Deutschlands unglückliche Kinder

UNICEF-Studie zur Lage junger Menschen in Industrieländern vorgestellt

Obwohl es ihnen objektiv gut geht, fühlen sich deutsche Mädchen und Jugen schlecht (Stock.XCHNG / Julie Elliott)
Obwohl es ihnen objektiv gut geht, fühlen sich deutsche Mädchen und Jugen schlecht (Stock.XCHNG / Julie Elliott)

Sie leben besser als die Kinder und Jugendlichen in den meisten anderen Ländern der Welt - und trotzdem sind viele Mädchen und Jungen in Deutschland unglücklich. Anders sieht es in den Niederlanden aus: Hier leben offenbar die zufriedensten Kinder.

Kinder in Deutschland zeigen UNICEF zufolge gute Schulleistungen, leben gesundheitsbewusst und sind seltener gewalttätig. Ihr Lebensumfeld habe sich seit 2007 deutlich verbessert, heißt es in einer heute veröffentlichen Vergleichsuntersuchungzur Lage der Kinder in Industrieländern. Dennoch sei bundesweit jeder siebte Jugendliche mit sich und seiner persönlichen Lebenssituation unzufrieden. Während deutsche Kinder und Jugendliche in der Studie bezüglich relativer Armut, Gesundheit und Bildung auf Platz sechs liegen, stehen sie bei der Selbsteinschätzung ihrer Lebenszufriedenheit auf Platz 22.

Die Mädchen und Jungen stellten sich und ihrer Gesellschaft "ein erschreckendes Zeugnis aus, das uns nachdenklich machen muss", sagte der Berliner Soziologieprofessor Hans Bertram vom Deutschen Komitee für UNICEF. Die einseitige Konzentration auf Leistung und Erfolg führe dazu, dass sich viele Kinder ausgeschlossen fühlten. Die an Ressourcen reiche deutsche Gesellschaft versage offensichtlich dabei, den Mädchen und Jungen Perspektiven auf gerechte Teilhabe zu geben. "Unsere an Ressourcen reiche Gesellschaft versagt offensichtlich dabei, allen Mädchen und Jungen Hoffnung und Perspektiven auf gerechte Teilhabe zu geben", erklärte Bertram.

Niederländer in allen Bereichen spitze

Das Logo und der Schriftzug der Hilfsorganisation UNICEF an der Zentrale in Köln. (AP)Die Forscher analysierten das Wohlergehen von Kindern in 29 Staaten. (AP)Die Forscher analysierten das Wohlergehen von Kindern in 29 Staaten. Dabei wurden die materielle Situation, Gesundheit und Sicherheit, Verhalten und Risiken, Bildung sowie Wohnen und Umwelt in den vergangenen sechs Jahren untersucht. In allen fünf Dimensionen belegten die Niederlande den ersten Platz. Die gute Situation spiegele sich auch in der Selbsteinschätzung von Kindern und Jugendlichen wider, hieß es. Auch die skandinavischen Länder Norwegen, Island, Finnland und Schweden schneiden im Durchschnitt besser als Deutschland ab.

In der unteren Tabellenhälfte landeten die europäischen Krisenländer Spanien (19. Platz), Italien (22. Platz) und Griechenland (25. Platz). Dann folgen die USA, Litauen, Lettland und als Schlusslicht Rumänien. Grundlage der UNICEF-Analyse waren die neuesten erhältlichen Daten von Eurostat, OECD, PISA, Weltgesundheitsorganisation und Weltbank. Sie beziehen sich auf die Jahre 2009/2010. Die neue Studie knüpft an frühere Untersuchungen aus dem Jahr 2007 an. Dort schnitt Deutschland insgesamt nur mittelmäßig ab.

Leistungsdruck und Depressionen - Erklärungsversuche

Der Berliner Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, der zwei Shell-Jugendstudien geleitet hat, sieht die Sorgen der Jugend vor allem im Schulbereich begründet. "Kinder in Deutschland sind mit ihren Eltern und abgeschwächt mit ihrer Freizeitsituation sehr zufrieden, nicht aber mit der Schule. Dort wünschen sie sich mehr Mitbestimmung und Einfluss auf Regeln, Abläufe und Umgangsformen."

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Gerd Schulte-Körne, macht die Ursachen für das Unglücklichsein noch in einem weiteren Bereich aus: "Kinder müssen heute andere gesellschaftliche Aufgaben und Verantwortungen übernehmen, als früher und sind damit häufig überfordert." Als Beispiel nennt Schulte-Körne Scheidungen der Eltern. Die Belastungen aus solchen Trennungssituationen seien schwierig zu verarbeiten. Schulte-Körne zufolge leiden bis zu 18 Prozent der Jugendlichen in Deutschland an Depressionen, vor 20 Jahren waren es nur halb so viele.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:09 Uhr