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Ein Germanistik-Studium für die Auswanderung

Nahaufnahmen aus Griechland: Griechische Studenten suchen nach Auswegen aus der Finanzkrise

Von Andrea Mavroidis

Athni Wiedenmeyer mit Germanistik-Studenten an der Aristoteles Universität in Thessaloniki  (Andrea Mavroidis)
Athni Wiedenmeyer mit Germanistik-Studenten an der Aristoteles Universität in Thessaloniki (Andrea Mavroidis)

Die Germanistik Fakultät der Aristoteles Universität in Thessaloniki ist die ältesten Griechenlands. Bislang studiert die Mehrheit der Studenten für ein Lehramt und einen sicheren Job beim Staat. Jetzt studiert man Germanistik, um sich auf seine Auswanderung in ein deutschsprachiges Land vorzubereiten.

Studentinnen und Studenten lesen Ausschnitte aus Daniel Kehlmanns Buch "Die Vermessung der Welt". Dozentin Anthi Wiedenmeyer ist ständig in Bewegung und bringt eine mitreißende Atmosphäre in dem kleinen Hörsaal. Lebhaft wird darüber diskutiert, wie man das Gefühl für die Übersetzung bekommt und wie man sich in eine Geschichte hinein denken kann. Die Stimmung ist ausgelassen und es wird gelacht. Aber die Welt da draußen sieht für die zukünftigen Absolventen zur Zeit nicht rosig aus, Und so wie der 21-jährige Loukas Papadopoulos dachten viele hier, als sie ihr Studium anfingen:

"Es war eine gute Möglichkeit, damals als ich angefangen habe zu studieren.
Da haben alle gesagt, du wirst in vier Jahren fertig, dann kommst du in den öffentlichen Dienst. Da hast du dein Leben praktisch im Griff. Aber jetzt ist es natürlich schwierig."

Der öffentliche Dienst ist inzwischen eine Sackgasse und bietet keine Zukunft mehr. Für viele Stundenten heißt das jetzt, sie müssen umdenken auch für Loukas Papadopoulos:

"Ich hoffe, dass ich im Juli fertig werde und dann mein Diplom bekomme.
Natürlich habe ich keine Lust für 600 oder 700 Euro im Monat Beamter zu werden. Man kommt nicht über die Runden, das ist Fakt. Und wenn sich eine Gelegenheit bietet ins Ausland zu gehen, Deutschland oder ein anderes Land oder zu der Europäischen Union, etwas anzufangen, dann werde ich das machen. Alle denken so in Griechenland."

Die Assistenzprofessorin Athni Wiedenmeyer, ist Nachfahrin einer deutschen Familie die im 19. Jahrhundert mit dem bayrischen Hofstaat nach Griechenland eingewandert ist. Erst kürzlich war sie für eine Gastprofessur ein Semester an der Freien Universität in Berlin und weiß, wie es sich anfühlt mit ausreichenden Mitteln und Gehalt zu forschen. Das wird an der Aristoteles Universität in Thessaloniki immer schwieriger sagt sie:

"Wir bekommen inzwischen schon 30 Prozent weniger. Wir hatten nie Luxusgehälter, wie man in Deutschland so oft hört. Unsere Gelder werden inzwischen mit denen in Rumänien verglichen. Man weiß im akademischen Bereich schon seit Jahren, die rumänischen Kollegen können sich keine Reisen mehr leisten, das heißt, sie können ganz einfach, ganz praktisch an keinem internationalen Kongress mehr teilnehmen. Sie können ihre Publikationen nicht mehr veröffentlichen und damit keine Forschungsarbeit mehr machen. Was für einen Akademiker genauso wichtig ist, wie das Unterrichten."

Die Ressourcen griechischer Universitäten waren von jeher knapp, und das Wenige wurde durch die Krise um weitere 50 Prozent gekürzt. Es droht der sogenannte "Brain drain" nicht nur bei den Studenten, sondern auch beim wissenschaftlichen Personal der Universitäten des Landes. Davor hat auch jüngst eine internationale griechische Akademiker Initiative in einem Aufruf gewarnt. Auch Wiedenmeyer hält diese Entwicklung für Besorgnis erregend:

"Das wird uns in die Isolation führen. Die katastrophal sein wird, nicht nur für unsere eigene Entwicklung, sondern für die Art und Weise wie wir unterrichten. Was wir den jungen Menschen beibringen können, wie wir über diesen Kontakt mit dem Ausland behalten können. Eine Isolation im Jahr 2012 im 21. Jahrhundert das ist wirklich eine Rückkehr ins Mittelalter."

Anthi Wiedenmeyer selbst hat noch nicht ans Auswandern gedacht. Sie ist mit Laib und Seele Germanistik Dozentin an der Aristoteles Universität von Thessaloniki. Und in ihren Seminaren fordert sie weiterhin von ihren Studentinnen und Studenten ihr Bestes zu geben, um später erfolgreich als Übersetzer oder Dolmetscher zu arbeiten.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr