Deutschland 2032

Gesellschaft zwischen Kindersehnsucht und Rentnermacht

Von Monika Dittrich

Die Gesellschaft wird älter. (AP)
Die Gesellschaft wird älter. (AP)

Weniger Menschen und viele von ihnen sehr alt, so wird die deutsche Gesellschaft in zwanzig Jahren aussehen. Viele werden Hilfe und Pflege brauchen. In Bielefeld gibt es für dieses Problem schon eine Lösung.

Deutschland, Anfang der sechziger Jahre: Hochbetrieb auf deutschen Geburtsstationen.

"Sabine, Thomas, Susanne, Michael, Andrea, Stefan, Petra, Frank, Claudia, Ralf, Kerstin, Martin."

Die Babyboomer. Allein 1964 kommen fast 1,4 Millionen Kinder zur Welt - es ist der geburtenstärkste Jahrgang der Bundesrepublik. 2032 sind die Babyboomer in Rente.

"Dass die schon alle in Rente sind, ist ein Riesenfehler."

Sagt Hans Bertram, Soziologieprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin. Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt heute bei 65 Jahren. Doch im Schnitt hören die Deutschen schon mit 62 auf zu arbeiten. Ginge das so weiter, dann müsste in zwanzig Jahren ein einziger Beitragszahler einen Rentner finanzieren. Denn: Die Deutschen werden weniger.

"Die Eltern in den siebziger Jahren haben sich, aus welchen Gründen auch immer, dazu entschieden, weniger Kinder zu haben. Und wenn es jetzt weniger Kinder gibt, dann gibt es in der nächsten Generation weniger Mütter und Väter, die wieder Kinder bekommen können. Und da dieser Prozess dann immer weitergeht, ist sozusagen die Summe derjenigen, die Kinder bekommen können, immer kleiner."

Menschen im arbeitsfähigen Alter werden deshalb knapp – von ihnen wird es in zwanzig Jahren fast acht Millionen weniger geben als heute. Das hat auch Vorteile:

"Also das Ganze Gedrängel, was die Babybommer immer erlebt haben, an den Schulen, an den Hochschulen, bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, das endet jetzt langsam."

Sagt Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Klingholz erforscht den demografischen Wandel.

"Und zumindest wenn die jungen Menschen eine gute Ausbildung haben, stehen ihnen viel mehr Möglichkeit offen, als in den letzten Jahrzehnten."

Sie werden allerdings hohe Sozialabgaben leisten – denn sie müssen die Renten für die vielen Älteren finanzieren, die ja auch immer länger leben. Sie selbst werden dafür immer später in Rente gehen. Die Rente mit 67 ist politisch auf den Weg gebracht, doch langfristig wird das kaum reichen, sagt Demografieforscher Klingholz.

"Die zusätzlichen Lebensjahre – die wir ja alle auch genießen wollen – um die zu finanzieren, ist es schlicht und ergreifend notwendig, dass die Menschen länger erwerbstätig sind. Um für sich selber Einkommen zu erwirtschaften, aber auch für die Gemeinschaft, für das Umlagesystem in Form von Renten- und Gesundheitsleistungen."

Doch selbst wenn die Alten sehr lange arbeiten – viele werden irgendwann Hilfe und Pflege brauchen. Vor allem die vielen Kinderlosen unter den Babyboomern können sich nicht auf eine eigene Familie verlassen. Wer also wird die Alten in zwanzig Jahren versorgen? In Bielefeld gibt es für dieses Problem schon heute eine Lösung:

"Ja, treten Sie ein, bringen Sie Glück herein."

Lydia Rennekamp ist 87 Jahre alt. Sie schiebt mit dem Rollator in den Flur ihrer kleinen Wohnung im Kammermühlenweg:

"Ich hab ein sehr bequemes Wohnzimmer, und vor allem ich konnte meine eigenen Möbel mitbringen, und eine gute Küche, bequem vor allen Dingen. Schlafzimmer, und eine schöne Terrasse, und das ist das Schönste. Die müssen Sie sich mal ansehen."

Lydia Rennekamp hat ihre eigenen vier Wände, ihre Selbstständigkeit – und für den Notfall einen Pflegedienst, den sie Tag und Nacht in Anspruch nehmen könnte – falls es notwendig wird. Dies ist kein betreutes Wohnen und kein Seniorenheim – sondern das Bielefelder Modell:

"Wir haben überlegt, wie wir die Hilfe zu den Menschen bringen können und nicht die Menschen zu irgendwelchen Hilfestrukturen bringen."

Sagt Oliver Klingelberg von der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft BGW, die in den neunziger Jahren ein Konzept fürs Wohnen im Alter entwickelt hat. Die Idee ist simpel: Ein Pflegedienst betreut ein Quartier mit rund 800 Haushalten und ist Ansprechpartner für alte und kranke Menschen, die in ihren eigenen Wohnungen bleiben. Herzstück des Bielefelder Modells ist ein zentrales Haus mit altengerechten Wohnungen, die mieten kann, wer älter ist als sechzig. Hier hat auch der Pflegedienst seinen Standort, und es gibt ein Wohncafé, wo ehrenamtliche Mitarbeiter Mahlzeiten anbieten.

"Und das Charmante am Bielefelder Modell ist: Es lebt sehr stark von Nachbarschaft, von Gemeinschaft, von dem Miteinander, aber ich habe eben auch meine Privatsphäre."

Anders als beim betreuten Wohnen fällt beim Bielefelder Modell keine monatliche Betreuungspauschale an. Das heißt: Der Pflegedienst schreibt nur dann eine Rechnung, wenn er gerufen wird. Die Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft ist rentabel, sobald vier bis fünf tatsächlich pflegebedürftige Patienten im Quartier zu versorgen sind. Das Bielefelder Modell ist erfolgreich, die Nachfrage ist riesig, es gibt Nachahmer in anderen Städten. Die 87-jährige Lydia Rennekamp ist froh, dass sie im Kammermühlenweg eine Wohnung bekommen hat:

"Das ist einfach schön. Das Wohncafé ist sehr schön, wir haben immer einen Ansprechpartner, und wenn es mal zu viel ist, geht jeder wieder in sein eigenes Hüttchen."

Das eigene Hüttchen - das ist auch nach Ansicht des Soziologen Hans Bertram für viele alte Menschen wichtig. Die meisten Älteren lebten lieber allein, als beispielsweise bei ihren Kindern einzuziehen:

"Denn das sogenannte living apart together ist eine der Lebensformen der älteren Generation, das heißt: Man schätzt die Intimität auf Distanz. Man will sich nicht jeden Tag sehen. Aber man will miteinander kommunizieren können."

Weniger Menschen und viele von ihnen sehr alt – so wird die deutsche Gesellschaft in zwanzig Jahren aussehen. Diesen Wandel zu leugnen, wäre eine Katastrophe, sagt der Demografieforscher Reiner Klingholz. Besser sei es, diese Entwicklung bewusst zu gestalten:

"Wir werden als erste – neben Japan vielleicht – diese doch starke Alterung der Gesellschaft erleben. Und wir sind deshalb auch als erste aufgerufen, die Modelle für ein Wohlergehen der Gesellschaft unter diesen Alterungsbedingungen und auch unter den Schrumpfbedingungen zu entwickeln. Das sind Modelle, auf die die ganze Welt im Laufe dieses Jahrhunderts wartet. Und da bestehen sogar wirtschaftliche Chancen drin. Weil alles, was man in Gesundheitssystemen, in Sozialsystemen weiterentwickeln kann, sind potenzielle Exportmodelle."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:56 Uhr