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Der Steuerfahnder

Nahaufnahmen aus Griechland: David gegen Goliath

Von Andrea Mavroidis

Behörde zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität in Athen. (Deutschlandfunk - Von Andrea Mavroidis)
Behörde zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität in Athen. (Deutschlandfunk - Von Andrea Mavroidis)

Wie kann es sein, dass ein Arzt, der ein Jahreseinkommen von 70.000 Euro angibt, mehrere Millionen Euro auf seinem Konto hat? Mit solchen Fällen befasst sich jetzt die griechische Steuerbehörde. Alleine 15 Milliarden Euro entgehen dem griechischen Staat so jährlich an Steuereinnahmen.

Es hört sich an wie die Kommandobrücke eines Schiffes, ich befinde mich aber mitten in Athen bei der Steuerfahndung und der Abteilung zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung und Wirtschaftskriminalität. Die vier Beamten, die hier arbeiten, stehen in Funkkontakt mit den großen Schiffen im Hafen von Piräus. Und seit heute sehen sie sogar die genaue Position der Schiffe per GPS auf ihren Bildschirmen. Abteilungsleiter Apostolos Spentzikopoulos erklärt mir, was es damit auf sich hat.

"Der Diesel, mit dem die international hier einlaufenden Frachtschiffe im Hafen betankt werden, ist steuerfrei. Und damit, wenn Sie so wollen, eine beliebte Beute, mit der bislang am Staat vorbei viel schwarzes Geld verdient wurde. Wir kontrollieren das jetzt. Die Schiffe müssen eine Stunde vor der Betankung ein Fax an uns schicken, in dem sie diese ankündigen. Erst dann dürfen die Schiffe von kleinen Tankschiffen betankt werden. Wir verfügen über zwei Schlepper im Hafen von Piräus die dann kontrollieren, ob der Diesel auch wirklich im Tank des Frachters landet oder nicht schwarz an einer anderen Ecke des Hafens, wenn sie so wollen, an der Steuer vorbei verkauft wird."

Aber Apostolos Spentzikopoulos und sein Team betreuen auch die Hotline der Behörde, dort können Bürger Steuervergehen zur Anzeige bringen. Das Ganze wirkt auf mich ein wenig bizarr.

Vassilis Veletas erklärt mir, er habe heute bislang 15 Anzeigen aufgenommen. Er nennt Beispiele:

"Hier haben wir einen pharmazeutischer Betrieb der keine Rechnungen ausstellt und ebenso dieser Arzt XY im Stadtteil Nea Symirni. Die Anzeigen, von denen ich denke, da ist nur jemand neidisch auf seinen Nachbarn, schreibe ich erst gar nicht auf."

Hier treffen High-Tech und kleinkrämerisch anmutendes Sammeln von Daten aufeinander und ich frage mich ernsthaft, kann man so die "dicken Fischen" unter den Steuerhinterziehern einfangen?

"Ja, ich weiß, es ist bekannt, dass wir als Behörde große Probleme haben, aber der größte Schlüssel zu unserem Erfolg, ist die Aufhebung des Bankgeheimnisses. Wir kommen jetzt an die Konten der vermeintlichen Steuersünder heran. Wir haben allein in letzten beiden Jahren 4000 Anfragen an die Banken gestellt und 180 Anzeigen weiter verfolgt. Mit dem Ergebnis dass wir 400.000 Millionen Euro an Steuern eingenommen haben. Damit sind wir einen großen Schritt weiter","

sagt mir der oberste Direktor der Abteilung zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung und Wirtschaftskriminalität Nikos Lekkas.

Dem vermeintlichen Erfolg stehen aber allein jährlich 15 Milliarden Euro an entgangenen Steuereinnahmen gegenüber, weshalb die Behörde auch gerne als zahnlos belächelt wird. Und auch Korruptionsvorwürfe innerhalb der Steuerbehörde haben so manchem von Lekkas Vorgängern das Handtuch werfen lassen. Bis zum Sommer soll in allen Steuer-Behörden landesweit ein Computerprogramm installiert werden, mit dem die Fahndungserfolge eines jeden Mitarbeiter nachvollzogen werden können.

""Aber erwarten sie nicht, das sich griechische System innerhalb von zwei Jahren reformieren lässt. Ich würde soweit gegen zu sagen, wir müssen unsere Bürger erst Mal zum Steuern zahlen erziehen. Denn eine Gewohnheit abzulegen, die 40 Jahre erfolgreich war, die ändert sich nicht von heut auf morgen."

Abteilungsleiter Apostolos Spentzikopoulos ist da weniger philanthropisch zu Mute als seinem Chef und so offenbart er mir.

"In unserer Abteilung arbeiten anstatt 14 nur vier Leute. Wir sollen die Hotline bedienen, die Schiffe kontrollieren und, und, und. Wissen sie, das ist ein Kampf David gegen Goliath."

Nahaufnahmen aus Griechenland - <br> Reportagen aus einer Gesellschaft im Umbruch



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr