Eine Frage der Dosis

Fukushima-Arbeiter muss ins Krankenhaus

Von Arndt Reuning

Arbeiter im Reaktor im japanischen AKW in Fukushima am 2.4.2011. (picture alliance / dpa)
Arbeiter im Reaktor im japanischen AKW in Fukushima am 2.4.2011. (picture alliance / dpa)

Ein Arbeiter aus der japanischen Atomruine Fukushima 1 ist ins Krankenhaus gebracht worden. Der Mann habe über Übelkeit geklagt, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo am Sonntag. Welche Folgen kann Radioaktivität für den menschlichen Körper haben?

Wie ein Mensch auf radioaktive Strahlung reagiert, hängt vor allem von der Dosis ab. Sie wird gemessen in der Einheit Sievert. In Deutschland ist jeder Mensch durchschnittlich einer Dosis von zwei bis drei Millisievert pro Jahr ausgesetzt, der natürlichen Hintergrundstrahlung. Erste akute Symptome einer Strahlenkrankheit treten bei einer Dosis von 1.000 Millisievert (also einem Sievert) auf, die in geballter Form auf den Körper einwirkt. Im Kernkraftwerk Fukushima ist dieser Schwellenwert mehrmals kurzzeitig überschritten worden.

Strahlenkrankheit - was ist das?

Radioaktive Strahlung zertrümmert im Körper lebenswichtige Moleküle - zum Beispiel Enzyme und die Erbsubstanz DNA. Besonders stark wirkt sich das auf jene Gewebearten aus, die sich besonders häufig erneuern. So leidet zum Beispiel das Knochnemark, welches neue Blutzellen bildet, schon bei einer Dosis von ungefähr 0,5 Sievert unter der Strahlung. Daher sinkt bei strahlenkranken Menschen zuerst die Anzahl bestimmter Blutkörperchen, die für das Immunsystem eine wichtige Rolle spielen. Danach zeigen sich Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit und Erschöpfungszustände.

Schwache Strahlung - schwache Wirkung?

Die akuten Folgen der Strahlenkrankheit treten erst dann auf, wenn die Dosis einen Schwellenwert überschritten hat. Überraschend wenig wissen Strahlenbiologen und Mediziner allerdings darüber, was unterhalb dieser Grenze geschieht. Die Strahlen können Zellen schädigen, so dass Krebs entsteht. Je höher die Dosis, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich ein Tumor bildet. Die Zusammenhänge lassen sich in Form von Kohortenstudien erforschen. Die Mediziner beobachten dazu eine Gruppe von Personen, von denen sie die Strahlenbelastung möglichst genau kennen. Weil es oft viele Jahre dauert, bis ein Tumor entsteht, begleiten sie die Probandengruppe über einen langen Zeitraum hinweg. Am Ende vergleichen sie dann die Krebsrate mit einer Gruppe, die der Radioaktivität nicht ausgesetzt gewesen ist, um das zusätzliche Risiko für eine Krebserkrankung zu errechnen.

Lehren aus Hiroshima, Nagasaki und Tschernobyl

So hat zum Beispiel die japanische Stiftung "Radiation Effects Research Foundation" untersucht, wie sich die radioaktive Strahlung auf die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki ausgewirkt hat. Und das amerikanische staatliche Forschungsinstitut NCI in der Nähe von Washington hat zwei Kohortenstudien in Tschernobyl koordiniert. Ein drastischer und in dieser Form unerwarteter Anstieg der Fälle von Schilddrüsenkrebs hatte dafür gesorgt, dass die Experten sich diesem Problem zuwandten. So wurden 25.000 Probanden jahrelang medizinisch begleitet, die im Jahr 1986 als Kinder in der Ukraine und Weißrussland gelebt haben. Eine Studie an sogenannten Liquidatoren konnte zeigen, dass diese Menschen, die in der Sperrzone von Tschernobyl gearbeitet haben, ein leicht erhöhtes Risiko für Leukämie und Linsentrübungen im Auge hatten. Ein europäisches Projekt dieser Art ist die "Agenda for Research on Chernobyl Health (ARCH)".

Die Befunde sind nicht immer eindeutig

Die Kohortenstudien an den Probanden in Japan und der Ukraine habe in mancher Hinsicht auch scheinbar widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Unklar ist zum Beispiel immer noch, ob genetische Schäden auf die folgende Generation vererbt werden. In Tschernobyl wurden Hinweise darauf gefunden, in Hiroshima und Nagasaki jedoch nicht. Das könnte daran liegen, dass sie Menschen einem unterschiedlichen Belastungsprofil ausgesetzt gewesen sind - einer hohen Dosis in Japan, einer niedrigeren, aber länger wirksamen Dosis in der Ukraine.

Und die Lehren aus Fukushima?

Vertreter der "Radiation Effects Research Foundation" empfehlen, solche Studien nun bald schon in der Präfektur Fukushima und den umliegenden Regionen durchzuführen. Die Arbeiter in Fukushima seien Bereits Probanden in einer umfassenden Studie, so dass ihre Daten dort einfließen werden. Aber wichtig sei es auch, die Anwohner in den weniger stark belasteten Gebieten in die Untersuchung aufzunehmen.

Mehr zum Thema:
Bundesamt für Strahlenschutz<br>Fragen und Antworten zu Strahlenschutz-Aspekten in Japan

Nature-Wissenschafts-Blog: The Great Beyond<br>Hiroshima and Nagasaki bomb experts outline health research needs after Fukushima

Studie zu Schilddrüsenkrebs in der Ukraine

Radiation Effects Research Foundation

Agende for Research on Chernobyl Health (ARCH)

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:41 Uhr