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Contergan-Fall wird in Australien neu aufgerollt

Opfer-Anwälte nutzen 40 Jahre alte Akten aus Deutschland

Von Marieke Degen

Eine Packung Contergan, ausgestellt im Deutschen Museum in München (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)
Eine Packung Contergan, ausgestellt im Deutschen Museum in München (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)

In Australien steht das Unternehmen Grünenthal, der Hersteller des Schlafmittels Contergan, vor Gericht. Die Brisanz daran: Es werden Dokumente, Zeugenaussagen und Gutachten verwendet, die die Staatsanwaltschaft vor mehr als 40 Jahren sammelte, die im deutschen Contergan-Prozess aber nie vollständig ausgewertet wurden.

"Also: Auf die Plätze, fertig, los"

Stolberg bei Aachen, 31. August 2012.

"Grünenthal! (Grünenthal!) Grünenthal! (Grünenthal!) Wirtz! (Wirtz!) Deine Mahnmale rufen Dich! (Deine Mahnmale rufen Dich!)"
(Der in Klammern stehende Text wird von einer Gruppe wiederholt)

Andreas Meyer hat weder Arme noch Beine. Sein Gesicht ist goldfarben geschminkt, sein Rollstuhl in ein goldenes Tuch gehüllt.

"Wir sind schon vor unserer Geburt zu deinen Denkmälern geworden! (Wir sind schon vor unserer Geburt zu deinen Denkmälern geworden!)"

Einen Kilometer entfernt, im Kulturzentrum, wird gleich das Contergan-Denkmal eingeweiht. Eine Bronzeskulptur, bezahlt von Grünenthal. Der Firma also, die das Schlafmittel vor mehr als 50 Jahren in Stolberg hergestellt und damit einen der größten Arzneimittelskandale aller Zeiten ausgelöst hat. Andreas Meyer und seine Mitstreiter bereiten sich auf ihre Gegendemonstration vor.

"Wir sind die Denkmäler deiner Skrupellosigkeit und Profitgier! (Wir sind die Denkmäler deiner Skrupellosigkeit und Profitgier!)"

Der Fall Contergan – eine unvermeidliche Katastrophe? Oder fahrlässige Körperverletzung aus Profitgier? Hätte Grünenthal die Katastrophe damals verhindern können? Die Firma vertritt dazu seit Jahren dieselbe Position – so auch ihr Geschäftsführer Harald Stock bei der Denkmalseinweihung.

"Grünenthal hat bei der Entwicklung von Contergan nach dem damaligen Kenntnisstand gehandelt, und alle Industriestandards für das Testen neuer Medikamente entsprochen zu haben, die in den 50er und 60er Jahren maßgeblich und anerkannt waren. Wir bedauern sehr, dass durch die Tests, die wir und andere durchgeführt haben, die teratogene, also das fruchtschädigende Potenzial von Contergan nicht festgestellt werden konnte, bevor es eingeführt wurde."

Michael Magazanik sieht das anders. Magazanik ist Rechtsanwalt in Melbourne, Australien.

"Harald Stock sagt immer wieder, dass Grünenthal vor der Markteinführung alles gemacht hat, was damals erwartet worden ist. Nun – wir sagen, das war einfach nicht der Fall."

Auch in Australien war Contergan in den Sechziger Jahren auf dem Markt – unter dem Namen Distaval. In Melbourne wird die Grünenthal GmbH zurzeit auf Schadenersatz verklagt, zusammen mit ihrer ehemaligen Lizenzfirma Distillers. Michael Magazanik und sein Team vertreten die Thalidomidopfer.

Die Anwälte erheben schwere Vorwürfe: Grünenthal soll Contergan nicht ausreichend getestet und Hinweise auf Fruchtschäden nicht ernst genug genommen haben. Sie stützen sich dabei auf Beweismaterial aus Deutschland. Dokumente, Zeugenaussagen und Gutachten, die die Staatsanwaltschaft vor mehr als 40 Jahren gesammelt hat, die im deutschen Contergan-Prozess aber nie vollständig ausgewertet worden sind. Der Prozess wurde im Dezember 1970 eingestellt.
Michael Magazanik hat das Material im Landesarchiv in Düsseldorf neu gesichtet und einen Teil davon dem Gericht in Melbourne zur Verfügung gestellt.

"Nachdem wir viel Zeit in dem Archiv verbracht haben, ist mir klar, dass die wahre Geschichte über das, was Grünenthal über die Fehlbildungen wusste oder hätte wissen sollen oder können, nie richtig erzählt worden ist."

Schon in den Fünfziger Jahren sei bekannt gewesen, dass Medikamente dem ungeborenen Kind schaden könnten, sagt Michael Magazanik. Und schon damals habe es Tierversuche gegeben, um das zu testen. In den Düsseldorfer Akten findet sich unter anderem die Aussage eines Pathologen aus den USA. Er sagt 1968:

"In den zehn Jahren, die dem Erscheinen des Thalidomids vorausgingen, und das war um 1959, ist von verschiedenen Forschern von Japan über die Vereinigten Staaten über England bis Frankreich für nicht weniger als 25 Verbindungen gezeigt worden, dass sie den Fötus in der Gebärmutter beeinflussen, sei es, dass sie viele Fötusse töteten, oder sei es, dass sie Missbildungen herbeiführten."

Die Anwälte behaupten außerdem: Grünenthal habe Hinweise auf Fruchtschäden nicht ernst genug genommen. Dem Archivmaterial zufolge hat ein deutscher Apotheker 1960 einen Brief an Grünenthal geschrieben. Seine Kundin habe ein Baby mit Organschäden zur Welt gebracht. Ob Contergan dahinterstecken könnte. Grünenthal antwortet:

Sehr geehrter Herr Apotheker,
Nach allen uns bisher vorliegenden Beobachtungen und Befunden, insbesondere aus gynäkologischen Abteilungen, können wir hier einen ursächlichen Zusammenhang verneinen.


Die Mitarbeiter bei Grünenthal wussten offenbar nicht, wie Thalidomid auf das ungeborene Kind wirkt. In einer Aktennotiz eines leitenden Angestellten vom März 1961 heißt es:

Zum Thema Thalidomid und Schwangerschaft bzw. diaplazentarer Übertritt auf den Föten haben wir keine eigenen Erfahrungen. Tierversuche sind hier vielleicht nützlich, obwohl ich nicht mit einer Beeinflussung des Föten rechnen würde.

Erst im November 1961, nachdem ein Arzt aus Hamburg einen Zusammenhang zwischen Contergan und den Fehlbildungen nachweisen kann, nimmt Grünenthal das Mittel aus dem Handel.
Der Pressesprecher von Grünenthal, Frank Schönrock, will sich zu den Vorwürfen der australischen Anwälte nicht äußern.

"Bei den Punkten, die Gegenstand des Verfahrens in Australien sind, bitte ich um Verständnis, dass ich dazu leider nichts sagen kann. Das wird durch das Gericht bewertet werden, voraussichtlich im kommenden Jahr, und von daher gesehen kann ich dazu vorher keine Stellungnahme abgeben."

Die mitangeklagte Firma Distillers, die ehemalige Lizenzfirma von Grünenthal, gehört heute zum britischen Konzern Diageo. Diageo hat mit der Hauptklägerin im Juli einen Vergleich geschlossen – über mehrere Millionen Dollar. Grünenthal beteiligt sich nicht daran. Frank Schönrock:

"Wir sind der Ansicht, dass wir damals nach den gängigen Standards der Wissenschaft verantwortungsvoll gehandelt haben, und aus diesem Grund werden wir uns auch verteidigen."

Das Verfahren ist zurzeit unterbrochen, weil Diageo noch mit weiteren Opfern verhandelt. Es könnte im nächsten Jahr wieder aufgenommen werden.


Programmhinweis
Die Sendung Hintergrund beschäftigt sich heute Abend ab 18.40 Uhr ausführlich mit dem Prozess in Australien.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:01 Uhr

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