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Bessere Chancen für Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt

OECD-Studie bringt aber gravierende Defizite im öffentlichen Sektor ans Licht

OECD-Studie zur Situation von Migranten (picture alliance / dpa / Peter Endig)
OECD-Studie zur Situation von Migranten (picture alliance / dpa / Peter Endig)

Die OECD bescheinigt Deutschland Fortschritte bei der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Doch zurücklehnen sollte sich die Bundesregierung deswegen nicht: Noch immer schneiden vor allem Jugendliche schlechter ab als Altersgenossen mit deutschen Wurzeln.

"Willkommen in Deutschland", so heißt eine
Informationsbroschüre der Bundesregierung für Zuwanderer in Deutschland. Freundlich wird den neuen Mitbürgern in dem mehr als 100 Seiten starkes Handbuch erklärt, wie sie sich hierzulande zu Recht finden – vom Arztbesuch bis zum Einkauf im Supermarkt. Dass Deutschland in den kommenden Jahren Zuwanderer braucht, ist inzwischen unter den im Bundestag vertretenen Parteien unstrittig. Dass es gelingt, Migranten und ihre Nachkommen zunehmend besser auf dem Arbeitsmarkt zu einzugliedern, bescheinigt Deutschland nun die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem ersten Integrationsbericht.

2010 gingen demnach 64 Prozent der Migranten in Deutschland einer Beschäftigung nach. Im Jahr 2000 waren es noch 57 Prozent. Auch für ihre in Deutschland geborenen Kinder habe sich die Situation bei der Jobsuche deutlich verbessert, meinen die Forscher: "Trotz niedriger Bildung ist die Arbeitsmarktsituation von Zuwandererkindern in Deutschland besser als in vielen anderen OECD-Ländern", heißt es in dem heute in Berlin vorgestellten Papier. So seien in Deutschland 13 Prozent der Kinder von Zuwanderern weder in Ausbildung noch in Beschäftigung. Im Durchschnitt der OECD-Mitgliedsländer liege die Quote bei 16 Prozent.

Der Polizeibeamte Nihat Demir lehnt in München an einem Polizeiwagen. (Sascha Schuermann/ddp)Seltene Ausnahme: Polizeibeamter mit Migrationshintergrund (Sascha Schuermann/ddp)

Nachteile im öffentlichen Sektor

Doch dann folgt auch schon die Einschränkung: "Ohne Migrationshintergrund lag die Quote der Beschäftigungslosen in diesem Alter in Deutschland bei etwas mehr als neun Prozent." Somit ist nach Einschätzung der OECD klar: Kinder von Zuwanderern haben noch immer deutlich schlechtere Chancen, einen Ausbildungsplatz oder einen Job zu finden als Jugendliche mit deutschen Wurzeln.

Auffällig sei ferner der verhältnismäßig kleine Platz, den "im Inland geborene Nachkommen von Zuwanderern im deutschen öffentlichen Sektor einnehmen" – das heißt in der Verwaltung, im Schuldienst oder im sozialen Bereich. Kinder von Zuwanderern seien nur halb so oft in diesem Feld tätig wie ihre deutschstämmigen Altersgenossen. Dies ist jedoch nach Einschätzung von Thomas Liebig, Autor der Studie, entscheidend für die Integration, weil ein Land damit zeige, dass Zuwanderer zur Gesellschaft gehörten. "Deutschland hat hier geschlafen", sagte Liebig. Erst seit kurzem bemühten sich Bund und Länder, dem Problem zu begegnen.

Hartnäckige Vorurteile

So wirbt beispielsweise die Polizei in Nordrhein-Westfalen gezielt um Auszubildende mit Migrationshintergrund. In einer Broschüre schildern junge Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln, warum sie gern als Polizisten arbeiten. "Wir sollten in der Polizei ein Signal setzen und mehr Bewerber mit Migrationshintergrund einstellen. Dass soll dazu beitragen Vorurteile gegen Ausländer und Migranten abzubauen", schreibt beispielsweise Robert Gereci, der als Kind mit seinen Eltern aus Kroatien nach Deutschland kam und heute bei der Polizeiinspektion Dortmund arbeitet. Auch die Bundesregierung hatte auf dem Integrationsgipfel im Januar erklärt, mehr Migranten für den öffentlichen Dienst werben zu wollen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) kündigte eine gesonderte Werbekampagne im Internet an.

Dass solche Bekenntnisse der Politik nicht ausreichen, zeigt nach Einschätzung von Liebig auch die Tatsache, dass Zuwanderer dreimal so viele Bewerbungen schreiben müssten wie in Deutschland geborene Bewerber. Vor allem hochqualifizierte Migranten würden bei der Jobsuche benachteiligt. Thomas Liebig erklärt sich dies mit Vorurteilen der Arbeitgeber. Migranten würden als niedrig qualifiziert, aber fleißig gelten.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:02 Uhr