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Der Arbeitsalltag eines streikenden Journalisten

Nahaufnahmen aus Griechenland: Besuch bei einem Zeitungskollektiv

Von Andrea Mavroidis

Reporterin Andrea Mavroidis berichtet aus Griechenland (Andrea Mavroidis)
Reporterin Andrea Mavroidis berichtet aus Griechenland (Andrea Mavroidis)

Ende Dezember erschien die vorerst letzte Ausgabe der größten linksliberalen Tageszeitung Griechenlands die Eleftherotypia. Da traten Redakteure, Layouter und der Belegschaft in den Streik. 850 Mitarbeiter hatten seit Sommer keinen Lohn mehr für ihre Arbeit von ihrem Verleger bekommen. Aber die Medienmacher engagieren sich weiter, bringen unregelmäßig ein Streikblatt heraus.

"Sieh' mal, so arbeiten wir hier. Das sind sehr bescheidene Verhältnisse, das erinnert mich an die Zeit der Diktatur, da haben wir auch im Untergrund gearbeitet, ich war damals Student. Aber wir haben es geschafft hier, in den letzten Wochen unsere Streikzeitung herauszubringen. Wie Du siehst, sie sieht aus, wie eine ganz normale Zeitung aus. Nur wir unterzeichnen die Artikel nicht mit unserem Namen, damit die Verlegerin nicht gegen einen von uns vorgehen kann."

Die streikenden Redakteure in Griechenland (Andrea Mavroidis)Die streikenden Redakteure in Griechenland (Andrea Mavroidis)Dimitries Psarras, einer der vier gewählten Chefredakteure der Eleftherotypia, erzählt das mit Stolz. Aber es hat schon einen bitteren Beigeschmack, als einer der Edelfedern der Zeitungslandschaft, Artikel ohne Namen schreiben zu müssen. Wir stehen in einem kleinen engen Raum im Büro des Zeitungskarikaturisten Jannis Kalaitzis. Das Büro liegt in Exarchia, das gerne als Anarchistenviertel von Athen bezeichnet wird. Seit Streikbeginn ist die gesamte Belegschaft von den Verlegern ausgesperrt und der Zutritt ins Verlagsgebäude gerichtlich untersagt.

Hier quasi im Untergrund trifft sich heute die Kerngruppe der Redakteure der Zeitung und berät darüber, wie sie wenigsten noch als langjährige Mitarbeiter ihre Abfindungen bei den Verlegern einklagen können. Es ist ein Kommen und Gehen.

Was sie hier alle hart trifft, ist die Aussperrung aus dem Verlagshaus.

"Ich bin in einem Vierer-Team. Wir arbeiten seit 1990 zusammen an investigativen Geschichten – damit hat sich unsere Zeitung einen Namen gemacht. 22 Jahre harte Arbeit und ein Archiv, dass es sicher so nicht ein zweites Mal wieder gibt. Eingeschlossen in der Zeitung. Ohne dieses Archiv wird unsere Arbeit zu Nichte gemacht. Das ist unser Kapital."

Erst gab es nur den Streik. Aber wer gewohnt ist immer zu schreiben, sagt Dimitries Psarras, der kann einfach nicht nur herumsitzen und nichts tun. Deswegen hatten die Redakteure die Idee mit der Streikzeitung, die unter dem Namen "Die Arbeitenden", mit selber Typografie, wie das eigentliche Blatt, erscheint. An den Kiosken war sie in nur wenigen Stunden ausverkauft.

Die Einnahmen werden auf ein treuhänderisches Konto überwiesen und die Kollegen, die es am Nötigsten haben, bekommen Geld. Die Zeitung ist in der Hand der Redakteure, sagt Dimitrie Psarras

"Das Ganze ist ein Experiment. Wir wissen nicht, ob wir das schaffen. Die Eleftherotypia hat einst als Zeitung in der Hand von Redakteuren begonnen. Wenn man ehrlich ist, war das zwar immer schon ein Mythos. Aber dieser Mythos hält uns hier aufrecht und wir haben ihm mit unseren Streikausgaben wieder Leben eingehaucht und wir machen weiter."

In dem kleinen Büro sitzen inzwischen über 20 Redakteure, Rauchschwaden hängen im Zimmer, denn nahezu jeder zieht hektisch an einer Zigarette. Es wird ernsthaft darüber diskutiert, wie man als Zeitungskollektiv eine neue Zeitung ins Leben ruft, woher das Geld kommen könnte. Vielleicht gibt es ja auch EU-Mittel für einen Neuanfang in Selbstverwaltung. Mir kommt so gleich die Tageszeitung TAZ in den Sinn. Aber wäre ein Genossenschaftsmodell unter wirtschaftlicher Beteiligung der Redakteure und der Leser überhaupt in Griechenland denkbar?

"In Deutschland gibt es diese Kultur, in Griechenland ist so was bislang undenkbar. Aber eine derartige politische und ökonomische Situation, wie wir sie hier gerade erleben, hat es so noch nicht geben. Wir alle haben hier schon so weit umgedacht, bestreiten Wege, die hier vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wären. Jetzt rufen uns die Leute zu: Mensch bringt doch Eure Zeitung alleine raus. Unser Modell könnte eine Zukunft haben auch für andere."

Und so haben Dimitries Psarras und seine Kollegen eine gewisse Zuversicht, dass sie vielleicht einen Neuanfang mit bezahlten Jobs schaffen.

"Das Experiment hat uns gezeigt, auch ohne viel Geld kann man eine ganz normale Zeitungsausgabe herstellen. Ohne Verleger, ohne viele Maschinen. Es ist möglich, denn die Zeitung, das sind wir, die, die sie schreiben."

Tagebuchnotizen aus Griechenland - Reporterin Andrea Mavroidis' persönlicher Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch
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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr