Bundesrepublik soll jahrelang Doping gefördert haben

Neue Studie aus Berlin deckt westdeutsches Doping-System auf

Doping-System Deutschland? (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)
Doping-System Deutschland? (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)

Nicht nur in der DDR, auch in Westdeutschland soll jahrelang systematisch gedopt worden sein. Das sind die Ergebnisse einer unveröffentlichten Studie der Humboldt-Universität (HU) Berlin, über die jetzt die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

In der Bundesrepublik Deutschland ist offenbar spätestens seit Beginn der Siebzigerjahre ein systematisches, organisiertes und vom Staat finanziertes Doping-Programm betrieben worden. Die "Süddeutsche Zeitung" verweist auf die bislang unveröffentlichte Studie "Doping in Deutschland" der Humboldt-Universität (HU) Berlin. Demnach soll das Programm abgesehen von umfangreichen Dopingforschungen weit über die bisher bekannten Fakten hinaus gegangen sein. Der Bericht spricht von 516 Forschungsvorhaben, die das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) finanzierte.

Viele Sportarten betroffen

Doping wurde offenbar in vielen Sportarten systematisch eingesetzt: So sollen Leichtathleten vor allem Anabolika genommen haben. Die Ruderer hätten zum Beispiel bei den Olympischen Spielen 1976 Spritzen mit Berolase und Thioctacid verabreicht bekommen. Auch die Fußball-Nationalmannschaft habe laut Studie falsch gespielt. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 soll das Aufputschmittel Pervitin gespritzt worden sein. Die Nationalelf, die 1966 im Finale gegen England verlor, steht laut der HU-Studie ebenfalls unter Verdacht. Laut einem nicht namentlich genannten FIFA-Funktionär wurden bei drei deutschen Spielern Spuren von Ephedrin gefunden. Zudem habe es auch systematische Verabreichung verbotener Substanzen an Minderjährige gegeben.

Wusste die Politik Bescheid?

Es werden Vorwürfe laut, dass die Politik den Einsatz von leistungssteigernden Mitteln nicht nur geduldet, sondern offenbar auch gefordert habe. Außerdem hätten staatliche Institutionen sowie der damalige Deutsche Sportbund (DSB) und das Nationale Olympische Komitee (NOK) versucht, die Enttarnung gedopter Sportler zu verhindern.

Die Ergebnisse der 550.000 Euro teuren Studie "Doping in Deutschland" sind immer noch nicht veröffentlicht. Das BISp macht dafür datenschutzrechtliche Probleme verantwortlich. Die beteiligten Wissenschaftler widersprechen dieser Aussage. Die 800 Seiten umfassende Studie war 2008 vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) initiiert worden und liegt der SZ nach eigenen Angaben in einer Version aus dem Jahr 2012 vor.

Bereits am Dienstag hatten die "Märkische Oderzeitung" und die "Main-Post" ein Dokument veröffentlicht, wonach es Anfang der 1970er Jahre auch in Westdeutschland mit Steuermitteln finanzierte Dopingforschung gegeben hat.

SPD prüft Sondersitzung des Sportausschusses

Die SPD-Fraktion im Bundestag plant wegen der Berichte die Einberufung einer Sondersitzung des Sportausschusses. Der sportpolitische Sprecher der SPD, Martin Gerster, sagte in Berlin, es sei unglaublich, dass die Abgeordneten von den Erkenntnissen aus der Zeitung erführen. Die schlimmsten Befürchtungen seien eingetreten. Gerster betonte, er werde ermitteln, ob Anfang September eine Sitzung des Ausschusses möglich sei.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:15 Uhr