritisierten Intellektuelle.

Gilberto Gil ist weiterhin ein begnadeter Musiker, hat gerade eine neue CD herausgebracht, gibt in Rio de Janeiro Konzerte am laufenden Band, setzt sich in seinen Liedern auch für die Rechte der Slumbewohner, der Favelados ein. Diese Favelados werden indessen vom organisierten Verbrechen beherrscht, terrorisiert, leben in einer Banditendiktatur. Heiligabend und in der Silvesternacht konnte Gilberto Gil von seinem luxuriösen Strandappartement aus hören, wie die Banditenmilizen gleich nebenan, im einige hundert Meter entfernten Slum Rocinha, wieder wie üblich mit Maschinenpistolen stundenlang Salut schossen - um Macht zu demonstrieren.

Als Minister zeigt Gilberto Gil indessen zur Verblüffung der brasilianischen Öffentlichkeit, dass er durchaus bereit ist, die Herrschaft des organisierten Verbrechens über deren Parallelstaat der Slums zu akzeptieren. Mehr als 600 Elends- und Armenviertel sind es allein in Rio de Janeiro, darunter der so genannte Complexo da Marè mit über hunderttausend Bewohnern, unweit des internationalen Flughafens. Gilberto Gil und Arbeitsminister Ricardo Berzoini fuhren in der schwarzen Regierungslimousine in den Slum ein, ohne jeglichen Polizeischutz oder zumindest die üblichen Bodyguards. Und ließen sich dort mit Breakdance und Rap unterhalten, stellten Qualifikationsprogramme für Jugendliche vor.

Jose Murilo de Carvalho, Mitglied der nationalen Dichterakademie, verurteilt scharf, dass die Minister ausgerechnet mit berüchtigten Gangsterbossen eine Abmachung trafen:

Ein gravierender Fall, die Minister begingen einen schwerwiegenden Fehler - alles unakzeptabel, durch nichts zu rechtfertigen, unvereinbar mit der Demokratie im Lande. Der Staat muss doch die Gesetze verwirklichen, und solche Gangster dingfest machen. Stattdessen wurde das organisierte Verbrechen vom Staat als Parallelregierung, als Institution legitimiert - ein Eingeständnis der Schwäche, der Niederlage. Leider handelt es sich um keinen Einzelfall - die lokalen und regionalen Autoritäten schließen mit den Banditenbossen häufig solche Abkommen. Das weist auf die Probleme unserer Demokratie, zeigt unsere Realität - deshalb bin ich tief pessimistisch und sehe keinerlei Lösung.

Laut Schriftsteller Carvalho ist die Macht der Verbrechersyndikate den Regierenden sogar Recht.

Das organisierte Verbrechen blockiert die Politisierung der Slumbewohner, hält sie ruhig, verhindert Rebellionen, dient somit der Aufrechterhaltung von politischer Stabilität. Die Slumbewohner besitzen nicht einmal die elementarsten Bürgerrechte.

Paulo Sergio Pinheiro, Experte für Gewaltfragen an der Universität von Sao Paulo, sieht durch die Ministervisite bestätigt, dass der brasilianische Staat große Teile seines Territoriums nicht mehr kontrolliert. Beide Minister hätten sich zudem im Slum von 15 Männern unterstützen lassen, die just von den Gangstern ausgesucht worden seien.

All dies ist ein Skandal - geschähe derartiges in Berlin, Paris oder London, würde das im Parlament debattiert, würde die Regierung stürzen.

Kurz zuvor weilte Kulturminister Gil in der berühmten Sambaschule Mangueira, deren Vizedirektor und Chef der hundertköpfigen Perkussionsgruppe gemäß Polizeiermittlungen gerade vom lokalen Verbrecherkommando auf bestialische Weise ermordet worden war. Somit wurde erwartet, dass der Minister als Repräsentant der Regierung klar Position bezieht, den zunehmenden Druck des organisierten Verbrechens auf die Sambaschulen scharf zurückweist. Doch Minister Gil zog es vor, den brisanten Fall gegenüber den zahlreichen Journalisten mit Schweigen zu übergehen. Stattdessen geheuchelte Fröhlichkeit, Sambagetrommel, ein Minister, der Optimismus und Karnevalsvorfreude auszustrahlen sucht.

Interessanterweise nimmt des Kulturministers Tochter, die bekannte Sängerin und Schauspielerin Preta Gil, anders als der Vater keineswegs ein Blatt vor den Mund, sondern spricht die Zustände ganz offen an:

Es ist aussichtslos, nicht nur die Slums werden von der gut organisierten Drogenmafia beherrscht. Die Polizei ist korrumpiert, die Regierung ist korrumpiert - alle sind doch verwickelt, das ändert sich nie mehr, ist zu tief verwurzelt! Niemand tut etwas - die Gewalt verfestigt sich immer mehr!


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