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"Der Wind ist anders, als wir ihn kennen"

Umsteigerland beim ForWind Forschungszentrum

Von Axel Rahmlow

Bundeskanzlerin Angela Merkel auf  einer Energie-Reise in Krempin, nahe Rostock.
Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer Energie-Reise in Krempin, nahe Rostock.

Die Bundeskanzlerin will Windenergie-Projekte auf See stärker fördern. Die Offshoreparks weit draußen auf dem Meer sind eine zentrale Säule der Energiewende. Doch den Plänen der Bundesregierung schlägt buchstäblich der raue Wind der Realität entgegen.

Bei zwölf Metern Geschwindigkeit pro Sekunde fangen im Windkanal die Haare an zu wehen.
Bei 25 Metern bläht sich die Kleidung auf, wie ein Segel im Wind.
Bei 50 Metern pro Sekunde versteht man sein eigenes Wort nicht mehr.

Stephan Barth beobachtet amüsiert das unrealistische Experiment im künstlichen Windstrom. Der Geschäftsführer des ForWind Forschungszentrums steht inmitten eines Wirrwarrs aus Messgeräten, Computern, Modellen und klappernden Metallbrettern. Barth ist von Haus aus Physiker und hat sich nach dem Studium schnell auf Windfragen spezialisiert:

""Der Wind ist anders, als wir ihn kennen, weil wir ihn nicht vollständig kennen. Das betrifft insbesondere den Wind auf der See. Dafür hat sich früher niemand interessiert, wie dort der Wind weht. Das ist alles nur punktuell bisher erfasst worden."

250 Mitarbeiter sind bei ForWind an den Standorten Hannover, Bremen und Oldenburg beschäftigt. Sie analysieren Windturbulenzen und verbessern zum Beispiel die Aerodynamik von Rotorblättern. Der Windkanal ist rund um die Uhr ausgelastet. Momentan bastelt hier Stanislav Rockel am Aufbau seines Versuchs. Der 29-Jährige promoviert über Windkraftanlagen auf dem Wasser. Passend zum Thema trägt er ein T-Shirt, auf dem in knallorange "Hurricane" steht.

"Ich finde es enorm, wenn man wirklich vor so einer Anlage steht, wie nützlich das ist. Weil wir alle mehr und mehr Energie brauchen heutzutage. Das sind Sachen, an denen kann man arbeiten, und ohne dass wir irgendwelche Probleme erzeugen, von denen wir dann Millionen Jahre so etwas wie Strahlung haben."

Der Großteil der Arbeit wird aber nicht hier im Windkanal gemacht.

"Unser Labor findet am Schreibtisch statt. Unser Modell, es existiert rein im Computer."

Der Schreibtischkalender des Meteorologen Lüder von Bremen ist vollgekritzelt mit Diagrammen und Zeichnungen. Sein Bildschirm ist mit gelben Notizzetteln zugeklebt, voll mit endlosen Zahlenfolgen. Von Bremen arbeitet daran, Windprognosen zu verbessern. Er muss mit vielen Variablen rechnen:

"Das ist auch bedingt durch die Dynamik in der Atmosphäre. Das lässt sich auch in zehn oder 20 Jahren nicht vermeiden. Der maximale Fehler, der auftritt bei einer Prognose der Windleistung für Deutschland, ist schon locker mal fünf Gigawatt, das ist dann so in der Größenordnung von fünf Atomkraftwerken."

Würde diese Menge von Strom unkontrolliert eingespeist werden, oder würde sie fehlen, könnte das Netz zusammenbrechen. Aber das ist laut Lüder von Bremen für Deutschland nicht mehr im Alleingang regelbar. Europa müsse beim Thema Strom noch viel enger zusammenarbeiten, um Schwankungen in den nationalen Netzen auszugleichen. ForWind-Geschäftsführer Stephan Barth kennt noch eine ganze Liste von anderen Problemen. "Sportlich" nennt er das Ziel der Bundesregierung, 2020 mit zehn Gigawatt Offshore-Strom zehn Millionen Haushalte zu versorgen.

"Von den zehn Gigawatt haben wir bis heute rund 200 Megawatt nur aufgebaut. Das zeigt also, welche explosionsartige Entwicklung im Grunde jetzt stattfinden muss, damit wir diese politischen Ziele erreichen können."

Auch deswegen startet das "For Wind" Institut ab Oktober ein neues Projekt: Einen berufsbegleitenden Studiengang für die zukünftigen Fachkräfte der Offshore-Branche.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr