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BND: Klimawandel wird politische Konflikte bestimmen

Geheimdienst warnt vor Folgen zunehmender Öl- und Gas-Förderung

Der BND warnt: In Zukunft geht es nicht mehr um knappe Ölreserven, sondern um den CO2-Ausstoß. (picture alliance / dpa / Iliya Pitalev)
Der BND warnt: In Zukunft geht es nicht mehr um knappe Ölreserven, sondern um den CO2-Ausstoß. (picture alliance / dpa / Iliya Pitalev)

Der Bundesnachrichtendienst ist alarmiert: Steigende Emissionen durch fossile Energien würden das Klima weiter belasten. Deshalb werde sich der weltweite Verteilungskampf laut BND darauf zuspitzen, wer wie viel klimaschädliches CO2 ausstoßen darf. Auch in Deutschland ist dazu eine Debatte entbrannt.

Der Klimawandel wird nach Auffassung des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Zukunft strategische Konflikte bestimmen. Angesichts der zunehmenden Förderung von Öl und Gas werde zwar das Thema Versorgungssicherheit in den Hintergrund rücken. Nach Ansicht des BND ist es jedoch bedenklich, dass ein steigender Verbrauch fossiler Rohstoffe auch einen steigenden Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) bedeutet, der die Umwelt weiter belastet. Anlass der Analyse des Auslandsgeheimdienstes sind die jüngsten Schiefergas- und Ölfunde in den USA, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtet.

In Deutschland hat die BND-Studie eine politische Diskussion ausgelöst. Die Grünen warnten Union und SPD davor, wieder stärker auf fossile Energiequellen zu setzen. "Wenn die Kohlefreunde von Union und SPD sich durchsetzen, wäre das katastrophal fürs Klima und teuer für die Verbraucher", sagte Grünen-Chefin Simone Peter gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Peter forderte einen energischen Kurswechsel in der deutschen Klimaschutzpolitik: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dürfe die Warnungen ihrer Experten nicht ignorieren und nicht weiter den Klimaschutz kurzsichtigen Lobbyinteressen opfern.

BND: Neue Förder-Technologien lassen Öl- und Gas-Preise sinken

Der BND kommt in seiner Untersuchung zu dem Schluss, dass die weltweiten Reserven an Öl und Gas zunehmen - mit Hilfe neuer Technologien wie etwa dem umstrittenen Fracking würden auch schwer zugängliche Reservoirs verfügbar. Das erschwere den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien immer mehr. So geht der Auslandsgeheimdienst davon aus, dass Gas- und Öl aufgrund zunehmender Reserven billiger werden. Kohle ist demnach in den vergangenen Jahren bereits günstiger geworden, da sie in den USA zum Teil von billigem Gas verdrängt worden sei und nun exportiert werde – auch nach Deutschland.

Die größten Risiken durch sinkende Preise fossiler Rohstoffe sieht der BND für die Ölproduzenten Iran, Libyen, Venezuela und Jemen. Die Regierungen dieser Länder rechneten mit hohen Ölpreisen in ihren Staatshaushalten – mit den Einnahmen aus dem Öl subventionieren sie Benzin oder Lebensmittel, um die Stabilität in ihren Ländern zu gewährleisten. Aber auch Russland stehe vor einer Veränderung: Das Land werde Probleme haben, die eigene Ölproduktion zu steigern, um die Folgen sinkender Preise für die Staatsfinanzen auszugleichen. Deutschland und die EU könnten nach Einschätzung des Auslandsgeheimdienstes dagegen möglicherweise ein Stück weit profitieren. So könnte die Abhängigkeit von Russland, dem bisher größten Gaslieferanten Deutschlands, zurückgehen.

BND sieht Zwei-Grad-Ziel bei Erderwärmung in Gefahr

Emissionen (Stock.XCHNG / Steve Ford Elliott)Zunehmende CO2-Emissionen erschweren die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels. (Stock.XCHNG / Steve Ford Elliott)Ein weiteres Risiko sieht der BND im steigenden Ausstoß des klimaschädlichen CO2. In der Analyse heißt es, schon die Verbrennung der heute nachgewiesenen Reserven an Kohle ergäben "Emissionen von 1.700 Milliarden Tonnen CO2, bei Öl über 600 Milliarden Tonnen, bei Gas über 400 Milliarden Tonnen CO2". Internationale Klimaforscher hatten jedoch ausgerechnet, dass bis zum Jahr 2050 nicht mehr als 1.110 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen werden dürften, damit sich die Erde im Schnitt nicht um mehr als zwei Grad erwärme. Sollte dieses Zwei-Grad-Ziel nicht eingehalten werden, befürchten Wissenschaftler hohe volkswirtschaftliche Kosten, da der Meeresspiegel steigen und extremes Wetter zunehmen könnte.

Überraschend ist die Analyse des BND auf den ersten Blick, weil sie nicht von Umweltschützern, sondern von einem Auslandsgeheimdienst durchgeführt wurde. Der Bundesnachrichtendienst hat aber in den vergangenen Jahren häufiger auch wirtschafts- und finanzpolitische Entwicklungen untersucht – und zwar aufgrund ihrer enormen geostrategischen Auswirkungen.

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Letzte Änderung: 14.11.2013 23:12 Uhr