Das Grab des Schriftstellers Ludwig Börne verkommt

Besucher werden aus Sicherheitsgründen auf Distanz gehalten

Von Ursula Welter, Studio Paris

Das Grab des deutschen Publizisten Ludwig Börne verkommt. Hier ein Bild aus dem Jahr 2005. (picture alliance / dpa / Helmut Heuse)
Das Grab des deutschen Publizisten Ludwig Börne verkommt. Hier ein Bild aus dem Jahr 2005. (picture alliance / dpa / Helmut Heuse)

Ludwig Börne propagierte in seinen Schriften im frühen 19. Jahrhundert den radikalen französischen Liberalismus. Scharfe Kritik äußerte der Literat unter anderem an Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich Heine. Nun verkommt seine letzte Ruhestätte im Osten von Paris.

Ludwig Börne. Radikalster Publizist seiner Zeit? Unterschätztes Genie? Heine-Widersacher? Ein europäischer Aufklärer, aber auch einer, der die Elite das Fürchten lehrte.

"Ja, und da, der nächste Bauzaun, der ist Börne gewidmet. So präsentiert sich die ganze Geschichte seit ungefähr einem Jahr, hier sehen Sie einen Riss mitten im Pflaster, der ganze Untergrund arbeitet."

Ludwig Börne. 1786 geboren, 1837 gestorben. Geboren in Frankfurt am Main, gestorben in Paris. Dort, auf dem Père Lachaise, dem Hügel im Osten der französischen Hauptstadt, liegt sein Grab. Einsturzgefährdet.

Der Kunsthistoriker Peter Kropmanns hat bereits vor geraumer Zeit die Friedhofsverwaltung in Paris darauf hingewiesen, hat gemeldet, dass das Grab eines der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des frühen 19. Jahrhunderts schwer beschädigt sei. Ein Bauzaun wurde aufgestellt, damit kein Besucher in Gefahr gerät. Börnes Grab aber bleibt gefährdet. Der Grabstein neigt sich gefährlich zur Seite, das Nachbargrab ist abgesackt:

"Und, wenn Sie sich hierhin begeben, können Sie ungefähr drei Meter runtergucken, da sehen Sie bis zum Grund des Nachbargrabs."

Der Untergrund auf dem Père Lachaise, dem größten Friedhof von Paris, arbeitet, überall Risse im Pflaster, in den Wegen. Seit 1804 wurde das Gelände zur letzten Ruhestätte für viele Berühmtheiten. Ludwig Börne ist in guter Gesellschaft:

"Der Friedhof, zwei Millionen Tote, eine Million Besucher pro Jahr, die gehen nicht nur zu Morrison, die gehen zu Chopin, zu Oscar Wilde, zu Claude Chabrol, hier findet man Modigliani, Schauspieler, Schriftsteller, alles. Das ist ein großes Freilichtmuseum gleichzeitig."

Für Ludwig Börne die letzte Station seiner Zeit in Paris. 1830 hatte er sich an der Seine niedergelassen. Die Julirevolution beeindruckte ihn, die Schlüsse, die er daraus für Deutschland zog, finden sich in Börne "Briefen aus Paris". Geschrieben an Jeanette Wohl, in Frankfurt am Main, jene Jeanette Wohl, die den Tuberkulose-kranken Börne später , gemeinsam mit ihrem Mann, Salomon Strauss, pflegen sollte und die Börnes Grabstätte finanzierte. Jeanette Wohl, die ebenfalls die letzte Ruhe auf dem Père Lachaise fand, das Grab der Brieffreundin Börnes liegt unweit der Friedhofsverwaltung, unten am Eingang.

"Habt Ihr denn in Frankfurt auch solches Wetter, von Zucker, Milch und Rosen, wie wir hier seit einigen Tagen? Es ist nicht möglich. Ihr habt trübe deutsche Bundestage, manchmal einen kühlen blauen Himmel, von finsteren Wolken halb wegzensiert – und das ist alles. Aber wir Götter in Paris – es ist nicht zu beschreiben. Es ist ein Himmel wie im Himmel."

"Göttlich" lebte es sich für den Sohn aus jüdisch bürgerlichen Verhältnissen in Frankfurt am Main. Bis heute sind Börnes Schilderungen über seine Zeit in Frankreich frisch und aktuell. Um so erstaunlicher, dass der Zerfall seines Grabes in Paris ungehindert voranschreiten kann.

"Das Börne-Grab ist insgesamt zur Seite gesackt, man sieht hier nach vorne und zur Seite."

Ob es halten wird? Wie lange? Der Kunsthistoriker Kropmanns zuckt mit den Achseln. Drei Tage, drei Monate, drei Jahre? In jedem Fall, sagt der Fachmann, wäre es ein großer Verlust, würde das modern anmutende Grabmal aus dem 19. Jahrhundert einstürzen.

"Es ist der Originalgrabstein mit dem Bronzerelief und der Büste von David d’Angers, und je nachdem, wie es fällt, kann es einen Riss geben, der durch den ganzen Stein geht."

David d’Angers, ein bedeutender Künstler seiner Zeit, von Goethe geschätzt. Mit seiner Büste hielt d’Angers die feinen Gesichtszüge des Ludwig Börne fest. Mit einem Original-Bronze-Relief für den unteren Teil der Stele lieferte d’Angers eine Botschaft mit großer politischer Weitsicht: Drei Figuren im antiken Gewand sind darauf zu sehen.

"Frankreich links und Deutschland rechts, und in der Mitte die Personifikation des Friedens. Deutschland und Frankreich reichen sich die Hände, im Beisein des Friedens."

Links ein Stapel Bücher, mit den Namen von Voltaire bis Rousseau. Rechts ein Stapel Bücher mit den Schriftzügen, Lessing, Herder, Schiller.

"Und das ist also für mich ein Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft, avant la lettre, wenn man so will, denn die gibt es ja offiziell erst seit 1963, seit dem Elysée-Vertrag."

Während die 50-Jahr-Feiern zum Elysée-Vertrag in Paris und Berlin unter Hochdruck vorbereitet werden, verkommt also das Grab des europäischen Vordenkers Ludwig Börne. Das Börne-Grab in Paris zu retten sei nicht einfach, sagt der Kunsthistoriker Kropmanns. Gewiss auch kostspielig. Dennoch:

"Was kann der Staat machen, was kann die Stadt Frankfurt machen? Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dass eine Bundesbehörde als Pate auftritt, das beste Beispiel, dass es funktioniert, auch mit städtischen Mitteln, ist Heine natürlich."

Das Grab von Heinrich Heine, der in herzlicher Abneigung zu Ludwig Börne publizierte, liegt auf dem Friedhof Montmartre. Am anderen Ende der Stadt. Heines Grab wurde gerade aufwendig instand gesetzt. Während Börnes Grab verkommt.

Geboren in Frankfurt am Main, gestorben in Paris, das liest der Besucher nun über einen roten Bauzaun hinweg, auf Distanz gehalten zu dem tiefen Loch, das sich rechts von Börnes Grab im Boden aufgetan hat. Der freiheitsliebende Schriftsteller, der spitzfindige Beobachter der Pariser Mentalitäten, hinter einem Absperrgitter:

"Ich hätte so gerne nachholen mögen, was während meiner Abwesenheit von Paris an bedeutenden Komödien auf die Theater gekommen, was an guten Büchern erschienen ist; aber nicht möglich, nachzukommen."

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:48 Uhr