Bundeskanzlerin rückt von Oettinger ab wegen Filbinger-Trauerrede

Merkel: Hätte mir auch kritische Fragen gewünscht

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger trägt sich in Stuttgart in das Kondolenzbuch für den im Alter von 93 Jahren verstorbenen Hans Filbinger ein. (AP)
Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger trägt sich in Stuttgart in das Kondolenzbuch für den im Alter von 93 Jahren verstorbenen Hans Filbinger ein. (AP)

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU) wegen seiner Trauerrede für Hans Filbinger getadelt. Sie habe Oettinger mitgeteilt, dass neben der Würdigung von Ministerpräsident Hans Filbinger auch kritische Fragen im Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus zur Sprache hätten kommen sollen, sagte die CDU-Chefin.

Sie hätte sich dies "insbesondere im Blick auf die Gefühle der Opfer und Betroffenen" gewünscht, ließ Merkel in Berlin mitteilen.

Gegen die Rüge Merkels regt sich in der Südwest-CDU unterdessen Widerstand. "Wir stehen weiterhin zu Oettinger, ohne Wenn und Aber", sagte der Vorsitzende der baden-württembergischen CDU-Landesgruppe im Bundestag, Georg Brunnhuber, dem "Handelsblatt". Kritik an Oettinger sei unberechtigt: "Jedes Wort war richtig, da kann man nur fünf Ausrufezeichen dahinter machen."

Zuvor hatte bereits der baden-württembergische Finanzminister Gerhard Stratthaus den Ministerpräsidenten verteidigt. Oettinger habe keinen Fehler gemacht, sagte Stratthaus im Deutschlandfunk. Ob jedes Wort der Rede notwendig gewesen sei, könne er nicht beurteilen. Falsch sei die Ansprache aber nicht gewesen, erklärte Stratthaus. "Filbinger war in Baden-Württemberg ein anerkannter Mann." (Text / MP3-Audio)

Der Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Fritz Kuhn, forderte Oettinger auf, seine Äußerungen zurückzunehmen. Oettinger betätige sich als "Geschichtsverdreher", erklärte Kuhn in der "Berliner Zeitung".

Der Schriftsteller Ralph Giordano bezeichnete Oettingers Äußerungen sogar als eine "nicht für möglich gehaltene Ungeheuerlichkeit" und fügte hinzu: "Wer so etwas sagt, steht nicht auf dem Boden des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und gehört nicht auf den Sessel eines Ministerpräsidenten."

1978 hatte der Dramaturg Rolf Hochhuth mit seinen Veröffentlichungen maßgeblich zum Rücktritt Filbingers vom Amt des Ministerpräsidenten beigetragen. In der "Süddeutschen Zeitung" erklärte Hochhuth erneut, der ehemalige Marinerichter sei ein "sadistischer Nazi" gewesen.

Hans Filbinger war von 1966 bis 1978 Regierungschef in Baden-Württemberg.

Mit Oettingers umstrittener Trauerrede setzt sich Deutschlandradio Kultur-Chefredakteur Peter Lange in einem Kommentar in der Sendung "Ortszeit" auseinander. (Text)

Über die Oettinger-Rede berichtete auch Deutschlandradio-Korrespondentin Uschi Götz in der Sendung "Informationen am Mittag" im Deutschlandfunk.
(MP3-Audio)

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:22 Uhr