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"Die Shoah erfüllt uns Deutsche mit Scham"

Kanzlerin Angela Merkel spricht in der Knesset

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht in der Knesset in Jerusalem (AP)
Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht in der Knesset in Jerusalem (AP)

In ihrer Rede vor der Knesset hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die besonderen Beziehungen Deutschlands zu Israel betont. Die beiden Länder seien für immer durch die Erinnerung an den Holocaust verbunden, betonte Merkel.

Der in deutschem Namen verübte Massenmord an sechs Millionen Juden habe unbeschreibliches Leid über das jüdische Volk, über Europa und die ganze Welt gebracht. Dieser Zivilisationsbruch sei beispiellos und habe Wunden bis heute hinterlassen.

Merkel sagte: "Die Shoah erfüllt uns Deutsche mit Scham. Ich verneige mich vor den Opfern. Ich verneige mich vor den Überlebenden und all denen, die ihnen geholfen haben, dass sie überleben können."

Verantwortung für Israel

Zugleich bekräftigte sie die Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels. In diesem Zusammenhang äußerte sie Sorge über die iranischen Atompläne. Wenn Teheran in den Besitz einer Atombombe gelange, habe dies verheerende Folge für die Sicherheit Israels, aber auch darüber hinaus für Europa und die Welt. Falls das Land in dieser Frage nicht einlenke, werde sie sich für weitere Sanktionen einsetzen, betonte die Kanzlerin.

Sie ging auch auf den israelisch-palästinensischen Konflikt ein und warb dabei erneut für eine Zwei-Staaten-Lösung. Beide Seiten müssten dabei zu schmerzhaften Zugeständnissen bereit sein. Angela Merkel rief die im Gazastreifen herrschende Hamas auf, ihre Raketenangriffe auf Israel umgehend zu beenden.

Stehender Applaus

Zu Beginn ihrer Ansprache hatte sie auf Hebräisch den Abgeordneten dafür gedankt, dass sie ihre Rede auf Deutsch halten dürfe. Stehend spendeten die Abgeordneten der Knesset Beifall, nachdem Angela Merkel am Ende ihrer halbstündigen Ansprache Israel zum 60. Jahrestag der Staatsgründung auf Hebräisch gratuliert hatte. Die Rede war der Abschluss der dreitägigen Israel-Reise der Bundeskanzlerin.

Merkel ist die erste Regierungschefin, die in der Knesset eine Ansprache halten durfte. Diese Ehre war bislang Staatsoberhäuptern vorbehalten. Für Merkel wurde die Geschäftsordnung des Parlaments geändert.

Israels Präsident Shimon Peres empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel in Jerusalem. (AP)Israels Präsident Shimon Peres empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel in Jerusalem. (AP)

Peres nennt Israel-Besuch Merkels beispiellos

Vor ihrer Rede in der Knesset war Merkel mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres zusammengekommen. Peres bezeichnete Merkels Besuch als beispiellos und als großen Beitrag zu den Bemühungen um eine Lösung des Nahost-Konflikts. Er danke der Bundeskanzlerin, die sich für Israel ebenso engagiere wie für den Friedensprozess im Ganzen. Europa könne im Nahen Osten eine wichtige Rolle spielen, sagte Peres nach dem Treffen.

Die Bundeskanzlerin wertete ihren Besuch als wichtigen Schritt in der Entwicklung der deutsch-israelischen Beziehungen. Sie sprach sich dafür aus, dass Israelis und Palästinenser ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit verstärken. Dadurch könnten Barrieren überwunden werden.

Nach Einschätzung des Journalisten Michael Borgstede wird der Rede von Kanzlerin Merkel in der Knesset in Israel nicht sehr viel Bedeutung beigemessen. Dies sei ein Zeichen der Normalisierung des Verhältnisses der Israelis Deutschland gegenüber. Ein möglicher Einmarsch im Gazastreifen habe für die Israelis eine weitaus größere Bedeutung als der Besuch der deutschen Bundeskanzlerin, sagte Borgstede. (Text / MP3-Audio)

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:28 Uhr