Aufruhr in Ägypten geht weiter

Erneute Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei in Kairo

Aufruhr in Kairo: Mursi-Gegner bewerfen Sicherheitskräfte vor der US-Botschaft (picture alliance / dpa / Khaled Elfiqi)
Aufruhr in Kairo: Mursi-Gegner bewerfen Sicherheitskräfte vor der US-Botschaft (picture alliance / dpa / Khaled Elfiqi)

Richter streiken, Demonstranten werfen Steine, politische Gegner halten dem ersten islamistischen Präsidenten Ägyptens vor, er führe sich so herrisch auf wie ein Pharao - die Konfrontationen zwischen Islamisten und Liberalen gehen auch heute unvermindert weiter.

"Wenn die gemäßigten Kräfte keine Stimme mehr haben, dann droht ein Bürgerkrieg", sagte Mohammed el Baradei, ägyptischer Friedensnobelpreisträger und Oppositionspolitiker, dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi beschuldigte er, Ägypten in eine Diktatur zu führen: "Er hat die ganze Macht an sich gerissen. Nicht einmal ein Pharao hatte so viele Befugnisse, von seinem Vorgänger Husni Mubarak ganz zu schweigen."

Im Laufe des Tages kam es in Kairo erneut zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Das berichteten die staatlichen Medien. Die Protestierer riefen im Zentrum von Kairo nahe der US-Botschaft, das Volk wolle den Sturz des Regimes. Sie bezeichneten die Sicherheitskräfte des Innenministeriums als bezahlte Schlägertrupps. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gab es in Kairo und Damanhur im Nildelta heute bisher insgesamt 57 Verletzte. Für Dienstag kündigte die Opposition weitere Großdemonstrationen gegen Mursi an.

Muslimbrüder rufen zu Solidaritätskundgebung für Mursi auf

Mohammed Mursi stellt sich über die ägyptische Justiz (picture alliance / dpa / ©romain Beurrier/wostok Press)Ägyptens Präsident Mohammed Mursi (picture alliance / dpa / ©romain Beurrier/wostok Press)Unterdessen legte ein Großteil der Richter und Staatsanwälte des Landes aus Protest gegen die Verfassungserklärung von Präsident Mursi die Arbeit nieder. Sie erklärten, sie wollten ihren Streik erst beenden, wenn das Dekret zurückgenommen werde.

Die Muslimbrüder haben für den Abend zu einer landesweiten Solidaritätskundgebung für Mursi aufgerufen. Das Oberhaupt der Bewegung, Mohammed Badia, erklärte: "Die überwältigende Mehrheit des ägyptischen Volkes hat die Entscheidungen des Präsidenten der Republik begrüßt."

Mursi, der aus der Muslimbruderschaft stammt, hatte am Donnerstag eine Verfassungserklärung erlassen, die von der Opposition als "Staatsstreich" bezeichnet wurde. Laut seiner Erklärung dürfen die Gerichte des Landes die Umsetzung seiner Dekrete nicht behindern. Sie haben auch nicht das Recht, die Verfassungskommission aufzulösen.

Mursi trifft erneut seine Berater

Das Ausmaß der Kritik an seiner Erklärung aus dem In- und Ausland beunruhigt Mursi aber offensichtlich schon. Nach Angaben der staatlichen Medien rief er heute zum zweiten Mal binnen 24 Stunden seine Berater zu sich.

Cengiz Günay, Nahost-Experte am österreichischen Institut für Internationale Politik erklärte im Deutschlandradio Kultur, er hoffe, dass es nicht zu einem Bürgerkrieg kommen werde. "Ich denke, es hat niemand Interesse daran, dass es zu einer weiteren Eskalation kommt." Notfalls würde vermutlich das Militär eingreifen und das sei weder im Interesse Mursis noch der Opposition.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:01 Uhr