Ein Opfervertreter auf Zeit

Missbrauchsbeauftragter Rörig fordert weitere Aufklärung

Betroffenen-Initiativen fordern stärkere Aufklärung von Missbrauch in Familien (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Betroffenen-Initiativen fordern stärkere Aufklärung von Missbrauch in Familien (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung fordert die Einrichtung einer unabhängigen Kommission, die Missbrauchsfälle in kirchlichen und öffentlichen Einrichtungen aufarbeitet. Über die Ergebnisse soll der Bundestag regelmäßig informiert werden.

Als der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, am Donnerstag Bilanz zog, erneuerte er eine Forderung, die Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) zunächst abgelehnt hat: Die Einrichtung einer unabhängigen Kommission, die Missbrauchsfälle in kirchlichen und öffentlichen Einrichtungen aufarbeitet. Rörig sagte, damit Missbrauch wirksam bekämpft werden könne, "müssen wir wissen, was war und was ist". Er mahnte Kirchen und öffentliche Einrichtungen, die Aufarbeitung aber auch selbst voranzutreiben.

Der Missbrauchsbeauftragte Rörig beabsichtigt mit dem Gremium, Ausmaß und Folgen sexuellen Missbrauchs zu untersuchen – ähnlich wie die sogenannte Ryan-Kommission in Irland. Über die Ergebnisse soll der Bundestag regelmäßig informiert werden. Wichtig sei es, einen Überblick über Missbrauch zu gewinnen, auch in Familien, hatte Rörig bei einem Treffen mit Betroffenen im April erklärt. Erst dann könnten bessere Schutzvorkehrungen getroffen werden.

Forderung nach einer unabhängigen Kommission

Nach Vorstellung des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung soll die Kommission bereits in der kommenden Legislaturperiode ihre Arbeit aufnehmen. Ob es seine Stelle dann allerdings noch gibt, ist unklar: Mit dem Ende dieser Legislaturperiode läuft sie laut Stellenbeschreibung offiziell aus. Rörig sagte dazu, "die Bundespolitik darf jetzt keinen Schlussstrich unter das Thema Missbrauch ziehen", berichtet unsere Korrespondentin Claudia van Laak aus Berlin. Rörig sagte: "Der Skandal besteht fort, Missbrauch findet weiterhin real und überall statt. Die Fallzahlen sind weiterhin ungebrochen hoch."

In Rörigs Amtszeit wurden erste Hilfen für Erwachsene bewilligt, die als Kinder Opfer von Missbrauch im privaten Umfeld geworden sind. Seine Vorgängerin, die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann, hatte als erste Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung eine Anlaufstelle für Betroffene aufgebaut, mit dem Runden Tisch zusammengearbeitet und ihre Arbeit mit zahlreichen Empfehlungen beendet.

Wegfall der Stelle für Betroffene ein Schreckensszenario

Für die Betroffenen-Initiativen wäre ein Wegfallen der Stelle ein Rückschlag. Sie gehörte zu den zentralen Forderungen des Runden Tisches, der vor drei Jahren nach dem Bekanntwerden verschiedener Missbrauchsfälle von der Bundesregierung ins Leben gerufen worden war und anschließend über Monate hinweg regelmäßig zusammenkam.

Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, Ministerialdirigent (www.rieken-fotografie.de)Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig (www.rieken-fotografie.de)Aufgabe des Missbrauchsbeauftragten und seines zehnköpfigen Teams ist es, darauf zu achten, dass die Empfehlungen des Runden Tisches auch umgesetzt werden. Durch die Arbeit des Runden Tisches haben Missbrauchsopfer nun mehr Rechte vor Gericht – bei einem Prozess müssen sie beispielsweise nicht mehrfach aussagen. Auch die zivilrechtlichen Verjährungsfristen bei Missbrauch wurden verlängert.

Opfer-Fonds: Einzahlung der Länder fehlt noch

Daneben gingen verschiedene Präventionsmaßnahmen an den Start wie etwa die Kampagne "Kein Raum für Missbrauch". Lediglich ein Teilerfolg konnte bei einem neu eingerichteten Fonds für Opfer von Missbrauch erzielt werden: Während der Bund seinen Anteil von 50 Millionen Euro einzahlte, steht eine Zahlung der Länder in gleicher Höhe noch aus.

Die Betroffenen-Gruppen fordern außerdem, auch die strafrechtlichen Verjährungsfristen für Missbrauch zu verlängern und die zivilrechtlichen vollständig aufzuheben. Darüber hinaus wollen sie, dass die Erfassung von Missbrauch in Familien stärker vorangetrieben wird.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:16 Uhr