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Das Gewissen des Holocaust

Zum Tod des Nazi-Verfolgers Simon Wiesenthal

"Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal, hier mit 96 Jahren. (AP)
"Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal, hier mit 96 Jahren. (AP)

Über 50 Jahre lang verfolgte Simon Wiesenthal Täter des NS-Regimes und war an der Aufspürung zahlreicher NS-Verbrecher wie Adolf Eichmann beteiligt. Der Holocaust-Überlebende und Nazi-Verfolger ist am Dienstag im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben.

Als US-Soldaten 1945 das Konzentrationslager Mauthausen befreiten, wog Simon Wiesenthal kaum 50 Kilogramm. Er war vor Mauthausen schon in elf anderen Konzentrationslagern inhaftiert. Seine Frau Cyla überlebte in Warschau. Seine gesamte restliche Familie wurde im Holocaust umgebracht.

Wiesenthal sammelte zunächst für die US-Armee Beweise für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Er sagte: "Damit Auschwitz sich nicht immer zwischen Deutsche und Juden schiebt, müssen die Kriegsverbrecher verurteilt werden." "Nazi-Jäger" wird er heute genannt. Über ein halbes Jahrhundert verbrachte er mit der Suche nach NS-Verbrechern.

Simon Wiesenthal machte den Kommandanten des Konzentrationslagers Treblinka, Franz Stangl, ausfindig. Er spürte den ehemaligen stellvertretenden KZ-Kommandanten des Lagers Sobibor, Gustav Franz Wagner, auf. Er entdeckte Karl Silberbauer, den Mann, der Anne Frank verhaften ließ. Berühmt wurde er vor allem für die hartnäckige und erfolgreiche "Jagd" auf Holocaust-Organisator Adolf Eichmann.

Adolf Eichmann in Jerusalem (AP Archiv)Adolf Eichmann organisierte den Holocaust maßgeblich mit. Wiesenthal spürte ihn Anfang der 50er Jahre in Argentinien auf. (AP Archiv)Nachdem Simon Wiesenthal 1947 die Arbeit für die US-Truppen beendet hatte, konzentrierte sich seine Suche fortan auf eine Person: Adolf Eichmann, der die systematische Vernichtung von Millionen von Juden maßgeblich mitorganisiert hatte. Anfang der 50er Jahre kam Wiesenthal Eichmann tatsächlich auf die Spur - in Argentinien. 1960 brachte der israelische Geheimdienst den Gesuchten nach Israel. Nach seinem Prozess wurde Eichmann 1962 in Jerusalem hingerichtet.

Nach eigenen Angaben half Wiesenthal bei der Ergreifung von mehr als 1000 Nazi-Verbrechern. Er argumentierte immer wieder: "Wenn Menschen noch nach Jahren für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden, so ist das auch eine Warnung für potenzielle Mörder von morgen." 1977 gründete er das "Simon Wiesenthal Center", das es bis heute mit Büros in Los Angeles, Jerusalem, Paris, Buenos Aires, Miami, New York und Toronto gibt. Die Menschenrechtsorganisation will die Erinnerung an den Holocaust aufrecht erhalten.

Simon Wiesenthals Arbeit war dabei nicht unumstritten. Mitte der 90er Jahre musste er sich gegen heftige Vorwürfe wehren. Der Chef der Abteilung für Nazi-Unrecht im US-Justizministerium bezeichnete Wiesenthals Arbeit als "inkompetent" und "unprofessionell". Israelische Geheimdienstler ergänzten, er habe seine Rolle beim Aufspüren Eichmanns weit übertrieben, für die Jagd auf Martin Bormann und NS-Arzt Josef Mengele nur nutzlose Informationen geliefert.

Über Wiesenthals Privatleben war wenig bekannt. Er selbst verriet nur: "Ich bin verheiratet, ich habe eine Tochter, ich habe Enkelkinder - sie bedeuten mir alles." Seine Frau Cyla, mit der er seit 1936 verheiratet war, starb 2003. Mehrfach wurden Attentatsversuche auf ihn unternommen.

Der Gedanke, nach seinem Tod die von den Nazis ermordeten Juden wiederzusehen, trieb Simon Wiesenthal bei seiner Arbeit an. Dass dann jeder Überlebende von den Toten gefragt wird, was er nach dem Krieg getan habe. Einer werde antworten, ich habe Kaffee und Zigaretten geschmuggelt, sagte Wiesenthal. Ein anderer, er habe Häuser gebaut. "Ich aber werde sagen: Ich habe dich nicht vergessen."

Internationale Würdigung für Wiesenthal: "Der größte Kämpfer unserer Generation"

Der israelische Präsident Mosche Katzav würdigte Wiesenthal nach dessen Tod wegen seines Einsatzes für eine "bessere Welt". Wiesenthal habe den "menschlichen Anstand" verkörpert und sein Leben dem Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Nazismus gewidmet. So habe er dazu beigetragen, kommenden Generationen eine bessere Welt zu hinterlassen, sagte Katzav. "Er war der größte Kämpfer unserer Generation", so Katzav weiter.

Das Wiesenthal Center in Jerusalem kündigte nach dem Tod seines Gründers eine Fortsetzung des Kampfes zur Ahndung von Nazi-Verbrechen an. "Das jüdische Volk hat einen echten Helden verloren", sagte der Leiter Efraim Zuroff. Rabbi Marvin Hier, Mitbegründer und Vorsitzender des Simon Wiesenthal Center in Los Angeles nannte Wiesenthal das "Gewissen des Holocaust". "Als der Holocaust 1945 zu Ende war, ging die ganze Welt nach Hause um zu vergessen, er alleine blieb da um zu erinnern. Er vergaß nicht und wurde zum ständigen Repräsentanten der Opfer."

Bundespräsident Köhler sagte, Wiesenthal sei einer der ganz Großen gewesen, "die mit dazu beigetragen haben, dass man das ganze Verbrechen der Nazis aufarbeiten kann". Dennoch habe Wiesenthal es ermöglicht, dass Deutschland wieder in die Zukunft habe schauen können und nicht versucht, Rache zu nehmen.

Diesen Aspekt hob auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hervor. Dessen Vorsitzender Paul Spiegel sagte, Wiesenthal habe sich aus tiefster humanitärer Überzeugung für Gerechtigkeit eingesetzt. Durch seinen jahrzehntelangen Einsatz habe er dafür gesorgt, dass auch nachfolgende Generationen wüssten, wer für die Gräueltaten der Nazis verantwortlich war. "Er wird als das Gewissen des Holocaust in Erinnerung bleiben."

Auch Historiker würdigten den Nazi-Verfolger. "Wiesenthal war der erste, der die Verfolgung ganz konsequent betrieben hat und nicht in irgendeiner Weise resigniert hat", sagte der Heinrich Fink, Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Micha Brumlik vom Frankfurter Fritz-Bauer-Institut, einem Studien- und Dokumentationszentrum zum Holocaust, sagte, Wiesenthals Arbeit werde weitergeführt. Brumlik schätzte die Zahl der noch lebenden schwer belasteten NS-Verbrecher auf 400 bis 500 Personen weltweit. Viele lebten in Lateinamerika oder dem Baltikum. Aufgrund ihres hohen Alters sei die Chance, sie noch vor Gericht zu bringen, allerdings gering.

Mit dem Tod Simon Wiesenthals beschäftigt sich heute um 18:40 Uhr die Sendung "Hintergrund Politik" im Deutschlandfunk.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:12 Uhr

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