Die Kernenergie und ihre Gegner

Eine Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung

Von Julius Stucke

Anti-Akw-Demonstranten in Gorleben, 1977 (AP Archiv)
Anti-Akw-Demonstranten in Gorleben, 1977 (AP Archiv)

Die Debatte um die Laufzeit der Kernkraftwerke in Deutschland hat neue Nahrung erhalten. Zwar hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zu dem 2002 vereinbarten Atomausstieg stets bekannt, doch ein Thema im kommenden Wahlkampf wird es sicherlich werden. Seit 1961 fließt Atomstrom in deutsche Haushalte - schon damals formierten sich die Gegner der Atomkraft.

"Das aluminiumverkleidete Atom-Ei, wie die Münchner das Bauwerk nennen. Denken Sie sich ein Ei geköpft, ein Bauwerk, das etwas von der Spitze eines Luftschiffs hat, oder von der Kuppel einer Sternwarte - aber eben eiförmig."

Das "Atom-Ei" in Garching bei München. Am 31. Oktober 1957 beginnen im ersten Forschungsreaktor Deutschlands die Arbeiten. Knapp vier Jahre später, im Juni 1961 fließt aus dem Kernkraftwerk Kahl am Main zum ersten Mal Atomstrom in die deutschen Haushalte.

1973. Die Ölkrise wirft die Frage auf, wie der Energiebedarf der Zukunft gesichert werden kann. Eine Antwort der Bundesregierung: durch den raschen Ausbau der Kernenergie. 40 neue Atomkraftwerke sollen bis 1985 gebaut werden.

Horst Blume, ist damals Anfang 20 und Atomkraftgegner der ersten Stunde:

"Wir beschäftigten uns damals mehr so mit dem Problem Krieg und Frieden und da kam dann die Frage was ist mit der sogenannten friedlichen Atomenergie, lauern da noch andere Gefahren durch die Strahlung und es gab ja damals in Deutschland fast keine Bürgerinitiativen gegen Atomkraft."

Blume und einige Mitstreiter gründen eine Bürgerinitiative in Hamm, Westfalen. Dort wird seit Anfang der 70er Jahre an einem Atomkraftwerk gebaut, dem Thorium-Hochtemperatur-Reaktor, kurz THTR.

Weltweit wächst die Kritik an der Kernenergie. Die lachende rote Sonne auf gelbem Hintergrund wird zum Symbol der Atomkraftgegner. Die erste große Protestaktion in Deutschland findet im Februar 1975 statt. In der südbadischen Gemeinde Wyhl besetzen zunächst einige hundert Atomkraftgegner den Bauplatz des geplanten Kraftwerks. Die Polizei räumt das Gelände:

"Wenn die übrigen Störer den Platz ebenfalls nicht verlassen werden wir Wasserwerfer einsetzen."

Die Räumung jedoch geht nach hinten los. Einige Tage später sind es zehntausende, die den Bauplatz besetzen - mehrere Monate lang. Ein Schlüsselereignis für die Antiatomkraftbewegung:

"Die Bilder gingen ja dann durch ganz Deutschland wie die Bauplätze besetzt wurden und es war ja bisher immer so dass das Studenten waren, dass das aufmüpfiges Jungvolk war und es gab dann eine ganz neue Qualität, so dass wir dann auch sagen konnten es sind nicht nur die Studenten, die Linken sondern auch die ganz normalen Bürger, die sind auch kritisch."

Die Bewegung feiert einen ersten Erfolg: Das Kraftwerk Wyhl wird nicht gebaut. März 1979. Das Wendland im Nordosten Niedersachsens. In der Gemeinde Gorleben sollen eine Weideraufarbeitungsanlage und ein Endlager für Atommüll erreichet werden - die Bevölkerung protestiert. Zur Abschlusskundgebung in Hannover kommen fast 100.000 Demonstranten.

Marianne Fritzen, ehemaliges Mitglied der Grünen:

"Das war schon was Großes, die Straßen waren gesäumt mit Demonstranten, was mich am meisten beeindruckt hat, das überall an den Häusern Sprüche hingen, Fahnen hingen, die Leute aus den Fenstern winkten."

Auch dieses Mal zeigt der Protest Wirkung. Der damalige Ministerpräsident
Niedersachsens, Ernst Albrecht:

"Obwohl ein nukleares Entsorgungszentrum sicherheitstechnisch grundsätzlich realisierbar ist empfiehlt die niedersächsische Landesregierung der Bundesregierung das Projekt der Wiederaufarbeitung nicht weiter zu verfolgen."

Es gibt jedoch weiter Untersuchungen, ob Gorleben als Endlager geeignet ist. An der Bohrstelle 1004 kommt es am 3. Mai 1980 zu einer besonderen Form des Protests. Atomkraftgegner errichten ein Dorf und rufen einen eigenen Staat, die "Freie Republik Wendland" aus. Inklusive Schlagbaum, und eigenem Pass. Horst Blume erinnert sich aus Sicht der Bürgerinitiative mit gemischten Gefühlen:

"Alle liefen zu diesen vermeintlichen Kristallisationspunkten des Widerstands hin - und dann wieder nach Hause fahrn und im alten Trott weitermachen. Es wäre unserer Meinung nach besser gewesen, wenn die Menschen sich in ihrer direkten Umgebung umgeschaut hätten, sich da eingemischt hätten. Das hat uns gefehlt."

Nach einem Monat räumen Bundesgrenzschutz und Polizei die Freie Republik Wendland:

"Das war zunächst so, dass Beamte auf Demonstranten zugingen, sie wegzogen aus einem Innenkreis des Dorfes. Dann muss einigen Beamten die Nerven durchgegangen sein, sie schlugen wahllos, ich habe das beobachten können, auf Demonstranten ein, die nichts taten als auf dem Erdboden zu sitzen. "

Das Thema Gorleben ist damit jedoch nicht vom Tisch. Die Forschungen für ein Endlager gehen weiter - und bis heute wird Atommüll in der Region zwischengelagert. Regelmäßige Atommülltransporte, die Castortransporte, werden Jahr für Jahr von Protesten begleitet.

Der 26. April 1986, Tschernobyl. Die Katastrophe vor der viele Atomkraftgegner jahrelang gewarnt hatten, der größte anzunehmende Unfall. Informationsstellen der Regierung und die Medien informieren die verunsicherte Bevölkerung:

"Guten Tag meinen Damen und Herren, die Landesregierung teilt mit, die Belastung der Luft ist nach dem Reaktorunglück niedrig geblieben, dagegen ist nach wie vor eine erhöhte Boden- und Pflanzenbelastung zu registrieren. Die Strahlenschutzexperten gehen von einem sehr schweren Unfall aus."

Acht Tage nach der Katastrophe von Tschernobyl ereignet sich auch im Kraftwerk Hamm-Uentrop ein meldepflichtiger Störfall. Die Bürgerinitiative entschließt sich zu Protesten, blockiert mehrfach zusammen mit Landwirten die Einfahrt des Kraftwerks.

"Da war große Wut und Entschlossenheit da. Und da haben auch viele aus der Bevölkerung gesagt da helfen wir denen. Und so ist auch in dieser Region das Bündnis Bauern und Verbraucher entstanden, was für viele Jahre gehalten hat und letztlich die Stilllegung des Reaktor auch mitbewirkt hat."

Blume beschäftigt das Kraftwerk auch nach seiner Stilllegung 1989 - bis heute. Am 10. Juli dieses Jahres überreichte er in Berlin dem Umweltministerium eine Unterschriftenliste: 4000 Menschen fordern, dass in Hamm und Umgebung eine Krebsstudie mögliche Folgen des Kernkraftwerks untersucht.

Tschernobyl hinterlässt auch in der Politik Spuren.1986 wird das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und: Reaktorsicherheit gegründet. Dennoch: Erst 2002 wird der langfristige Atomausstieg gesetzlich geregelt. Ein Ausstieg, den viele in der Anti-Atom-Bewegung nicht anerkennen:

"Unserer Ansicht nach ist das gar kein richtiger Ausstieg - denn auch in NRW gibt es ja noch Atomanlagen und die strahlen noch immer."

Nun also die Debatte um den "Ausstieg aus dem Ausstieg". Atomkraftbefürworter fordern längere Laufzeiten, eine Rückkehr zur Atomenergie. Bringt das auch die Anti-Atom-Bewegung wieder auf den Plan?:

"Ich denke die Menschen bleiben tendenziell immer gleich. Es wird eine große lethargische Masse geben und es muss außerordentliche Ereignisse geben, um diese in Schwung zu bringen. Und ich denke mal es hat nie einen Fadenriss gegeben, die Bewegung geht ja immer noch weiter - sie holt ja jetzt neu Atem um wieder aktiv zu werden."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:30 Uhr