Deutsche Atomkraftwerke haben Mängel

Bericht der Reaktorsicherheitskommission vorgestellt

Der AKW-Prüfbericht wurde vorgestellt. (picture alliance / dpa)
Der AKW-Prüfbericht wurde vorgestellt. (picture alliance / dpa)

Die 17 deutschen Kernkraftwerke wurden in den vergangenen zwei Monaten von der Reaktorsicherheitskommission auf ihre Resistenzfähigkeit im Katastrophenfall untersucht. Die Ergebnisse sind keinesfalls beruhigend.

Ende März, etwa zwei Wochen nach dem Unglück im japanischen Kernkraftwerk Fukushima, hatte die Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) im Auftrag der Bundesregierung die Arbeit aufgenommen: Das unabhängige Expertengremium sollte Atomkraftwerke einem Belastungstest unterziehen (häufig auch als Stresstest bezeichnet). Heute wurden die Ergebnisse vorgestellt.

Keine Empfehlung für die Abschaltung einzelner AKW

Rudolf Wieland, Vorsitzender der Kommission, sagte am Mittag in Berlin, kein Meiler habe die erarbeiteten Sicherheitskriterien erfüllen können. Im Falle eines Absturzes größerer Flugzeuge auf Kernkraftwerke bestünde bei keiner Anlage ausreichender Schutz. Im Falle von Erdbeben - auch stärkeren - seien jedoch genügend Sicherheitsreserven vorhanden. Eine Empfehlung, einzelne AKW in Deutschland abzuschalten, sprach die Kommission nicht aus.

Als Wieland damals die Untersuchungen ankündigte, sagte er sinngemäß (MP3-Audio), der Stresstest beinhalte europaweit die längste Anforderungsliste an die zu testenden Kraftwerke.

Der Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU, rechts) und der Vorsitzende der Reaktorsicherheitskommission, Rudolf Wieland, stellen vor der Bundespressekonferenz in Berlin den Bericht der Reaktorsicherheitskommission vor. (picture alliance / dpa)Rudolf Wieland (l.) und Bundesumweltminister Norbert Röttgen. (picture alliance / dpa)So sollte unter anderem analysiert werden, ob, wie in Japan, auch in Deutschland mehrere Naturkatastrophen gleichzeitig eintreten könnten und ob die deutschen Atomkraftwerke solchen Belastungen gewachsen sind. Eine wichtige Fragestellung war zum Beispiel, ob im Falle eines stärkeren Erdbebens die Notstromversorgung ausreichen würde, um die betroffenen Reaktorkerne der Anlagen zu kühlen.



Das Fazit: Bei der Stromversorgung schließen die deutschen Kernkraftwerke relativ gut ab - zumindest besser als das AKW Fukushima. Alle verfügen mindestens über eine zusätzlich gesicherte Einspeisung sowie über mehrere Notstromaggregate, von denen wenigstens zwei gegen äußere Einwirkungen geschützt sind. Dennoch hat keines der Kraftwerke durchgehend das höchste Level 3 erreicht - und auch keines durchgehend Level 2.

Zum Thema Schutz gegen Flugzeugangriffe erläuterte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU):

"Eine nicht nachgewiesene Sicherheitsauslegung haben die Kernkraftwerke Biblis A und B, Brunsbüttel und Philippsburg.

Die Kernkraftwerke Unterweser, Isar I und Neckarwestheim I haben einen Schutz auf der Stufe I, also gegen leichtere Flugzeuge."

Auch das Öko-Institut in Darmstadt war an dem Gutachten beteiligt. Dessen Nuklearexperte Dr. Christoph Pistner erläuterte im Deutschlandfunk, dass Vor-Ort-Besichtigungen der Atomanlagen aufgrund des begrenzten Untersuchungszeitraums von sechs Wochen nicht möglich gewesen seien.

Pistner:

"Das heißt, die wesentlichen Randbedingungen sahen so aus, dass die Reaktorsicherheitskommission in Zusammenarbeit mit den technischen Teams einen Fragenkatalog erstellt hat, der an die Betreiber der deutschen Kraftwerke geschickt wurde. Diese haben daraufhin umfangreiche Antworten zur Verfügung gestellt, indem sie den Zustand ihrer Anlagen und die möglichen Reaktionen ihrer Anlagen auf bestimmte Ereignisse, beziehungsweise unterstellte Postulate beschrieben haben."

Einen umgehenden Ausstieg aus der Atomenergie hat nach der Veröffentlichung des Berichts der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gefordert. Flugzeugabstürze und Terrorgefahren blieben unlösbare Risiken, erklärte BUND-Chef Hubert Weiger in Berlin. Daher dürfe kein einziger Meiler weiterbetrieben werden.

Gabriel kritisiert Untersuchungszeitraum als zu kurz

SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte am Dienstag im ZDF die Arbeit der Reaktorsicherheitskommission kritisiert. Die Resultate seien nicht aussagekräftig genug. Für die komplette Überprüfung eines Kraftwerks brauche man ein bis eineinhalb Jahre. Der jetzige Untersuchungszeitraum sei zu kurz gewesen.

Wenige Tage nach der Reaktorkatastrophe in Japan hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Moratorium für die ursprünglich geplante Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke angekündigt. Im Zuge dieser dreimonatigen Phase wurden die alten Anlagen Neckarwestheim I sowie Biblis A und B sofort abgeschaltet.

Links zum Thema:

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Beiträge 2011-03-16 20 Euro für das Abschalten - <br> Bedeutung des Atom-Moratoriums für die Strompreise *

Kommentar 2011-05-11 - Befremdlich <br> Zum Energie-Entwurf der Atomkommission (DLF) *

Umwelt und Verbraucher 2011-03-31 - Sicherheitstechnische Bewertung der AKW wird vorgenommen <br> Arbeitsprogramm der Reaktorsicherheitskommission vorgestellt (DLF) *

Umwelt und Verbraucher 2011-03-17 - China will Atomsicherheit überprüfen <br> Umweltgruppen begrüßen AKW-Moratorium (DLF) *

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:42 Uhr