Startseite > zu klären > Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts > Beitrag vom 19.12.2006

Blutige Kämpfe zwischen Hamas und Fatah

Jordanischer König Abdullah bietet Vermittlung an

Hamas-Führer Ismail Haniyeh (links) und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. (AP)
Hamas-Führer Ismail Haniyeh (links) und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. (AP)

Ungeachtet des am Wochenende vereinbarten Waffenstillstands im Gazastreifen sind die Kämpfe zwischen Hamas und der Fatah weiter eskaliert. Anhänger der beiden palästinensischen Gruppen lieferten sich am Dienstag zunächst vor einem Krankenhaus in Gaza und dann auch an anderen Orten ausgiebige Schießereien. Mindestens 4 Menschen kamen ums Leben, fast 20 wurden verwundet. Unter den Verletzten befanden sich fünf Kinder, die auf dem Weg zur Schule ins Kreuzfeuer gerieten.

Maskierte Hamas-Anhänger errichteten Straßensperren, Kämpfer beider Seiten besetzten mit gezogenen Waffen strategisch wichtige Positionen. Die Schießerei begann, als ein Mitglied des von der Fatah dominierten Geheimdienstes wegen eines Beinbruchs in die Schifa-Klinik eingeliefert werden sollte. Milizionäre der Hamas wollten seinen bewaffneten Begleitern den Zutritt verwehren, kurz darauf schossen beide Seiten aufeinander. Dabei wurden ein Hamas-Polizist sowie zwei Sicherheitsbeamte der Fatah getötet. Ein weiterer Fatah-Beamter wurde nach Angaben der Partei von bewaffneten Hamas-Aktivisten entführt und getötet.

Die Kämpfe breiteten sich schnell auf andere Gebiete von Gaza aus. Das Hauptquartier des palästinensischen Geheimdienstes wurde mit Mörsern und Granaten angegriffen. Ferner wurde das Auto des Gouverneurs des nördlichen Gazastreifens beschossen. Der Fatah-Politiker Ismail Abu Schamallah blieb jedoch unverletzt. Auch vor der Residenz von Präsident Mahmud Abbas fielen Schüsse. Der Fatah-Vorsitzende hielt sich allerdings nicht in Gaza, sondern in
Ramallah im Westjordanland auf. Seit der Ankündigung von Abbas, gegen den Willen der Hamas-Regierung vorgezogene Neuwahlen durchsetzen zu wollen, sind bis Dienstag bereits 13 Menschen dem gewaltsamen Machtkampf zum Opfer gefallen.

Abbas will mit seiner Neuwahl-Ankündigung die politische Blockade auflösen, die seit dem Wahlsieg der Hamas-Islamisten in den Palästinensergebieten herrscht. Weil die Hamas weiter das Existenzrecht Israels bestreitet und einen Gewaltverzicht ablehnt, haben die Europäische Union und die USA den Palästinensern den Geldhahn zugedreht.

Der palästinensische Ministerpräsident Ismail rief am Dienstag zu einem Ende der gewaltsamen Auseinandersetzungen auf. Die rivalisierenden Gruppen müssten
vereint gegen Israel kämpfen, sagte Hanija, der der radikalislamischen Hamas angehört. "Diese Nation, dieses Volk, wird eine vereinigte Front bilden gegen Besatzung und Aggression", sagte Hanija in einer im Fernsehen übertragenen Rede.

Jordanischer König zur Vermittlung bereit

Der jordanische König Abdullah erklärte sich zu einer Vermittlungsmission bereit. Er wolle Spitzenvertreter von Fatah und Hamas zu Versöhnungsgesprächen nach Amman einladen, hieß es in einer Erklärung des Königspalastes. Mit dem Ziel, den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern ebenfalls wieder in Gang zu bringen, traf Abdullah auch mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert zusammen, der überraschend nach Amman gekommen war.

USA stellen sich hinter Abbas

Die USA stellten sich hinter die Forderung von Abbas nach baldigen Neuwahlen in den Autonomiegebieten. Die verfassungsrechtliche Grundlage sei allerdings nicht ganz klar, räumte US-Außenamtssprecher Sean McCormack ein.

Neuwahlen in den Palästinensergebieten können nach Einschätzung des Europapolitikers Michael Gahler (CDU) die anhaltende Konfrontation zwischen Fatah und Hamas nicht beenden. Wahlen gegen den Willen der Hamas würden den Konflikt nur verlängern, sagte Gahler im Deutschlandradio Kultur.

Der CDU-Außenpolitiker Andreas Schockenhoff hält die Überwindung der ökonomischen Krise in den Palästinensergebieten für eine Voraussetzung zur Beilegung des Nahost-Konflikts. Hilfen der internationalen Gemeinschaft indes müssten an die Bedingung geknüpft bleiben, dass die Palästinenser die Existenz Israels anerkennen, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsbundestagsfraktion. "Im Moment sind wir in einer verfahrenen Situation, weil sich die Hamas keinen Schritt bewegt hat", sagte Schockenhoff im Deutschlandfunk. Der Friedensforscher Johan Galtung schilderte im Deutschlandfunk eine Sechsstaatenlösung nach dem Modell der Europäischen Union als zukunftsträchtige Vision für den Nahen Osten.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:20 Uhr