Chinas Bürgerrechtler bittet Obama um Asyl

Chen will nach Todesdrohungen in die USA ausreisen

Chinas Bürgerrechtler Chen Guangcheng (picture alliance / dpa)
Chinas Bürgerrechtler Chen Guangcheng (picture alliance / dpa)

Der Bürgerrechtler Chen Guangcheng verstärkt die diplomatischen Spannungen zwischen den USA und China. Der blinde Aktivist appellierte an US-Präsident Barack Obama, ihm jetzt doch bei der Ausreise aus China zu helfen. Chen sorge sich um die Sicherheit seiner Familie.

Kurz nach dem Verlassen der US-Botschaft hat der Dissident Chen Guangcheng schwere Vorwürfe gegen die chinesischen Behörden erhoben. Er sagte der Nachrichtenagentur AP, man habe damit gedroht, seine Frau zu töten, wenn er das Gelände nicht verlasse. Er wolle ausreisen, fürchte aber um die Sicherheit seiner Familie. DIe diplomatische Krise zwischen Peking und Washington könnte sich nun verschärfen.

US-Diplomaten erklärten, sie hätten keine Kenntnis von einer Todesdrohung gegen Chens Frau. Chen sagte jedoch, US-Beamte hätten ihm diese Drohung übermittelt. Die amerikanische Botschaft hatte Chen zuvor verlassen, nachdem ihm Sicherheitszusagen gemacht wurden. Er sollte medizinische Versorgung erhalten, mit seiner Familie wiedervereint werden und eine Universitätsausbildung in einer sicheren Umgebung absolvieren können.

Zuvor hatte bereits eine enge Vertraute Chens Zweifel an der Darstellung gesät, es entspreche Chens Wünschen, in China zu bleiben. Erst auf massiven Druck der chinesischen Führung habe er sich für einen Verbleib in seinem Heimatland entschieden, berichtete Zeng Jinyan. Der Aktivist sei vor die Wahl gestellt worden, alleine ins Exil zu gehen oder bei seiner Familie zu bleiben.

US-Botschafter Gary Locke hatte den blinden Aktivisten am Mittwoch in ein Krankenhaus begleitet, wo die auf der Flucht erlittenen Verletzungen des 40-Jährigen behandelt werden sollten. Nach vier Jahren Gefängnis hatte Chen in einem Dorf 19 Monate zusammen mit seiner Frau, Tochter und Mutter unter Hausarrest verbracht. Er hatte Probleme mit den örtlichen Behörden bekommen, weil er die umstrittene Ein-Kind-Politik kritisiert und erzwungene späte Abtreibungen und Sterilisierungen von Frauen aufgedeckt hatte.

Clinton will Schicksal weiter verfolgen

US-Außenministerin Hillary Clinton in Neu Delhi (picture alliance / dpa)US-Außenministerin Hillary Clinton übte Kritik im Fall Chen (picture alliance / dpa)Die Flucht Chens aus dem Hausarrest über hunderte Kilometer in die US-Botschaft hatte für diplomatische Verwicklungen im amerikanisch-chinesischen Verhältnis gesorgt. Der Vorfall droht nun, die Agenda für die ab Donnerstag geplanten jährlichen strategischen Gespräche zwischen China und den USA über den Haufen zu werfen. Das chinesische Außenministerium kritisierte den amerikanischen Schutz für Chen als "eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas, die wir niemals akzeptieren werden", zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua Außenamtssprecher Liu Weimin. Er forderte eine Entschuldigung vonseiten der USA sowie Ermittlungen.

Zuvor war US-Außenministerin Hillary Clinton zu Regierungsgesprächen in Peking eingetroffen. Sie hatte wiederholt den Umgang der Behörden mit Chen kritisiert, der vor allem mit Kritik an der Ein-Kind-Politik in China den Zorn der chinesischen Führung auf sich gezogen hatte. Clinton habe mit Chen telefoniert, nachdem er die Botschaft verlassen hatte, sagte ein US-Beamter. Chen habe Clinton gesagt: "Ich würde Sie am liebsten umarmen." Zugleich habe er mit Blick auf seine Zukunft erklärt, er sei für den "bevorstehenden Kampf" bereit.

Die in den USA ansässige Organisation "ChinaAid" hatte erklärt, vor den bilateralen Gesprächen am Donnerstag und Freitag würden Washington und Peking Gespräche zum Fall Chen führen. Dabei werde es um eine Vereinbarung gehen, die es Chen erlauben solle, gemeinsam mit seiner Familie ins US-Exil zu gehen.

Autodidaktischer Anwalt

Der blinde Chen Guangcheng zählt zu den bekanntesten Menschenrechtsaktivisten Chinas. Im Alter von sieben Jahren verlor er durch hohes Fieber sein Augenlicht. Nachdem er sich Jura im Selbststudium beigebracht hatte, verteidigte er Frauen, die wegen der chinesischen Ein-Kind-Politik Zwangsabtreibungen über sich ergehen lassen mussten. Nach vier Jahren Haft war Chen im September 2010 aus dem Gefängnis entlassen worden und stand seither in der östlichen Provinz Shandong unter Hausarrest. Am 22. April floh er. Die Regierungen der USA und anderer Länder forderten die Aufhebung des Hausarrests. Menschenrechtsorganisationen, Diplomaten und Journalisten wurden wiederholt von Sicherheitskräften und lokalen Schlägertrupps daran gehindert, den 40-Jährigen Chen zu besuchen. Im Dezember 2011 drängten chinesische Sicherheitskräfte den britischen Hollywoodstar Christian Bale ab, als er den Bürgerrechtler sprechen wollte. 2007 erhielt Chen Guangcheng für seinen Einsatz den asiatischen Menschenrechtspreis "Ramon Magsaysay Award".

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr