Schätze in Gefahr: Liszts Hammerklavier

Die historischen Tasteninstrumente der Klassik Stiftung Weimar

Von Ulrike Greim

Boisselot, Streicherflügel und Hammerklavier. In Weimar steht eine Vielzahl historischer Tasteninstumente. Dank der Förderung durch Bundeskulturstiftung und Kulturstiftung der Länder sollen die alten Instrumente wieder spielbar gemacht werden.

So klingt ein Pianoforte, gebaut von der Klavierbaumeisterin Nanette Streicher um 1829. Und so klingt ein Streicherflügel, gebaut um 1825, gekauft von der Zarentochter Maria Pawlowna für das Weimarer Schloss:

"Nein, die Saiten sind abgespannt, man kann es so ein bisschen erahnen."

Nein, Franz Körndle bricht ab. Das möchte der Musikwissenschaftler gar nicht vorspielen. Das sagt nämlich rein gar nichts aus über den originalen Ton, den dieser Flügel einmal von sich gegeben hat. Und vielleicht wieder von sich geben kann, wenn er restauriert ist. Das wird möglich dank der Förderung durch Bundeskulturstiftung und Kulturstiftung der Länder. Die haben ein Herz für historische Tasteninstrumente, zumal es so viele gar nicht gibt. Denn den meisten Instrumenten dieser Art wurde eine Lebenszeit von 30 Jahren vorhergesagt. Dass dieser Flügel nach 183 Jahren noch steht, ist ein Glück. Nur einmal wurde er behutsam repariert.

"Aber ansonsten hat das Instrument diesen Platz nie verlassen. Und deswegen ist es auch so sensationell gut da. Ich meine: Transporte, Luftveränderungen, Temperaturschwankungen, Luftfeuchtigkeit machen dem Instrument immer Probleme. Und ein Instrument, das so einen singulären Platz hat und so eine singuläre Geschichte, das gibt es weltweit nur bei uns."

Wenn Goethe tief berührt über Beethovens Musik schreibt, mag er sie hier, an diesem Flügel, gehört haben. Im holzgetäfelten und mit Intarsien prachtvoll gestalteten Gesellschaftszimmer, das eigens dazu diente, in etwas kleinerer Runde Musik zu hören und zu interpretieren - am passenden Instrument, das sich in Material, Farbe und Ausführung hervorragend einpasst. Anna Amalia hat hier musische Geister versammelt und damit die für Weimar berühmte anregende Atmosphäre geschaffen. Später wurden die Räume erhalten. Dass wir dies heute nahezu unverändert sehen können, so sagen es Franz Körndle und der Abteilungsleiter für Ältere Kunst in der Klassikstiftung Weimar, Gert-Dieter Ulfters, verdanken wir der Memorialkultur, die sich hier entwickelt hat.

"Weil man das als Erinnerung, Mausoleum - ganz merkwürdig.""Weil man ihr irgendwie nachspüren will an diesem Ort, weil: Man will im Grunde Anna Amalia begegnen. Und es geht nicht. Man begegnet ihr über die Dinglichkeit. Dazu gehören auch Instrumente."

Ebenso kann man im Weimarer Stadtschloss Franz Liszt begegnen. Hier zu hören in einer Aufnahme aus der Villa d’Este in Tivoli, an einem seiner Flügel. Er hatte ja viele Instrumente. Eines, von dem er sich trotz erheblicher Mängel nicht trennen konnte, steht nun im Weimarer Schloss einige Räume weiter: sein Boisselot.

"An diesem Instrument sind alle großen Kompositionen, die Liszt in Weimar geschaffen hat, entstanden. Zum Beispiel ‘Cum grano salis’."

Das prachtvolle Instrument mit Palisander-Einlagen und Mahagoni wurde für seine Reisen gebaut, er spielte es unter anderem in Odessa. Heute gibt es keinen Ton mehr von sich. Der Stimmstock war gerissen, wurde durch einen neuen ersetzt, aber auch hier das Malheur:

"Wenn sie hier gucken: Da geht ein Riss hier durch diese Wirbelreihe durch. Irgendjemand hat noch mal versucht, die Wirbel, die dann schon locker saßen, noch mal mit Siegellack oder so was da fest zu machen. Das ist eine nicht besonders elegante Lösung."

Der Aufwand, das Instrument wieder spielbar zu machen, ist groß. Man müsste so stark eingreifen, dass von der Substanz nichts übrig bleibt, sagt Franz Körndle. Hier gehe es also eher darum, den Flügel zu konservieren, zu dokumentieren und zu belassen.

Spielbar machen kann man dagegen ein anderes Meisterstück der Klavierbaukunst. Hier gerät der Fachmann ins Schwärmen. Er steht vor einem Flügel des deutsch-französischen Instrumentenbauers Sébastien Érard, der leidenschaftlich mit der Mechanik experimentierte und mehrere Patente hielt.

"Die Erards waren super Ästheten, kann man sagen. Das sehen Sie auch an der Klaviatur im Vergleich mit den anderen Flügeln: Die sind ganz präzise geschnitten, die Belege auch draufgesetzt. Die Zwischenräume zwischen den Tasten sind minimal."

Durch den enormen Zug, den die Saiten auf den Corpus ausüben, hat sich das Instrument im Laufe der Zeit kräftig verzogen. Optisch immer noch ein Prachtstück, ist dennoch innerlich und äußerlich viel zu tun.
Mithilfe moderner Technik, wie sie in der Flugzeugwartung auch benutzt wird, der Computertomografie, kann heutzutage so ein Instrument in allen Schichten detailliert vermessen und erforscht werden. Damit spart sich der Restaurator, den ganzen Corpus aufwendig zu öffnen. Der Erard-Flügel könnte wieder hörbar werden. So, wie hier dieser Flügel, den Erard allerdings erst 51 Jahre später baute:

Mit welchem Aufwand darf und soll man historische Instrumente restaurieren, und wofür? Darüber diskutierten in Weimar die Experten. Während Musikwissenschaftler wie Franz Körndle durchaus zufrieden sind, wenn die Instrumente wiederhergestellt und für eine einmalige Aufführung spielbar gemacht werden, zum Beispiel für eine CD-Aufnahme, winkt der Museumsdidaktiker ab. Folker Metzger ist der Bildungsreferent der Klassikstiftung Weimar. Er möchte aus dem Weimarer Stadtschloss ein klingendes Schloss machen. Eines, das alle Sinne anspricht.

"Von der Musik ausgehend kann man eben auch viele Geschichten erzählen. Also eben: der Tanz. Wie hat man zugehört? Hat man gesprochen, während die Musik gespielt worden ist? Wie verändert sich der Sozialzusammenhang zwischen Bürgertum und Adel? Also all die Geschichten kann man sicherlich über diese historischen Musikinstrumente erklären. Aber affiziert werden doch die Besucher nur, wenn diese dann auch wirklich zum Klingen kommen!"

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr