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11.2.2004
Bevormundet - entmündigt
Ledige Mütter in der Geschichte
Von Alexa Hennings

Heute gehört es zum gesellschaftlichen Alltag, dass Alleinstehende Kinder erziehen. Nicht einmal die Kirchen diskriminieren noch Alleinerziehende. Bis in die jüngste Vergangenheit war das ganz anders. Alleinerziehende hatten zu fast allen Zeiten einen schweren Stand in Staat und Gesellschaft.

Kleines Kind singt: Die Welt so stille / und in der Dämmrung Hülle/ so traulich und so hold /gleich einer stillen Kammer / wo ihr des Tages Jammer / verschlafen und vergessen sollt.

Christen! Wenn Ihr eure Kinder nicht zu unterhalten vermöget - tötet sie nicht! Übergebt sie der Kirche!

Dieser Appell des Konzils von Rouen erreichte im 9. Jahrhundert die Gotteshäuser in ganz Europa. Vor vielen Kirchenportalen wurden Marmorbecken angebracht, auf dass die unglücklichen Mütter ihr Kind hineinlegten. Man wusste, dass die Ärmste sich scheuen würde, ihr Bündel einem Geistlichen persönlich zu übergeben. Die Anonymität der Übergabe wurde perfekt, als im Jahre 1198 in Rom die "ruota" eingeführt wurde - die Drehlade an Klöstern und Findelhäusern.

Was zuerst aus christlicher Liebe geschah, wurde Jahrhunderte später aus Gründen der Staatsräson weiter ausgebaut. Napoleon erkannte als erster Macht-Mensch, dass aus eltern- und heimatlosen Kindern die treuesten Soldaten werden. Deshalb ordnete er an, in allen Arrondissements Findelhäuser mit Drehladen einzurichten. So entstanden unter seiner Regierung 300 Findelhäuser - und die Zahl der ihnen anvertrauten Geschöpfe wuchs in erschreckendem Maße. In kurzer Zeit verdoppelte sich die Zahl der Findelkinder, und der Imperator sann auf eine andere Lösung: Er unterstützte jene ledigen Mütter, die ihr Kind selbst aufziehen und ernähren, drei Jahre lang mit monatlich 25 Francs. Dennoch: die Verhältnisse waren - nicht nur in Frankreich - so erbärmlich, dass manche junge, ledige Mutter keinen Ausweg mehr wusste.

Unter den Personen, die in Preußen am meisten hingerichtet werden, sind die meisten Kindesmörderinnen.

Friedrich der Große, König von Preußen, in einem Brief an Voltaire.

- ich habe alles getan, um diese Unglücklichen zu verhindern, ihre Kinder beiseite zu schaffen. Ehemals zwang man diese armen Mädchen, öffentlich Krichenbuße zu tun, aber davon habe ich sie befreit. Es gibt in jeder Provinz Entbindungshäuser für sie, und man sorgt auch für die Erziehung der Kinder. Doch ungeachtet all dieser Mittel habe ich noch nicht dahin kommen können, ihnen das unnatürliche Vorurteil aus dem Kopf zu treiben, das sie dahin führt, ihre Kinder umzubringen.

Kind: Mutti, noch mal drücken! Noch mal drücken Mutti!

Eine geschwächte Person, die keinen Vater zum Kinde hat - der solches samt ihrer ernähret -

August der Starke, König von Polen und Kurfürst von Sachsen.

- ist die verachtetste und elendeste Creatur unter der Sonne.

Kind: ...das Baby ist da und das Kind, alle Kinder...

Gefallene - Erstgefallene - Auspeitschung - Mündelmütter - Gestrauchelte - Fräulein Mutter -Cyancali - Bankert - Negerkind - Amihure - Russenliebchen - loses Weib

Zu allen Zeiten - die letzten Jahrzehnte ausgenommen - war das Ansehen der "unehelichen Mütter" gleich Null. Sie wurden bevormundet, entmündigt, ja, zur Abgabe der Kinder gezwungen. Nicht einmal ein Viertel aller ledigen Mütter im deutschen Kaiserreich durfte Mutter sein. Entweder wurde ihnen das Kind gleich nach der Geburt weggenommen, da sie ja "unmoralisch" gelebt hatten, oder ihre ohnehin belasteten Lebensbedingungen wurde derart beschwert, dass sie "freiwillig" auf das Baby verzichteten. In den Großstädten, wohin die jungen Frauen im Prozess der Industrialisierung gespült wurden, gab es die meisten unehelichen Geburten.

Von 180 000 ledigen Müttern im Kaiserreich sind
33 % Dienst- und Stubenmädchen
19% Wäscherinnen
18% Haustöchter
15% Arbeiterinnen.


Die Männer hatten nur in den seltensten Fällen unter mangelnder Reputation zu leiden. Der Bluttest war noch nicht erfunden, den Schaden trugen allein Mutter und Kind. Um wenigstens ein wenig Linderung zu verschaffen - die weder von den Männern noch vom Staat zu erwarten war - sorgten Frauen selbst für Abhilfe. Ein solch frühes und wirksames Hilfsprojekt waren die Mutter- und Kind-Heime, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom "Deutsch-Evangelischen-Frauenbund" gegründet wurden. Zunächst nur für so genannte "Erstgefallene" da, öffneten sich die Heime später auch jenen Frauen, die mehr als ein nichteheliches Kind zur Welt gebracht hatten. Mütter sollten ihr Kind annehmen und für es sorgen lernen. Ziel war die "Umerziehung" der Frauen - dass die Männer, die Gesellschaft gar sich ändern müssten, daran dachte kaum einer.

Ihr lieben jungen Mädchen -

Flugblatt des Deutsch-Evangelischen-Frauenbundes.

Wißt Ihr, daß das Leben schwere Gefahren und Versuchungen mit sich bringt? Lest keine schlechten Bücher! Bewahrt Euch die Reinheit des Herzens! Folgt nie Männern, die Euch zu Lustbarkeiten einladen! Folgt Ihnen nie in ihre Wohnung! Sie suchen nur ihr eigenes Vergnügen und machen sich kein Gewissen daraus, einem vertrauenden Mädchen seine Unschuld und seine Ehre zu rauben. Und was hättet Ihr besseres als Eure Ehre? Was bleibt Euch, wenn Ihr sie verliert?

Die Zeiten, in denen ledige Mütter in Schande und Unehre lebten, waren - zumindest pro forma und qua Staatsräson - vorbei, als Hitler an die Macht kam. Er brauchte Kinder, um seine Idee von der Überlegenheit des deutschen Volkes und der "arischen Rasse" umzusetzen. Da wird Mutterschaft zum allerheiligsten Gut - egal, ob es einen Vater gibt, schließlich schenkt die Frau ohnehin das Kind "dem Führer".

Goebbels: Das Schicksal unseres künftigen Lebens entscheidet sich in den Wiegen -

Joseph Goebbels 1944.

Eine mütterliche Dichterin hat uns mit einmaligen Worten dieses Denken nahe gebracht, als sie sagte: Wo keine Wiegen stehen, wird auch das Schwert verlacht. Und mögen noch so stolze Bauten ragen und Männer sieggewiß die Banner tragen: Wo keine Wiege steht, verliert das Schwert die Macht.

Die Familie war den Nationalsozialisten nur das Vehikel zur Steigerung der Geburtenraten - sie stellte keinen Wert an sich dar. Erzeugung arischen Nachwuchses war das Ziel, und dafür wurde Promiskuität und Zuchtwahl legitimiert und "biologische Volkspflege" betrieben: Ausgesuchte Paare erzeugten "reinrassigen" Nachwuchs, die Kinder kamen in den so genannten "Lebensborn-Heimen" zur Welt, ledige Mütter durften "ehrenhaft" gebären. Die Welt der bürgerlichen Moral war auf den Kopf gestellt.

Mein liebster, bester Vati -

schreibt Gerda Bormann an ihren Mann Martin Bormann, 1944 ins Führerhauptquartier.

- ich hatte schon seit einiger Zeit das Gefühl, daß zwischen Dir und M. etwas war, und als Du das letzte Mal hier warst, wußte ich es genau. Ich selber habe M. so gerne, daß ich Dir einfach nicht böse sein kann. Es ist schrecklich schade, daß so feine Mädchen wie sie keine Kinder haben sollten. Im Fall von M. kannst Du das ja ändern, aber Du mußt es so einrichten, daß in einem Jahr M. ein Kind bekommt und ich im nächsten, damit Du immer eine Frau hast, die beweglich ist.

Nicht jede Frau kann einen Mann haben - aber jede Frau kann Mutter sein - dieser Aufruf zur Mutterschaft ohne Ehemann musste gegen Kriegsende immer zynischer wirken: zehntausende Frauen standen allein mit ihren Kindern da.

Nach dem Krieg musste der drastische Rückgang der Geburten die Politiker beunruhigen. Doch während im Westen die heile Kleinfamilie propagiert wurde, förderte man im Osten Deutschlands schon sehr früh alleinerziehende Mütter.

Otto Grotewohl: Der Mutter eines nichtehelichen Kindes -

Otto Grothewohl 1950 zum Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz.

- stehen danach die vollen elterlichen Rechte zu, die nicht durch die Einsetzung eines Vormundes geschmälert werden dürfen.
Wie auch die gesellschaftliche Stellung und Achtung der Mutter eines unehelichen Kindes nicht beeinträchtigt werden darf - Beifall...


Etwa zur selben Zeit beschwor Konrad Adenauer im Deutschen Bundestag das Ideal der kompletten, der "gesunden", Familie - auch eine Mutter und ihr Kind als Familie anzusehen und rechtlich gleichzustellen, davon war man im Wirtschaftswunderland noch weit entfernt.

Adenauer: Die ganze Entwicklung unserer Zeit, meine Damen und Herren, ist der Gründung einer gesunden Familie abträglich. Es handelt sich dabei nicht nur um ein moralisches Problem. Helfen kann nur eines: Stärkung der Familie und dadurch Stärkung des Willens zum Kind -...

Noch bis 1969 bekam jede alleinerziehende Mutter in der Bundesrepublik von Staats wegen einen "Vater" zugeteilt: Ein Amtsvormund wachte über das Kindeswohl und mischte sich in alle Entscheidungen ein. Sie allein zu treffen, traute man einer Frau nicht zu. Erst 1969 beschloss der Bundestag die Gleichstellung nichtehelicher Kinder und gab den Mütter das Sorgerecht.

Bundestag: Meine Damen und Herren, es darf keine Diskriminierung ohne eigenes Verschulden geben - auch nicht, wie man das immer so meint, durch einen "Mangel an Geburt"!

Noch bis heute ist es so, dass beispielsweise eine Mutter, die den Namen des Vaters nicht angeben will, mit einer so genannten "Amtspflegschaft" beglückt wird.
Dass Vater Staat an Vaters statt eintritt, das ist für die Frauen aus der ehemaligen DDR neu. Bisher waren die Alleinerziehenden statt an staatliche Aufsicht eher an staatliche Fürsorge gewöhnt. Für sie gab es Kündigungsschutz, sie bekamen bevorzugt Kinderbetreuungsplätze und unbegrenzt lange frei bei Krankheit des Kindes.

Betriebsleiter: Weiterhin haben wir uns mit der FDJ-Organisation und der Gewerkschaft mit ihr darüber geeinigt -

Ein Betriebsleiter 1979 über die Unterstützung des Lehrlings Uta, Mutter von Zwillingen.

- dass eine verkürzte Arbeitszeit eingeführt worden ist. Das heißt, sie wird gegen 14 Uhr ihre Arbeitszeit beenden, um sich dann der Pflege und Betreuung ihrer beiden Kinder widmen zu können. Und das ist, so meine ich, nur möglich in einer sozialistischen Gesellschaft, wo wir uns besonders um jene jungen Mütter bemühen und kümmern, die schon relativ jung ein Kind bzw. im Falle Utas Zwillinge entbunden hat.

In der DDR trug der Staat 85 Prozent aller Kosten, die durch ein Kind entstehen. Das erleichterte die Entscheidung, ein Kind auch allein aufzuziehen - unabhängig von dessen Vater. Edeltraut Hompesch vom Verband der Alleinerziehenden aus Schwerin.

Hompesch: Die Unterhaltssätze zu DDR-Zeit, das war nicht sehr hoch. Aber ich brauchte das auch gar nicht. Ich konnte ja meine eigene Existenz sichern. Ich hatte eine gute Ausbildung, und ich konnte mit meiner Arbeit so viel verdienen, dass ich gut über die Runden kam. Die Wohnungsmieten waren sehr preiswert, die Sozialausgaben waren preiswert. Es konnte jeder am gesellschaftlichen Bereich teilnehmen. Ich brauchte mich nicht zu schämen.

Edeltraut Hompesch kämpft im Verband der Alleinerziehenden um das, was sie schon einmal hatte: die Anerkennung als alleinerziehende Mutter, die faire Möglichkeit, für sich und das Kind selbst zu sorgen. Für Anne Wigger aus Hamburg dagegen ist die neue Realität zugleich die alte: Alleinerziehende haben es immer noch schwer, einen Job zu finden.

Wigger: Wenn im Lebenslauf drin stand: Ledig, ein Kind, dann war es schon verloren. Ich habe auch in Bewerbungsberatern für Frauen gelesen, dass man das streichen sollte aus dem Lebenslauf. Aber ich habe gedacht: Das kann ich nicht machen, ich kann es nicht streichen, denn ich habe es ja und muss für es sorgen! Es ist nun mal so. Ich finde es auch entwürdigend, und habe mich geweigert, es so zu machen. Und das habe ich dann ganz klar zu spüren gekriegt.

Schwierigkeiten, einen Job zu finden, das Kind unterzubringen, die Alimente einzutreiben, der Verzicht auf vieles, was das Leben einer Doppelverdiener-Familie angenehm macht - all das prägt den Alltag einer alleinerziehenden Mutter - früher wie heute. Gut für sie, dass sie wenigstens nicht mehr als gefallenes Mädchen betrachtet wird. Sondern, wohl das erste Mal in der Geschichte, wird sie gesellschaftlich geachtet und ob ihrer Stärke oft sogar bewundert.

Wigger: In so einer Zweier-Konstellation, da muss einer stark sein. Ich möchte nicht, dass er das Gefühl hat, dass er das sein muss. Und deswegen reißt man sich immer zusammen. Geheult wird erst, wenn das Kind im Bett ist.
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