Ein Riese mit Imageproblem

RWE stemmt sich gegen die Energiewende

Von Friederike Schulz

Energieriese mit Imageproblem: Der RWE-Hauptsitz in Essen (AP Archiv)
Energieriese mit Imageproblem: Der RWE-Hauptsitz in Essen (AP Archiv)

Die Energiewende stellt Deutschlands Atomstromproduzenten Nummer 1 vor Probleme. Denn trotz aller Bekenntnisse zu erneuerbaren Energien: Das große Geschäft macht RWE nach wie vor mit Kohle und Kernkraft.

Mit großen Schritten watschelt der Energieriese durch die Landschaft und pflanzt Windkrafträder. Das graue Monster, auf dessen Rücken Gras und Bäume wachsen, ist das Maskottchen von RWE. Der Riese guckt zwar freundlich, wirkt aber trotz der Gute-Laune-Melodie ein wenig unheimlich. Das weiß auch der Essener Konzern und hat deswegen für irritierte Kunden auf seiner Internetseite eine Erklärung formuliert.

"Der Energieriese ist 112 Jahre alt – genau wie RWE. Er ist groß, stark, freundlich, gut 60 Meter hoch, wiegt knapp 300 Tonnen und heißt einfach nur "Der Energieriese". Mit dem bekannten, freundlichen Filmmonster Shrek aus dem Sumpf hat der Energieriese nur so viel gemeinsam, dass beiden zuerst nur negative Vorurteile entgegengebracht werden."

Deutschlands zweitgrößtes Energieunternehmen hat ein Imageproblem –dabei wollte Jürgen Großmann unbedingt weg vom Ruf des bösen Atom-Konzerns. Als er vor vier Jahren das Ruder übernahm, schrieb er RWE den Ausbau der Windenergie auf die Fahnen. Eine Milliarde Euro wollte das Unternehmen jedes Jahr in die Erneuerbaren stecken, um 2020 ein Viertel seiner Stromproduktion damit zu bestreiten.

"Wir sind, der größte Investor in erneuerbare Energien in Deutschland, und wir versuchen, dieses Unternehmen so umzustrukturieren, dass wir den Zielen der Gesellschaft in der Zukunft entsprechen können. Das heißt also, aus der Kernenergie weg in Erneuerbare reinzugehen."

Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass RWE noch immer Deutschlands größter Produzent von Atomstrom ist. Dementsprechend hart trifft den Konzern der Ausstieg – die aus der vorzeitigen Abschaltung der fünf Atomkraftwerke resultierenden Verluste schätzt man in Essen auf sechs Milliarden Euro –das Nettoergebnis ist allein für das erste Halbjahr 2011 um knapp 40 Prozent eingebrochen. RWE gibt allein der Politik die Schuld und möchte nur zu gern von eigenen Fehlern ablenken. Der Stromriese ächzt nach den teuren Zukäufen der vergangenen Jahre unter einem gigantischen Schuldenberg – allein acht Milliarden Euro kostete der glücklose Ausflug ins europäische Wassergeschäft. Jetzt soll der Niederländer Peter Terium für einen Neuanfang sorgen. In der vergangenen Woche gab RWE bekannt, dass der bisherige Chef der Tochtergesellschaft Essent im kommenden Jahr den poltrigen Großmann ablösen soll, der wie kein Zweiter für die Atomlobby in Deutschland steht. Peter Terium gilt als zurückhaltend und durchsetzungsfähig, sagt Unternehmenssprecher Volker Heck:

"Er handelt sehr gradlinig, sehr schnell, auch durchaus einfühlsam. Er ist hier seit 2003 im Unternehmen beheimatet. Hier auch als Kollege sehr anerkannt gewesen. Er ist jemand, der sehr viel nachdenkt, dann aber auch schnell handelt und er wird seinen Weg dort gehen und auch diesen Weg vernünftig gehen."

Peter Terium wird zunächst jedoch wenig Spielraum haben – er muss vor allem sparen: Kraftwerke sollen verkauft werden, auch von der Fördertochter DEA und der Beteiligung an den Berliner Wasserbetrieben will man sich trennen. Das neue Motto: Gesundschrumpfen statt teure Zukäufe. Das Hochspannungsnetz der Tochtergesellschaft Amprion hat der Essener Konzern bereits im vergangenen Monat auf Drängen der EU-Kommission verkauft – erhoffter Erlös: 700 Millionen Euro. An den Verteilernetzen in knapp 2.000 deutschen Kommunen will man dagegen unbedingt festhalten. Im Streit mit aufmüpfigen Stadtwerken, die RWE die Netze abluchsen möchten, laufen gleich mehrere Gerichtsverfahren.

International wurde eine strategische Partnerschaft mit dem russischen Unternehmen Gazprom vereinbart – die Idee dahinter: RWE möchte künftig russisches Gas zum Vorzugspreis bekommen und Gazprom als Koinvestor für neue Kohlekraftwerke gewinnen. Schließlich will RWE unbedingt seine Position als Nummer Zwei auf dem deutschen Strommarkt verteidigen, und das geht nach Einschätzung des Konzerns mittelfristig nur mit Kohle und Gas. Das Budget für die Erneuerbaren soll dagegen eingefroren werden. Nach einer langfristigen, stringenten Strategie klingt das alles nicht. Und ob es Peter Terium gelingt, so das Image des bösen Atomriesen loszuwerden, ist fraglich. Erst kürzlich hat der Bund für Umwelt und Naturschutz dem Konzern mal wieder den Titel "Dinosaurier des Jahres" verliehen.

Mehr zur Serie:
Serie Wende wohin? - Die Zukunft des deutschen Energiemarktes

Zu hören wochentäglich vom 15. bis 24. August 2011 im Deutschlandfunk in der Sendung "Wirtschaft und Gesellschaft" ab 17:05 Uhr

Mehr zum Thema:
Sammelportal "Zukunft der Energie" auf dradio.de



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:44 Uhr