"Das Verfahren gegen Pussy Riot ist eine Art Lackmustest"

Stimmen zum Prozessauftakt gegen die russische Band Pussy Riot

Von Gesine Dornblüth

Mitglieder der radikal-feministischen Band Pussy Riot aus Russland geben AP ein Interview. (Sergey Ponomarev/AP/dapd)
Mitglieder der radikal-feministischen Band Pussy Riot aus Russland geben AP ein Interview. (Sergey Ponomarev/AP/dapd)

Die Punk-Band Pussy Riot muss sich vor Gericht dafür verantworten, in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale eine Art Punk-Gebet gegen Präsident Putin aufgeführt zu haben. Der Gerichtsprozess erhitzt die Gemüter - und zeigt, dass selbst die russischen Gläubigen uneins sind.

Etwa fünfzig Menschen haben sich am Vormittag vor dem Moskauer Chamownitscheskij-Gericht versammelt: Unterstützer der Punk-Band Pussy Riot ebenso wie ihre Gegner. Eine Gruppe junger Leute zieht die Aufmerksamkeit der Kamerateams auf sich. Sie halten Schilder hoch: "Für Moral" steht auf dem einen, "Schützt unsere Kinder" auf dem anderen. Es sind Vertreter russisch-orthodoxer Jugendorganisationen. Wadim Kwitkowskij ist ihr Sprecher.

"Ich wohne direkt neben der Christ-Erlöser-Kathedrale, ich gehe oft dort hin, und ich will so etwas nie wieder sehen. Der Auftritt der Frauen war Gotteslästerung, ganz klar. Das Gericht soll ein Urteil fällen, das dafür sorgt, dass sich so etwas nicht wiederholt."

Mit gehäkelten Masken über den Gesichtern hatten die Frauen im Februar, kurz vor der Präsidentenwahl, in der Christ Erlöser Kathedrale eine Art Punk-Gebet aufgeführt. Darin hatten sie die Mutter Gottes angefleht, sie von Putin zu befreien. Die Künstlerinnen wollten mit der Aktion gegen die Verschmelzung von Kirche und Staat protestieren.

Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Aktion in der Erlöser-Kathedrale (picture alliance / dpa)Die Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Protestaktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale. (picture alliance / dpa)Nach Auffassung ihrer Verteidiger war die Aktion lediglich eine Ordnungswidrigkeit. Sie wird in Russland mit einem Bußgeld von umgerechnet rund 25 Euro geahndet. Doch die drei Frauen zwischen 22 und 29 Jahren sitzen seit vier Monaten in Untersuchungshaft. Die Anklage wirft ihnen Rowdytum vor. Die Musikerinnen hätten zum religiösen Hass anstiften wollen. Dafür drohen ihnen bis zu sieben Jahre Lagerhaft. Wladimir ist 73 Jahre alt und Rentner. Er trägt die weiße Schleife der Opposition an seiner Umhängetasche.

"Natürlich tun mir die Mädels leid, die Strafen, die im Gespräch sind, sind absolut unangemessen. Aber ich bin nicht nur deshalb hier. Es läuft ein größerer Prozess: Die Freiheit wird erstickt. Und das Verfahren gegen Pussy Riot ist eine Art Lackmustest."

Der Rentner Wladimir hat die Sowjetunion bewusst erlebt und kann sich gut an die Repressionen erinnern.

"Jetzt erleben wir etwas Neues. In der Sowjetunion waren die Menschen an die Unterdrückung gewöhnt. Sie haben sich angepasst. Jetzt aber haben wir Freiheit geatmet. Und deshalb empfinde ich den Angriff auf die Freiheit heute sogar als noch schrecklicher als zu sowjetischen Zeiten."

Beobachter gehen davon aus, dass Staatspräsident Wladimir Putin persönlich dafür verantwortlich ist, dass gegen die Musikerinnen mit derartiger Härte vorgegangen wird.

Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig rollt Amir Hajrullin ein Transparent aus. Er ist selbst Jurist – und gläubig. Auf dem Schild steht ein Vers aus der Bergpredigt: "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden." Amir Hajrullin vermisst Mitleid mit den Musikerinnen. Die Politik missbrauche die Religion. Er wagt einen Vergleich mit Deutschland in den 30er-Jahren.

"In Deutschland hat das politische Regime damals auch alle gesellschaftlichen Institutionen für seine Ziele genutzt: So auch die christliche Kirche für überhaupt nicht christliche Ziele. Die Parallelen werden mit jedem Tag deutlicher."

Die Verteidiger rechnen mit einer Verurteilung der Künstlerinnen noch während der Sommerpause im August.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:55 Uhr