Beschneidungsdebatte bricht nicht ab

Knobloch sieht jüdische Existenz in Deutschland bedroht

Charlotte Knobloch, Vizepräsidentin des jüdischen Weltkongresses (AP)
Charlotte Knobloch, Vizepräsidentin des jüdischen Weltkongresses (AP)

Die Vizepräsidentin des jüdischen Weltkongresses, Charlotte Knobloch, sieht durch die Beschneidungsdebatte den Fortbestand jüdischen Lebens in Deutschland infrage gestellt. In einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung" spricht sie von einer Situation, wie es sie hierzulande seit 1945 nicht mehr gegeben habe.

"Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will", schreibt Knobloch. "Ich frage mich, ob die unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik, die ungehemmt über ‚Kinderquälerei’ und ‚Traumata’ schwadronieren, sich überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie damit nebenbei die ohnedies verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen."

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland steht momentan der Israelitischen Kultusgemeinde in München vor. Knobloch betonte, seit sechs Jahrzehnten müsse sie sich in der jüdischen Welt rechtfertigen, weil sie nach dem Völkermord der Nationalsozialisten in Deutschland geblieben sei. "Ich habe dieses Last immer gerne getragen, weil ich der festen Überzeugung war, dass es dieses Land und seine Menschen verdient haben." Erstmals gerieten jetzt ihre Grundfesten ins Wanken, schreibt die 79-Jährige in ihrem Gastbeitrag. "Erstmals spüre ich Resignation in mir."

Anders als im Islam gehöre die Beschneidung im Judentum zum Wesenskern der Religion, erklärt Knobloch. "Der Eifer, mit dem Selbstberufene gefühls- und gedankenlos unsere religiösen Fundamente in den Dreck ziehen, sucht seinesgleichen." Anstatt die Entscheidung über künftige Regelungen dem Gesetzgeber zu überlassen, gehe die Debatte darüber unvermindert weiter und stehe nun wie ein Keil zwischen Juden und Nichtjuden.

Knobloch betonte, dass sie keine Sonderrechte verlange. "Sie sind im Positiven so wenig förderlich wie im Negativen." Aber sie fordere ein Mindestmaß an Empathie. "Das sollte doch drin sein für die Juden in Deutschland."

Das Landgericht Köln hatte die religiös motivierte Beschneidung von minderjährigen Jungen im Juni als strafbare Körperverletzung gewertet – selbst wenn die Eltern einwilligen. Das Urteil sorgte über die Grenzen Deutschlands hinaus für Aufsehen. Juden und Muslimen protestierten einhellig. In Kürze will sich der Bundestag mit dem Thema befassen, um eine bundesweit einheitliche Regelung zu ermöglichen.

Beschneidungen in Berlin ab sofort wieder erlaubt

Im Land Berlin ist die Beschneidung von jüdischen und muslimischen Jungen ab sofort wieder erlaubt. Ermöglicht wird das durch eine Übergangsregelung, die Justizsenator Thomas Heilmann vorstellte. Laut Heilmann wird in Berlin von einer strafrechtlichen Verfolgung abgesehen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Demnach müssen Sorgeberechtigte ausführlich über die Risiken der Beschneidung aufgeklärt werden. Außerdem müsse eine religiöse Motivation nachgewiesen werden.

Der Eingriff darf zudem nur nach medizinischen Standards durchgeführt werden. Es wird eine größtmögliche Schmerzfreiheit und eine blutstillende Versorgung für das Kind gefordert. Würden einzelne oder mehrere Voraussetzungen während des Rituals fehlen, ist es laut Justizverwaltung Sache der Staatsanwälte und Gerichte, den Einzelfall auf seine Strafbarkeit hin zu überprüfen.

Die kulante Regelung sei ein klares Signal, "dass wir muslimisches und jüdisches Leben in dieser Stadt wollen", sagte Heilmann. Die schnelle Lösung auf Landesebene sei erfolgt, weil das Thema wegen der hohen Anzahl von Beschneidungen in Berlin "besonders relevant" scheine.

Genau wie Berlin hat auch das Land Baden-Württemberg die Beschneidung vorerst erlaubt. In Bayern und Brandenburg sind jedoch erstmal keine generellen Regelungen geplant. Beide Landesregierungen erklärten, stattdessen werde man jeden Einzelfall genau prüfen.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:57 Uhr