Der Chronist des Gulag

Zum Tod des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn

Vom Alter gezeichnet: Alexander Solschenizyn im Sommer 2007 (AP Archiv)
Vom Alter gezeichnet: Alexander Solschenizyn im Sommer 2007 (AP Archiv)

Der russische Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn ist in der Nacht zum Montag im Alter von 89 Jahren nach Angaben seiner Familie an plötzlichem Herzversagen gestorben. Bis zu seinem Tod hatte der Autor des weltberühmten Romans über sowjetische Straflager - "Der Archipel Gulag" - trotz seiner langen Krankheit aktiv gearbeitet.

Solschenizyns Tod hat in seiner russischen Heimat große Betroffenheit ausgelöst. Präsident Dimitri Medwedew und Regierungschef Wladimir Putin sprachen der Familie des weltweit geschätzten Schriftstellers ihr Beileid aus. Der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow sagte, der frühere Dissident Solschenizyn werde in die Geschichte eingehen als einer der ersten, die die Brutalität und Unmenschlichkeit des Stalin Regimes öffentlich und rigoros angeprangert haben. Sein Beitrag zum Sturz des totalitären Regimes sei nicht hoch genug einzuschätzen, sein Werk hätte "das Bewusstsein von Millionen Menschen" verändert, sagte Gorbatschow laut der russischen Agentur Interfax.

Der deutsche Schriftsteller Erich Loest sagte im Deutschlandradio Kultur, auch heute noch seien Solschenizyns Texte ein authentisches Zeitzeugnis von elementarer Bedeutung.

Über den Gulag zum Nobelpreis

Alexander Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 im südrussischen Kislowodsk geboren. Er studierte Mathematik und Philosophie, bevor er wegen seiner im Familienkreis geäußerten Kritik an Josef Stalin zu acht Jahren Straflager und lebenslanger Verbannung verurteilt wurde.

1957 wurde Solschenizyn offiziell rehabilitiert und die Verbannung aufgehoben, seine Erfahrungen im sogenannten Gulag aber ließ er in sein 1962 erschienenes Werk "Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch" einfließen. Mit diesem Text gelang ihm der literarische Durchbruch. Im Jahr 1970 wurde Solschenizyn der Literatur-Nobelpreis verliehen "für die ethische Kraft, mit der er die unveräußerliche Tradition der russischen Literatur weitergeführt hat", so die Jury.

Für sein monumentales Werk "Archipel Gulag" aus dem Jahr 1974, in dem er schonungslos die Bedingungen im sowjetischen Lagersystem offenlegte, wurde er aus der Sowjetunion ausgebürgert. Eine erste Zuflucht fand er bei Heinrich Böll in Deutschland. Es folgte ein zwanzigjähriges Exil, das Alexander Solschenizyn in den USA verbrachte. 1990 wurde der Schriftsteller rehabilitiert, vier Jahre später kehrte er in seine Heimat zurück.

Obwohl weltweit für seine bemerkenswertes Lebenswerk beachtet, bleibt Solschenizyn nicht ohne Kritik. Ein Vorwurf lautet, dass Solschenizyn in seinem letzten Buch, "Zweihundert Jahre zusammen", in dem er die Geschichte des Judentums in Russland thematisiert, antisemitische Tendenzen offenbare.

Am späten Abend des 3. August 2008 ist Alexander Solschenizyn mit 89 Jahren in seinem Haus in Moskau gestorben. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin sprach von einem schweren Verlust für ganz Russland. Man werde Solschenizyn als starken und mutigen Menschen in Erinnerung behalten. Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Solschenizyn als großen Schriftsteller und engagierten Bürger.

"Ein unbeugsamer Moralist"

Alexander Solschenizyn war ein Autor mit radikalen moralischen Ansätzen, der ein Werk von epochaler Bedeutung hinterlassen hat. Seine große Zeit ist allerdings schon Jahre vor dem Tod des Schriftstellers zu Ende gegangen. Ein Nachruf von Karla Hielscher.
(Text / MP3-Audio)

Audio-Tipp: Deutschlandradio Kultur hat einen Nachrufauf Alexander Solschenizyn gesendet.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:30 Uhr