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Bundeswehr in Erklärungsnot

Jung weist Kritik an Luftangriff in Afghanistan zurück

ISAF-Soldaten der Bundeswehr patrouillieren  in der Nähe von Feisabad, in Nordafghanistan. (AP)
ISAF-Soldaten der Bundeswehr patrouillieren in der Nähe von Feisabad, in Nordafghanistan. (AP)

Bei dem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff in Afghanistan sind nach Angaben der Provinzregierung in Kundus sechs Zivilisten getötet worden. Der Gouverneur erklärte, bei dem Vorfall am Freitag seien insgesamt 54 Menschen ums Leben gekommen, 48 davon seien bewaffnet gewesen.

Zu der Zahl der Opfer des NATO-Angriffs gibt es weiterhin unterschiedliche Angaben. Der afghanische Präsident Karsai geht von rund 90 Toten und Verletzten aus. Die "Washington Post" meldete unter Berufung auf das NATO-Ermittlerteam 125 Tote, davon zwei Dutzend Zivilisten.

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung bekräftigte in der Zeitung "Bild am Sonntag", nach dem ihm vorliegenden Informationen seien nur Aufständische ums Leben gekommen. Zugleich betonte er, es habe klare Hinweise darauf gegeben, dass die Talibankämpfer die zwei Tanklaster entführt hätten, um einen Anschlag zu verüben. Er halte deshalb die Entscheidung des deutschen Kommandeurs für richtig, einen NATO-Luftangriff anzufordern. Jung betonte, er habe kein Verständnis für jene Stimmen, die den Einsatz ohne Kenntnis der Sachlage kommentierten.

Aktuelle Stunde im Bundestag

Der Bundestag wird sich mit dem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff mit zahlreichen Todesopfern in Nordafghanistan befassen. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linkspartei, Dagmar Enkelmann, erklärte in Berlin, ihre Fraktion habe eine Aktuelle Stunde beantragt, weil die Bundesregierung eine Politik der Desinformation betreibe. Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, die SPD-Politikerin Ulrike Merten, sagte der "Saarbrücker Zeitung", Verteidigungsminister Jung habe das Parlament nicht ausreichend über den Zwischenfall unterrichtet. Auch der Grünen-Verteidigungsexperte Winfried Nachtwei kritisierte, man sei vom Verteidigungsministerium so dürftig informiert worden, wie man es von anderen Vorfällen nicht kenne.

Gestern war auf dem EU-Außenministertreffen in Stockholm deutliche Kritik laut geworden.

Fall soll untersucht werden

Neben Experten der NATO soll auch ein Team der Vereinten Nationen den Luftangriff untersuchen. Es müsse geprüft werden, warum der Angriff erfolgte, obwohl Opfer unter den Zivilisten nicht auszuschließen gewesen seien, erklärte der stellvertretende UNO-Beauftragte für Afghanistan Peter Galbraith.

Aufbau oder Abzug - in den USA wird über die künftige Afghanistan-Strategie diskutiert.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:34 Uhr