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26.4.2004
Geschichte der Heimarbeit
Von Laf Überland

Heute, im Zeitalter der Computer, ist es möglich, auch hochqualifizierte Arbeiten als Heimarbeit zu verrichten. Da gibt es die Mutter von jungen Kindern, die halbtags Software-Entwicklung für ein großes Unternehmen macht - vormittags zu Hause, am Rechner. Oder den Rundfunkautor, der ein anspruchsvolles Feature fertig stellt und dies komplett in der eigenen Wohnung erledigt: von der Recherche bis zur Manuskripterstellung und schließlich zur Produktion, alles am eigenen PC in der eigenen Wohnung. Mit der Heimarbeit in früherer Zeit verbindet man in der Regel niedrig qualifizierte und schlecht bezahlte Arbeit, oft Frauenarbeit. Heimarbeit bedeutete in vielen Fällen Armut.

Als Emil fünf Jahre alt war, starb sein Vater, der Herr Klempnermeister Tischbein. Und seitdem frisiert Emils Mutter. Und onduliert. Und wäscht Ladenfräuleins und Frauen aus der Nachbarschaft die Köpfe. Außerdem muss sie kochen, die Wohnung in Ordnung halten, und auch die große Wäsche besorgt sie ganz allein. Sie hat den Emil sehr lieb und ist froh, dass sie arbeiten kann und Geld verdienen. Manchmal singt sie lustige Lieder. Manchmal ist sie krank, und Emil brät für sie und sich Spiegeleier. Das kann er nämlich. Beefsteak braten kann er auch. Mit aufgeweichter Semmel und Zwiebeln.

Erich Kästner wusste, worüber er in Emil & Die Detektive schrieb: Seine Mutter musste zum Lohn des Vaters in der Kofferfabrik dazuverdienen. Zuerst nähte sie - für ein paar Pfennige - Leinenbinden, doch als der Sohn par tout Lehrer werden wollte, da lernte sie in ihrem für die damaligen Verhältnisse bereits recht fortgeschrittenen Alter von fünfunddreißig Jahren noch mal einen neuen Beruf und wurde Friseuse. Nach beendeter Lehrzeit eröffnete sie im linken Vorderviertel des Kästnerschen Schlafzimmers »ihr Etagengeschäft«. Übrigens hatten die Kästners mal einen eigenen Laden gehabt - mit handgefertigten Leder- und Textilwaren. Sohn Erich schrieb später über diese Zeit.

Das Maschinenzeitalter rollte wie ein Panzer über das Handwerk und die Selbstständigkeit hinweg. Die Schuhfabriken besiegten die Schuhmacher, die Möbelfabriken die Tischler, die Textilfabrikanten die Weber, die Porzellanfabriken die Töpfer und die Kofferfabriken die Sattler.

Die Heimarbeit ist eine Erwerbsform, die älter ist als die Arbeit in industriellen Großbetrieben. Sie lässt sich bis in das 14. Jahrhundert zurückverfolgen.

Heimarbeiter ist, wer - in seiner Wohnung oder selbstgewählter Arbeits- oder Betriebsstätte alleine oder mit seinen Familienangehörigen im Auftrag eines Gewerbetreibenden arbeitet und die Arbeitsergebnisse dem Auftraggeber überlässt.

So sagt das Heimarbeitsgesetz HAG.

In Heimarbeit Beschäftigte haben Anspruch auf - Entgelt - Heimarbeitszuschlag - Urlaub und Urlaubsentgelt - Feiertagsbezahlung - Krankengeldzuschlag.

Bis zu diesem Gesetz war es allerdings ein langer und ein harter Weg...
Nach einem Bericht der "Frauen-Zeitung" von 1852 musste etwa eine geschickte Spitzenklöpplerin zwölf Stunden am Tag ununterbrochen arbeiten, um das Existenzminimum für zwei Personen zu erwirtschaften. Mädchen wurden bereits im Alter von vier, fünf Jahren zur Mithilfe angehalten.
Über so genannte Verleger - die nicht selten den Heimarbeitern Material und Werkzeug zur Verfügung stellten und sie so von sich abhängig machten - vertrieben immerhin die Produkte der deutschen Heimarbeit - bis in die weite Welt hinaus.... Spitzen und Seidenbänder aus dem Erzgebirge, Leinen aus dem Bielefelder Raum. Im Odenwald wurden Späne für Streichhölzer in Heimarbeit hergestellt, Mausefallen bewahrten im 19. Jahrhundert viele Eifel-Bewohner vor dem Hungertod, an den Flüssen arbeiteten Menschen in sogenannten Schmiedeheimstätten, wo die Familie zuhause Ketten schmiedete und schweißte, in Thüringen machten sie Spielzeug.

In der engen Porzellanarbeiterwohnküche mühte sich - zwischen Kohlenkiste, Herd und Bettgestell - häufig die ganze Familie - nach Feierabend noch täglich drei, vier Stunden, um den niedrigen Arbeitslohn aufzubessern. Die Fabrik lieferte Porzellanmasse und Henkelformen. Nach dem Gießen und Trocknen der Henkel erfolgte das Verputzen. Dadurch kam der gefährliche Staub auch in die Wohnungen. Staublunge war die Folge. Staublunge in Verbindung mit dem äußerst ungesunden und harten Leben der Arbeiterfamilien führte zu einem besonders häufigen Auftreten der Tuberkulose.

Im Februar 1896 streiken in Berlin und anderen deutschen Städten 30.000 Konfektionsarbeiter, überwiegend Näherinnen in Heimarbeit, für die Einrichtung von Betriebswerkstätten und die Anerkennung von Tariflöhnen. Die Deutsche "Heimarbeit-Ausstellung" von 1906 konfrontiert dann erstmals eine breitere Öffentlichkeit mit dem (hinter den eigenen vier Wänden) verborgenen sozialen Elend in dieser Branche. Auch Käthe Kollwitz klagt mit einem Plakat das schwere Los der Hausindustriellen an. Der Anblick der abgearbeiteten, verhärmten Frau stört die Kaiserin Auguste Viktoria so sehr, dass sie sich weigert, die Ausstellung zu besuchen, bis das Plakat auf allen Litfasssäulen in der Reichshauptstadt überklebt wird.

Allein in der Bekleidungsindustrie, deren Zentren Großstädte wie Berlin, Hamburg oder Leipzig bildeten, waren um 1900 mehr als 200.000 Heimarbeiterinnen tätig, die Tag für Tag und in der Hochsaison auch Nacht für Nacht im Akkord nähten. Der Anschaffungspreis für die unverzichtbare Nähmaschine lag mit rund hundert Mark außerordentlich hoch, verglichen mit einem Wochenlohn in dieser Branche von weniger als zehn Mark. Der sozialdemokratische Arbeiter-Radfahrer-Bund "Solidarität", dem die Fahrradfabrik "Frisch auf" in Offenbach gehörte, vertrieb deshalb neben dem Hauptprodukt auch Nähmaschinen, die den Mitgliedern zu herabgesetzten Preisen überlassen wurden.
Dennoch berichtete die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung AIZ mit einer Reportage 1930 unter dem Titel "Hunger im Frankenwald":

Grenzenloses Elend herrscht in dieser herrlichen Landschaft. Das Dörflein Schwarzenstein mit etwa 600 Einwohnern wird von einem Bürgermeister beherrscht, der gleichzeitig Besitzer eines großen Sägewerkes ist. Er versteht es ausgezeichnet, sein Amt im privaten und geschäftlichen Sinne zu missbrauchen.
Die Bewohner des Dorfes ernähren sich kümmerlich. Geradezu grauenhaft sind die Wohnverhältnisse. Nicht selten bewohnen 7-10 Personen einen einzigen Raum, in dem sie arbeiten, wohnen, essen und schlafen. Die Häuser sind baufällig, feucht und die schadhaften Öfen berußen Decken und Wände.
In mehreren Dörfern hungern und arbeiten die Handweber. Ihr mittelalterliches Gewerbe vermag sie nicht mehr zu ernähren. Trotz vierzehnstündiger Arbeitszeit verdienen Mann und Frau bei angestrengter Arbeit zusammen höchstens 16 RM in der Woche. Lange Wochen hatten sie keine Aufträge und mussten mit 8 RM Unterstützung dahinvegetieren.


Zu dieser Zeit verkündet der Reichsarbeitsminister, der Männerlohn reiche aus, Frauenarbeit raube "einem Familienvater Brot und Lebenshoffnung". Schließlich gelten Frauen als die Reservearmee des Arbeitsmarktes, die lediglich in Ausnahmefällen oder in Notzeiten eine Erwerbsarbeit aufnehmen soll. Während die Sozialdemokraten die Hetze gegen die arbeitende Frau ablehnen, unterstützt das Zentrum den diskriminierenden Blick an der Wirklichkeit vorbei... - und weiß sich damit zuletzt gar im Einklang mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche: Papst Pius XI. nämlich lehnt in seiner Enzyklika Casti connubi über die christliche Ehe vom Dezember 1930 nicht nur jegliche Geburtenkontrolle, sondern auch die Berufstätigkeit von Ehefrauen und Müttern grundsätzlich ab. "Die unnatürliche Gleichstellung mit dem Mann" werde sich zum Verderben der Frauen auswirken.

Bei den Nazis wird die Heimarbeit dann zur Volksgemeinschaftsanstrengung verklärt. Die Wochenschau zeigt Flaksoldaten und Luftwaffenhelfer beim Zusammenbau von Zündkerzen an einem Tisch im Freien. Familie beim Anfertigen von Innenteilen der Stahlhelme. Luftnachrichtenhelferinnen bauen aus Beutegeräten Ersatzteile aus. Frauen beim Nähen von Uniformteilen in einer Gastwirtschaft. - Der fröhliche junge Blondschopf spielt dazu heimelig-zünftig auf dem Akkordeon, während die jungen Flakhelfer freudig - (draußen, in der Sonne, auf dem Dorfplatz) Zündkerzen zusammenschrauben...

Dann bricht die NS-Herrschaft zusammen, der Krieg ist verloren, der Westen Deutschlands erlebt in den 50er Jahren das Wirtschaftswunder. Die "arme Zeit" scheint sich zu verabschieden, und die ökonomische Frage nach der Heimarbeit lautet jetzt: "Haben die das denn nötig?" - Zum Beispiel, wenn mein Freund Mattin nicht zum Gitarrenunterricht beim Kirchenküster kommen kann, weil er zuhause beim Halbleiter-zusammenschieben helfen muss...

Sein Vater hatte Kinderlähmung gehabt: Jetzt hatte er einen kleinen NSU mit Handkupplung und einen Invalidenjob. Die Frau stand auf der Warteliste des städtischen Krankenhauses, hatte sich da - mit ihrer Lazaretterfahrung aus dem Krieg beworben, Nachtschichten im Krankenhaus zu schieben... Aber das hatten viele, und die Liste war lang.

Diese so genannte moderne Hausindustrie hat mit der altmodischen, die unabhängiges städtisches Handwerk, selbstständige Bauernwirtschaft und vor allem ein Haus der Arbeiterfamilie voraussetzt, nichts gemein als den Namen. Sie ist jetzt verwandelt in die auswärtige Filiale der Fabrik, der Manufaktur oder des Warenmagazins. Neben den Fabrikarbeitern, Manufakturarbeitern und Handwerkern, die es in großen Massen räumlich konzentriert und direkt kommandiert, bewegt das Kapital durch unsichtbare Fäden eine andere Armee in den großen Städten und über das flache Land zerstreuter Heimarbeiter.

Diese Analyse von Karl Marx stimmt heutzutage nur noch bedingt: Eigene Heimarbeit wird nämlich zu teuer! Zum Beispiel Krabben: Die müssten so teuer wie Kaviar sein, würden sie immer noch in der Küstendörfern in Heimarbeit gepuhlt, wie es früher mal üblich war. Stattdessen werden sie mit LKWs über Holland nach Marokko gefahren und dort von Kindern und Frauen in Fabriken gepuhlt; und im Fernsehen wurde sogar ein Bericht über Nordsee-Krabben gezeigt, die zum Puhlen nach China geflogen werden...

Mit Heimarbeit der manuellen Sorte ist in Deutschland jedenfalls kein Zubrot mehr zu verdienen. Zwar wird - besonders seit der Einführung der Ich-AG ins deutsche Unternehmer-Latein - sehr gern von Vorteilen schwadroniert - "Einführung bzw. Ausbau flexibler Arbeitszeitmodelle, Flexibilisierung der Arbeitsorte, etwa durch den Ausbau von Tele- und Heimarbeit".

Die auch nur halbwegs anspruchsvolle Telearbeit wird bereits heute zunehmend ins billige Asien ausgelagert. Outsourcing heißt das modern: Besonders Finanzdienstleister vergeben gern alles, was nicht zum Kerngeschäft zählt, an Fremdanbieter, bevorzugt in Billiglohnländern. Und dem Internetkunden ist es schließlich egal, wo der Server steht, der seine Website hortet...

Suche seriöse Heimarbeit, z.B. Kugelschreiber zusammenbauen, Prospekte falten und einkuvertieren. Evtl. Disketten kopieren. Bitte nur wirklich seriöse Angebote.

So steht's auf www.heimarbeit.de...
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