Der Meister des Mischpults

Jan Erik Kongshaug und sein Rainbow Studio

Von Marc-Christoph Wagner

"Ein nicht perfekt gestimmter Flügel ruiniert die ganze Aufnahme," meint Jan Eric Kongshaug. (AP)
"Ein nicht perfekt gestimmter Flügel ruiniert die ganze Aufnahme," meint Jan Eric Kongshaug. (AP)

In den vergangenen Jahren ist in der Musikbranche immer wieder von einem nordischen oder skandinavischen Klang die Rede. Das mag mit erfolgreichen Namen wie dem Saxofonisten Jan Gabarek, dem Cellisten Truls Mørk, der Schlagzeugerin Marilyn Mazur oder der Sängerin Mari Boine zusammenhängen, die es in den vergleichsweise kleinen Branchen von Jazz und Klassik mittlerweile zu Berühmtheit gebracht haben.

Nordisch - das verbindet man mit Reinheit und Raum, mit einer Klarheit des Ausdrucks. Doch gibt es diesen Klang überhaupt oder ist es ein Label, das die Werbebranche erfunden hat, um den Verkauf der Platten aus der Region zu steigern?

Einer der es wissen muss, ist Jan Erik Kongshaug. Der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt, ist der Toningenieur in der Musikbranche ein Star, ja eine lebende Legende. Mehr als 700 Platten hat er in seinem Osloer Rainbow Studio allein für das renommierte Münchener ECM-Label aufgenommen. Mit sämtlichen Größen des Jazz, der Klassik und Weltmusik hat er in bald 40 Jahren hinter dem Mischpult zusammengearbeitet. Ein beschäftigter Mann also, der dennoch Zeit gefunden hat für ein Gespräch.


Es ist kurz nach neun. Mit einem dampfenden Pott Kaffee in der Hand steht Jan Erik Kongshaug neben dem Steinwayflügel in seinem Rainbow Studio und lauscht, wie dieser von fachmännischer Hand gestimmt wird. Ein tägliches Prozedere, auf das der 63jährige großen Wert legt:

" Ein Steinway ist ein fantastisches Instrument, aber wenn der Flügel nicht gepflegt wird, dann zerstört man ihn nach kurzer Zeit. Ich höre das sofort. Ein nicht perfekt gestimmter Flügel ruiniert die ganze Aufnahme."

Durch die großen Fenster des etwa sechs Meter hohen Raums scheint die morgendliche Sonne. Überall stehen Notenständer und Mikrophone, angelehnt an einen Stuhl ein Kontrabass. Der norwegische Pianist Ketil Bjørnstad und sein Quartett sind in diesen Tagen dabei, eine neue Platte einzuspielen. In einer guten dreiviertel Stunde werden die Musiker erscheinen.

" Ich selbst betrachte mich als Musiker, nicht als Techniker. Schon als Kind habe ich in Bands gespielt, ja ich bin mit Musik groß geworden - mein Vater war ein bekannter Gitarrist, meine Mutter Sängerin. "

Jan Erik Kongshaug hört hinein in die Aufnahme vom Vortag, hier und dort bedient er einen der unzähligen Regler des enormen Mischpultes vor ihm. Entspannt sitzt er in seinem Stuhl - hellbraune Cordhosen, Hemd und Kaschmirpullover, kurzes, welliges graues Haar. Kurzum: Ein gepflegtes Äußeres, das fortgeschrittene Alter sieht man ihm nicht an.

" Ab und an sagen Kollegen und Musiker, ach diese Platte hat Jan Erik produziert, das hört man sofort. Das ist natürlich schmeichelhaft und nach 35 Jahren in der Branche weiß ich doch auch, was ich tue. Aber jede Aufnahme ist etwas anderes - einige Produzenten wollen viel Klang, andere wenig. Es gibt keine festen Regeln, nur einen konstanten Dialog. Das Wichtigste sind die Musiker. Wenn diese schlecht oder auch nur mittelmäßig sind, dann kann ich an den Knöpfen drehen, soviel ich will, und es wird doch nicht besser."

Mehrere tausend Platten hat Jan Erik Kongshaug im Laufe der Jahre produziert, davon rund 700 für das deutsche Jazzlabel ECM, außerdem zwei eigene. Nach dem Abitur reiste Kongshaug als Gitarrist auf einem Kreuzfahrtschiff durch die Welt. Als er davon schließlich genug hatte, kehrte er nach Oslo zurück und bildete sich zum Elektrotechniker aus. Seine erste Anstellung erhielt Kongshaug bei seinem Freund und Lehrmeister Arne Bendiksen. In den siebziger Jahren zog es ihn nach New York, wo er im Studio Power Station mit den Größen des Jazz zusammenarbeitete:

" Eine Lieblingsplatte - nein, diese Frage kann ich nicht beantworten. Zumal sich das im Laufe der Zeit auch verändert. 1972 und 1974 arbeitete ich mit Keith Jarrett zusammen, was ein ungemein intensive Erfahrung war. Dann war die erste Platte mit Jan Garbarek und dem Keith-Jarrett-Quartett, Belonging. Und schließlich die vielen Aufnahmen mit Pat Metheny - nein, daraus eine Platte hervorzuheben, das geht nicht."

Kongshaug greift ein wenig ins Archiv - eine Platte des schwedischen Kontrabassisten Palle Danielsson, die er kürzlich aufnahm. Seine Begeisterung ist nicht zu übersehen.

1983 kehrte Kongshaug nach Oslo zurück und gründete das Rainbow Studio. Seine eigene musikalische Erfahrung, sagt er, hat ihm im Laufe der Jahre immer wieder geholfen. So entwickelte er - 20 Jahre, bevor diese auf den Markt kamen - Regler, mit deren Hilfe die Studiomusiker selbst bestimmen können, welche Instrumente und in welcher Abmischung sie diese auf dem eigenen Kopfhörer hören wollen.

" Der Jazz wird heute von überall und aus allen Musikrichtungen beeinflusst. Und gleichzeitig kennen die Musiker ihre Klassiker, die überall ihre Spuren hinterlassen - denken Sie nur an John Coltrane. Oder Pat Metheny, mit dem ich 10 bis 15 Platten gemacht habe. Manchmal sitze ich hier und nehme junge Gitarristen auf und dann denke ich - euh, der Junge hat dem Werk von Metheny gelauscht. So ist das - alle hören alle, der Jazz ist eine globalisierte Branche."

Und so spricht Kongshaug auch nur ungern von einem skandinavischen oder nordischen Klang, obwohl er immer wieder mit diesem Label konfrontiert wird:

" In den 1970er und 80er Jahren verbreiterte sich das Spektrum der technischen Möglichkeiten und wir begannen, etwa bei den ersten Platten von Jan Garbarek, mit sehr viel, ja im Grunde einem unnatürlichen Nachklang zu arbeiten - der ein oder andere sprach gar von Fjordklang. Vielleicht hat der Begriff des skandinavischen Klangs hierin seinen Ursprung. Aber auch die Jazzbranche verändert sich konstant. Die ersten ECM-Platten wurden dafür kritisiert, dass wir zu viel Klang benutzten, denn man war in den Jazzkreisen einen sehr trockenen Sound gewohnt. Wenn man diese ECM-Aufnahmen jedoch heute hört, dann denkt man, meine Güte, wieso klingt das so trocken?"

Trotz Erfolg und Anerkennung - zurücklehnen kann Jan Erik Kongshaug sich nicht. Die Studiopreise, berichtet er, stagnieren seit fünfzehn Jahren. Der Jazz sei nach wie vor eine Branche mit schmalem Publikum, in der keine Reichtümer zu holen seien. Viele Platten würden in 300 Exemplaren produziert. Und obwohl die Qualität der Musiker immer weiter steige, müssten sich viele irgendwie durchschlagen. Kongshaug selbst freut sich, mit jungen Talenten und etablieren Stars, mit den unterschiedlichsten Musikrichtungen arbeiten zu können - vom Funk, über Jazz- und Weltmusik bis hin zu Klassik. Und ab und an habe auch er die Möglichkeit, in die Seiten zu greifen:

" Ich spiele noch immer in Jazzclubs mit meinem Quartett und das ist wunderbar. Aber für ein aktives Musikerleben fehlt mir die Zeit. Gerne würde ich etwas mehr spielen, aber ich habe eine Wahl getroffen und mich für den Studiotechniker entschieden - und das habe ich keineswegs bereut."

Es ist kurz vor zehn. Ketil Bjørnstad kommt als erster der vier Musiker, nimmt einen Kaffee und setzt sich an den just gestimmten Steinway. Ein Traum, dieser Flügel, sagt er. Überhaupt sei das Rainbow Studio und sein Besitzer für ihn ohne jegliche Konkurrenz.

" Für mich ist Jan Erik mit seinen Ratschlägen sehr wichtig. Manfred Eichner etwa, mit dem ich fünf Platten gemacht habe, er ist eine Art Ingmar Bergmann, der einem alle Entscheidungen abnimmt. Jan Erik hat da einen anderen Stil - er weiß genau, was ich will und wie wir dort hingelangen. Und deswegen ist mir sein Rat, ja sein Ohr so wichtig."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:22 Uhr