Christine Grimm

Den Sound der Gegenwart suchen

(© Deutschlandradio / Christian Kruppa)
(© Deutschlandradio / Christian Kruppa)

In meinem Abiturbuch habe ich damals nicht notiert, dass ich Radioredakteurin werden würde. Da stand stattdessen ganz bescheiden: Verlegerin. Ich wollte Bücher machen, wurde Antiquarin, dann Lektorin – verschiedene Stationen in Verlagen folgten. Ich wollte mich mit dem Ringen um die richtigen Worte auseinandersetzen. Denn wer eine Geschichte erzählt, reduziert die Fülle und Gleichzeitigkeit aller Dinge auf etwas Lineares, auf einen Pfad. Das finde ich bis heute sehr spannend. Es gibt Hörspielproduktionen, denen es gelingt, diesen Pfaden etwas hinzuzufügen. Etwas, das so nicht zwischen den Buchdeckeln steht.

Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht nicht das Medium, sondern der Inhalt, das Thema, die Sprache. Mir geht es darum, beim Erzählen Differenzen darzustellen. Ich möchte Leerstellen unbesetzt lassen, weil ich glaube, dass sich nur so die Merkwürdigkeiten des Lebens und dieses Dazwischen erklären lassen. Mit ‚Dazwischen‘ meine ich die Lücken zwischen den in Reih und Glied sitzenden Wörtern. Das hat mit einer famosen Eigenschaft der Sprache zu tun: Aus dem Mangel, dass es weniger bezeichnende Wörter als zu bezeichnende Dinge gibt, bringt sie einen fantastischen Reichtum hervor – sie vermehrt die Bedeutung der Wörter. Das ist nichts Neues, das weiß die Rhetorik seit der Antike. Und doch stelle ich als Hörspieldramaturgin immer wieder begeistert fest, welche Intensität dieses Dazwischen im Auditiven hat.

Es gibt Hörspiele, die ich immer wieder hören kann. Ebenso wie es Bücher gibt, die ich immer wieder zur Hand nehmen muss. ‚Das Kalkwerk‘ von Thomas Bernhard ist so eine Produktion. Ein Kalkwerksbesitzer arbeitet darin an einer Studie über das Gehör, dem "philosophischsten aller Sinnesorgane". Es beruhigt mich unglaublich, dieses Werk mit durch die Jahre zu nehmen, es immer wieder neu zu bewerten und zu erleben. Das hat etwas ungemein Tröstliches. Mir fallen noch andere Hörspiele ein, die mir alternative Sichtweisen auf die Wirklichkeit anbieten, die mir Möglichkeitsräume öffnen. Stücke, die letztlich mein Denken prägen und mich zum Überdenken meiner Sicht auf die Welt bewegen.

Neben dem Lesen und Hören kann ich in diesem Beruf vor allem eines: interessante Menschen kennenlernen. Menschen, die sich tiefergehende Gedanken über das Leben und die Welt machen und die es schaffen, diese Gedanken so zu formulieren und zu inszenieren, dass die Zuhörenden am Ende von der Gegenwart vielleicht etwas mehr verstehen.

Genug geredet: hörspielundfeature.de


Christine Grimm,
Redakteurin Radiokunst
Deutschlandfunk Kultur


Aus dem Programmheft, Ausgabe Dezember 2019