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Die Mauer wegwürfeln

Spiele zur DDR-Vergangenheit und zu 1989

Von Thomas Moser

Wie politisch darf ein Spiel ein? (AP)
Wie politisch darf ein Spiel ein? (AP)

Die DDR-Vergangenheit hat das Gesellschaftsspiel erreicht. In diesem Jahr werden gleich mehrere Spiele herausgebracht, die sich mit der Wende und der Zeit davor befassen. Die Spiele heißen "Mauerfall ´89" , "DDR-Spiel" oder "Mauerquiz".

"Und jeder Spieler, der dran ist, kann zusätzlich noch würfeln, und der Würfel entscheidet, ob jetzt so ein Grenzer versetzt werden kann. Beziehungsweise gibt es auch noch einen Parteisekretär und ein Stasimann."

Grenzer, Parteisekretär, Stasimann - hier geht es um die DDR. Spielerisch. Ein Brett- und Würfelspiel: "Mauerfall 89" sein Name. Sein Erfinder ist ehemaliger DDR-Bürger und heißt Volker Langer. Im Herbst 1989 floh er, wie viele, mit Frau und Kind von Ost nach West. Er war jung, konnte nicht studieren, weil er als Nichtwähler aufgefallen war und sah in der DDR keine Zukunft mehr. Das Spiel ist für ihn auch ein Stück Vergangenheitsaufarbeitung:

"Da sind auch ein paar eigene Erfahrungen verarbeitet."

Spielfläche ist die ehemalige DDR; Spielziel, mit seinen Figuren entweder in den Westen zu flüchten oder die Mauer zum Einsturz zu bringen. SED-Parteisekretäre, Stasileute und Grenzer wollen das verhindern. Dazu gibt es sogenannte Flucht- oder Regimekarten:

"'Dein Fluchtplan war so schlecht, dass selbst der dümmste Regimemitarbeiter dich erwischt hätte - ab nach Bautzen!' Bautzen ist im Prinzip das Zuchthaus, was ja auch bekannt war zu DDR-Zeiten, als eines der schlimmsten politischen Gefängnisse."

Mit drei Figuren kann man auch eine Demonstration auf die Beine zu stellen. An der Grenze zur Bundesrepublik stehen kleine Mauersteine. Für jede geglückte Flucht darf man sich einen nehmen und für jede erfolgreiche Demonstration auch. Sieger ist der mit den meisten Mauersteinen. Das Spiel "Mauerfall 89" ist so gut wie nicht bekannt. Der Erfinder, von Beruf Maschinenbauingenieur, fand keinen Verlag dafür. Er ließ das Spiel auf eigene Kosten herstellen, und privat muss er es nun auch vermarkten. Volker Langer ist überzeugt von seiner Spielidee:

"Meines Erachtens sind am Ende vom Spiel, wenn sozusagen die ganzen Mauersteine abgebaut sind und somit symbolisch die Mauer gefallen ist, sind alle Spieler Gewinner."

Politik und Geschichte werden üblicherweise in Büchern abgehandelt, nicht in Spielen. Und doch hat zum Beispiel der Christoph Links Verlag in Berlin auch ein Spiel zur DDR-Vergangenheit in sein Programm aufgenommen. Es heißt "Rübermachen - Flucht aus Ostberlin" und ist von zwei ehemaligen DDR-Bürgern ausgedacht worden, die noch Schüler waren, als das Land sein Ende erlebte. Das "witzige Fluchtspiel", so der Verlag, das im Herbst auf den Markt kommt, soll im Gegensatz zum Mauerfall-Spiel von Volker Langer ausdrücklich nicht politisch bilden.

Wie politisch darf ein Spiel ein? Das DDR-Museum in Berlin vertreibt zwei Quizkartenspiele, Fragen und Antworten zur DDR-Vergangenheit. Das eine, "DDR-Spiel" genannt, präsentiert viele Belanglosigkeiten, wie die Frage nach dem Namen einer bekannten Schreibmaschine - "Erika". Daneben aber auch Fragwürdigkeiten, wie die Frage, an wie viel Kriegen die NVA beteiligt gewesen sei. Richtige Antwort sei: an keinem. Soll das heißen, die DDR-Armee sicherte den Frieden? Hatte die NVA nicht auch eine repressive Funktion nach innen? Ein Thema sind Repression und Verfolgung dann allerdings bei dem zweiten Spiel, dem "Mauerquiz" - Fragen und Antworten rund um den Mauerbau. Abzuwarten, welches der beiden Kartenspiele sich besser verkauft.

Wie politisch ein Spiel sein kann, das hängt auch von den Zeiten und Umständen ab:

"Du kannst in den Knast kommen, Du kannst arbeitslos werden, Du kannst auch im Kernkraftwerk sterben, Deines Postens enthoben werden. Das ist am meisten ärgerlich, wenn du weit vorgerutscht bist. Also wenn du eben ND-Chefredakteur gewesen bist oder bist und halt dann wieder abgesetzt wirst."

Ehemalige Oppositionelle spielen ein Spiel über die DDR, das es schon gab, als es die DDR noch gab. Es heißt "Bürokratopoly" und ist so etwas wie das Gegenstück zum westlich-kapitalistischen "Monopoly". Ziel bei "Bürokratopoly" ist, SED-Generalsekretär zu werden. Dazu muss man Seilschaften knüpfen und sich nach oben arbeiten: über den Parteisekretär, Kombinatsleiter, als Mitglied des Zentralkomitees und des Politbüros. Immer und überall lauern Gefahren:

"Der neugewählte Leiter entpuppt sich als albanischer Wirtschaftsspion und darf sich mit dem ranghöchsten Mitarbeiter des MfS eine Zelle teilen."

Das subversive Spiel "Bürokratopoly" wurde in den 80er-Jahren in Kreisen der Opposition entworfen und gespielt. Die DDR-Staatssicherheit bezeichnete es in ihren Unterlagen als Spiel mit "feindlich-negativem Charakter". Von dem Spiel gab es zwei, drei handgefertigte Kopien. Ein Exemplar ist im Spielemuseum in Chemnitz zu finden. Das Original ist nach wie vor im Besitz des Erfinders, dem Bürgerrechtler Martin Böttcher, und wird noch ab und zu gespielt. Schließlich hat sich sein Gegenstand nicht wirklich erledigt: Seilschaften, Intrigen, Postendeals - und, und, und.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:33 Uhr

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