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Das Familienhotel

Nahaufnahmen aus Griechenland: Tourismus - der Motor der griechischen Wirtschaft

Von Andrea Mavroidis

120 Zimmer vermietet Roula Mykoniati in ihrem Hotel Mykonos Paradise auf Chalkidiki (Deutschlandradio - Andrea Mavroidis)
120 Zimmer vermietet Roula Mykoniati in ihrem Hotel Mykonos Paradise auf Chalkidiki (Deutschlandradio - Andrea Mavroidis)

Der Tourismus gilt als Motor der griechischen Wirtschaft, doch er beginnt zu stottern: Für das laufende Jahr zeichnet sich ein Rückgang der Buchungen um fast 30 Prozent ab, vor allem der aus Deutschland. Doch die griechischen Hoteliers stecken nicht auf und finden Alternativen, wie in Besuch auf der Halbinsel Chalkidiki in Nordgriechenland beweist.

Ich treffe Roula Mykoniati an der Rezeption ihres Hotels Mykonos Paradise. Lautstark lässt sie am Telefon ihrem Unmut freien Lauf. Eine Buchung ist falsch gelaufen: Mit dieser Bürokratie müssen wir einfach Schluss machen, sagt sie bestimmt. Mykoniati ist eine kleine zierliche Person, aber eine Erscheinung. Ihre langen blonden Haare sind wohl frisiert, sie trägt ein dunkelblaues Businesskostüm und lackrote, extrem hohe High Heels. Das Ausbleiben der deutschen Touristen schmerzt sie sehr:

"Sie müssen wissen, Deutschland ist unser wichtigster Markt. Besonders hier auf der Chalkidiki. Uns fehlen dieses Jahr Deutsche, Holländer und Österreicher, und das ist ein Problem. Wenn wir Griechen etwas machen, dann machen wir das mit viel Pathos. Aber nicht nur im positiven Sinne, auch bei dem, was uns schaden kann, sind wir mit Pathos bei der Sache. Wie kann es sein, dass meine Gäste nicht mehr ins Hotel zurückkehren können, weil die Straße wegen eines Streiks abgesperrt ist. Oder die Fähren, die nicht fahren. Dieses negative Bild hat sich auch auf unsere Reservierungen ausgewirkt. Als man die deutsche Flagge auf dem Syntagma-Platz in Athen verbrannt hat, gab es nicht eine Reservierung aus Deutschland, aber wirkliche keine."

Jetzt im Mai sieht es nicht gut aus, bekennt Roula Mykoniati. Da ist das Hotel fast leer, bislang eine beliebte Reisezeit vor allem bei Deutschen. Um 30 Prozent sind die Buchungen zurückgegangen und nicht nur bei ihr.

Stolzerfüllt führt mich Roula Mykoniati durch ihr kleines, aber feines 120-Zimmerhotel. Das Haus hat ein sehr plüschiges Interieure, um nicht zu sagen ein etwas kitschiges. Aber sie versichert mir, ihre zahlreichen russischen Gäste lieben es so. Diese Herberge ist ihr Lebenswerk, und das will sie sich von niemandem, aber auch niemandem ruinieren lassen. Und Roula Mykoniati ist eine Frau, die weiß, was sie will und wohin sie will. Schon lange vor der Krise hat sie umgedacht und sich auf die regionalen Stärken der Region Chalkidiki besonnen. Ihr Konzept: die Gäste wirklich da abholen, wo sie stehen. Für jede Nation hat sie ein eigenes Freizeitkonzept entwickelt: Die Russen interessieren sich für die orthodoxen Klöster, erklärt sie mir, die Italiener zieht es in die Berge. Und die Deutschen?

"Was wollen die Deutschen, die Deutschen lieben alte Traditionen sehr. Wir organisieren deshalb Touren zu den Dörfern hier auf der Chalkidiki, die eine besondere Architektur haben, ganz außergewöhnliche Speisen anbieten. Dieser Agro-Tourismus ist für uns sehr wichtig geworden. Deshalb arbeiten wir sehr eng mit kleinen Bauernhöfen zusammen, die ihre Spezialitäten noch mit der Hand herstellen."

Roula Mykoniati ist der Typ griechischer Businessfrau, die nichts dem Zufall überlässt. Sie hat längst hat eine neue Klientel entdeckt. Ab April fliegt Turkish Airlines täglich von Istanbul nach Thessaloniki.

"Wir erwarten dieses Jahr deshalb sehr viele türkische Gäste. Bislang sind nur wir Griechen nach Istanbul gereist, um uns die Stadtviertel unserer Vorfahren anzuschauen. Aber umgekehrt haben hier einst auf der Chalkidiki viele Türken gelebt. Das ist ein neuer Markt für uns. Und es gibt alleine 700.000 Türken, die ohne Visa nach Griechenland reisen können."

Direkt am Strand einige Schritte von Roula Mykoniatis Hotel entfernt, liegt die Fischtaverne von Thomas Tzikas. Er ist ein guter Bekannter von Mykoniatis. Auch er sieht der vermeintlichen Griechenlandkrise und dem Ausbleiben deutscher Touristen ganz gelassen entgegen:

"Wissen Sie, wir sind ein Familienunternehmen mit 70-jähriger Tradition. Wir haben bislang noch jeder Krise getrotzt und unsere deutschen Stammgäste schreckt das schlechte Griechenlandimage nicht ab. Sie kommen trotzdem und werden ihren Freunden zu Hause erzählen, dass die Fernsehbilder über Griechenland lügen und es ihnen hier gut gegangen ist."

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr