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Bahn-Chaos in Mainz: Heftige Kritik an Grubes Telefonaktion

Gewerkschaften wollen mehr Neueinstellungen

Bahnchef Grube steht in der Kritik. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Bahnchef Grube steht in der Kritik. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Höchstpersönlich hat Bahnchef Rüdiger Grube zum Hörer gegriffen und Stellwerks-Mitarbeiter in Mainz gebeten, ihren Urlaub zu verschieben. Dafür erntet er Kritik. Als Konsequenz aus dem Debakel fordert die Eisenbahn-Gewerkschaft mehr Einfluss auf die Personalplanung.

Vertreter von Bahn un der Eisenbahn-Gewerkschaft EVG kamen in Frankfurt zu einem zweiten Krisengipfel zusammen. Der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner forderte bei dem Treffen zusätzliche Neueinstellungen, um Personalengpässe in allen Bereichen der Bahn zu beheben. Eine konkrete Zahl nannte er nicht. Stattdessen solle sich die Bahn verpflichten, die Arbeitnehmervertreter bei der Personalplanung stärker als bisher einzubeziehen.

Bahn-Personalvostand spricht von einem "Debakel"

Seit über einer Woche gibt es aus Personalmangel im Stellwerk Zugausfälle und Umleitungen am Hauptbahnhof in Mainz. Der Regionalverkehr läuft nur eingeschränkt, Fernverkehrszüge werden teils umgeleitet oder halten an anderen Bahnhöfen. "Unsere Forderung ist eine Personalplanung, die sicherstellt, dass die Kollegen ihren Urlaub bekommen und freie Tage tatsächlich frei sind", sagte Gewerkschaftschef Kirchner. Die Entscheidung, den Betrieb in Mainz einzuschränken, habe allein die Deutsche Bahn getroffen, weil sie das Stellwerk nunmehr tagsüber mit drei statt bisher zwei Fahrdienstleitern besetzt wissen wollte.

Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber nannte die Vorgänge in Mainz ein "Debakel, das nicht mehr passieren darf". Man nehme den demografischen Wandel ernst, was sich in 20.000 Neueinstellungen in den vergangenen Jahren zeige. Allein im ersten Halbjahr 2013 habe die Bahn 2000 neue Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen.

Bahnchef Grube am Telefon

Massive Kritik übte die Gewerkschaft an Bahnchef Rüdiger Grube. Dieser hat Mitarbeiter aus dem Stellwerk Mainz persönlich um eine Verschiebung ihres Urlaubs gebeten. Im Interesse der Kunden und des Unternehmens habe Grube eine Handvoll Mainzer Kollegen angerufen und sie gebeten, sich zu überlegen, ob sie nicht ihren Urlaub verschieben könnten, sagte ein Bahn-Sprecher. "Ausdrücklich sollten sie eine Nacht darüber schlafen."

Die EVG reagierte empört: "Dass Mitarbeiter, die dringend Urlaub brauchten, vom obersten Konzernlenker persönlich angerufen werden, halte ich für ein Ding der Unmöglichkeit", sagte EVG-Chef Alexander Kirchner. Es gebe Kollegen in Mainz, die seit Dezember keine drei Tage am Stück frei gehabt hätten.

Grube machte sich am Mittwoch selbst ein Bild von der Lage im Mainzer Stellwerk. "Es gab vertrauliche Gespräche", bestätigte eine Bahnsprecherin. Der Besuch habe parallel zum Treffen mit Bahn-Personalvorstand Weber und der Eisenbahn-Gewerkschaft stattgefunden.

Beim dem ersten Krisengipfel war bekannt geworden, dass die bundesweiten Probleme in Bahnstellwerken größer sind als bisher angenommen. Es gibt auch Beeinträchtigungen in Bayern, Berlin, Rheinland-Pfalz und Sachsen. Allerdings sind nicht alle Probleme aktuell.

Bund sagt Nein zum Börsengang

Der hessische Verkehrsminister Florian Rentsch (FDP) nannte im Deutschlandfunk die Halbprivatisierung der Bahn in den 90er-Jahren ein großes Problem. "Wir brauchen eine vollständige Privatisierung, einen Börsengang", sagte Rentsch. Der Bund erteilte einem Börsengang eine Absage. Mit Blick auf die aktuellen Probleme liege in einer Privatisierung "nicht das Mittel, mit dem man die derzeitige äußerst ungute Lage löst", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:15 Uhr

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