Elfen, Trolle, Beats und Bytes

Die isländische Musikszene zwischen urbaner Kultur und Unterwelt

Von Jessica Sturmberg

Björk und Sigur Rós sind die Exportschlager der isländischen Musik. Doch sie gründen auf der breiten Basis einer ausgesprochen lebendigen und vielfältigen Musikszene auf der Insel am Polarkreis.

"Jetzt nicht einschlafen" heißt der Titel der Band Mammút. Schlafen? Nein, das gibt es nicht im Reykjaviker Nachtleben. Nicht bevor der nächste Morgen beginnt. Dicht gedrängt schwärmen die Jungen und Junggebliebenen aus auf die Laugavegur, die Partymeile, und ziehen von Club zu Club. Fast immer spielt irgendwo, irgendeine Band. Und zieht das Partyvolk an.

"Momentan ist die isländische Musikszene sehr lebendig. Es gibt immer mehr gute Bands, und spannende Entwicklungen in verschiedenen Musikausrichtungen, ob im Indy Rock, im Pop, Hip Hop sogar oder Elektronik"

Eldar Ástþorsson organisiert das Musikfestival "Airwaves", das jedes Jahr im Oktober stattfindet. An fünf Tagen präsentieren sich dann mehr als 200 Bands in Reykjavik. Ursprünglich war das Festival mal dazu gedacht, der internationalen Musikindustrie die isländische Musikszene näher zu bringen. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass hier eine besondere Atmosphäre herrscht, und die Festivalbesucher kommen von überall her:

"”My husband and I love to go there. It’s unique. Good collection of music, crowd is so international.”"

"Les gens, l’ambience!"

"Das Festival gefällt mir supergut, weil es ist halt schön jung, das Publikum ist alternativ und die Musik ist man kann ganz viel entdecken und deswegen finde ich es toll."

Hier lässt sich Musik erleben, die keine Rücksicht nehmen braucht auf kommerzielle Interessen, Formate und Vorgaben der Industrie. Denn leben kann in dem Land mit 300.000 Einwohnern ohnehin so gut wie keiner von der Musik, außer Björk und die Bandmitglieder von Sigur Rós. Es gibt den Künstlern die Freiheit sich zu entfalten wie ihnen der Kopf steht. Auszuprobieren, schräg zu sein.

" Der Markt ist so klein, dass man sowieso nicht davon leben kann, warum soll man dann nicht experimentieren","

sagt Atli Bollason, Keyboarder bei der Band Sprenguhöllin. Eine der wenigen Bands, die ihre Songtexte auf isländisch schreiben.

"
”Zu Beginn haben wir die Texte in Englisch und Isländisch geschrieben und als wir dann mehr und mehr Konzerte gespielt haben, wurde uns klar, dass wir viel besser waren im Isländischen und dass wir die Leute damit viel mehr ansprechen konnten."

Sie singen von den Wochenendtrips ins Hochland, Jeeptouren auf Gletschern oder dem gemeinsamen Plausch im Hot Pot, den heißen Thermalbädern.

"Es ist sehr isländisch. Es hat zu tun mit modernem Leben in Island. Deshalb heißt unser Album ‚Timarnir okkar’, das bedeutet ‚Unsere Zeit’, so heißt auch ein Titel in dem Album. Es geht um das Nachtleben in Reykjavik, wie man sich auf der Straße trifft und jeder jeden kennt."

Auf der Insel ist Sprenguhöllin damit äußerst erfolgreich. Dass sie über den Atlantik hinaus bekannt werden, damit rechnet die Band nicht, es ist ihr aber auch nicht wichtig. Sie haben Spaß und ihr Publikum auch. Dass die Musikszene so lebendig ist, mag auch am schöpferischen Potenzial der Natur liegen. Die Faszination der Gegensätze. Auf der einen Seite die riesigen Eisflächen, die Gletscher, die Nähe zum Polarkreis – und zugleich sprudelnd heiße Quellen, Vulkane und Lavafelder. Das Land ist geologisch jung, die Natur in Bewegung. Es ist als ob sich das auch auf die Menschen überträgt.

"Alles in unserer Musik und wie wir sie machen, ist wie ein Fluss. Fließend ist der beste Begriff um das zu beschreiben, was wir machen. Wir folgen einfach der Musik, wo sie uns hinführt."

Gunnar Örn Tynes hat zusammen mit Örvar Þóreyjarson Smárason vor zehn Jahren Múm gegründet, eine der wenigen Bands mit einem internationalen Label. Vor kurzem haben sie ein neues Album produziert und sich für den kreativen Prozess ganz in die Idylle zurückgezogen. Tyrnes:

"Wir waren zuerst in einem Leuchtturm, in dem wir auch schon vorher öfter waren. Im Westen von Island."

Smárason:

"Keine Straßen, kein Handyempfang, das ist das beste, was es gibt. Man kommt da nur mit dem Boot hin, so dass sich auch kaum jemand dahin verirren kann."

Herausgekommen ist ein Album, dass sie selbst als das mit der "positivsten Energie" bezeichnen, dass sie je produziert haben. Örvar Þóreyjarson Smárason:

"Es gibt einen Song auf dem Album: nur Klavier, Gitarre und Gesang. Sonst haben wir so viele Instrumente, Geräusche und Effekte im Einsatz und bei diesem Song gibt es nur wenige Elemente. Ich war gespannt, wie das wirkt. Und ich war von dem Ergebnis selbst ganz überrascht. Moon Pulls."

Die Musikszene in Island ist einzigartig, findet auch Cellistin Sólrún Sumarliðadóttir von der Gruppe Amiina. Es ist die Abgeschiedenheit im hohen Norden, die eine besondere Atmosphäre kreiert:

"Die Menschen arbeiten hier viel zusammen, unterstützen sich und inspirieren sich auch gegenseitig. Viele spielen sogar mehr als in nur einer Band. Für Musiker ist das hier wirklich schön, auch das Gefühl zu haben, dass da Menschen im Hintergrund sind, die gegenseitig füreinander da sind."

Amiina besteht aus vier Frauen, die zusammen an der Musikhochschule in Reykjavik studiert haben und zunächst als klassisches Streichquartett mit drei Violinen und einem Cello auftraten. Bis sie anfingen, Musik zu komponieren, die auch gewöhnliche Gegenstände wie eine Säge, Wassergläser, Holzstöcke einbezogen. María Huld Markan spielt eigentlich Violine:

"Das ist für uns was ganz normal an seltsamen Orten nach Geräuschen zu suchen, wie wir einbinden können. Es ist zu unserem Stil geworden, Gegenstände zu nutzen, die eigentlich gar keine Instrumente sind. Ich finde das keineswegs merkwürdig, sondern es gibt uns Impulse, wenn wir einen Song komponieren. Wenn wir einen faszinierenden Ton entdecken – egal ob von einem Instrument oder einem ganz gewöhnlichen Gegenstand, dann regt das unsere Phantasie manchmal so sehr an, dass wir davon richtig eingenommen werden und einen Song produzieren wollen, dass diese Atmosphäre aufgreift."

Die vier jungen Frauen bringen fast 30 Instrumente und Gegenstände bei ihren Auftritten zum Einsatz. Fast 500 Kilo wiegt die Ausrüstung. Konzerte von Amiina werden zu einem Klangerlebnis und sind eine Mischung aus Improvisation und Choreographie. Sólrún Sumarliðadóttir:

"Weil wir uns während der meisten Songs zwischen den Instrumenten hin- und herbewegen. Und damit wir nicht zusammenstoßen, und immer wissen, welche Instrumente die anderen gerade benutzen, müssen wir unser Set entsprechend einrichten."

Eine Komposition kann manchmal bis zu 10 Minuten lang sein, je nachdem in welcher Stimmung die vier gerade sind. Wer sich auf die Musik ganz und gar einlässt, wird in andere Welten versetzt und träumt vielleicht von den Elfen, von denen es angeblich viele geben soll in Island. Offiziell glaubt natürlich niemand daran, ganz ausschließen möchten die Menschen den Gedanken an unsichtbare Geschöpfe aber auch nicht. Ihre Musik werde aber sicher nicht von Fabelwesen beeinflusst, vielmehr ist die Schönheit der isländischen Landschaft und ihrer unendlichen Weiten, sagt María Huld Markan:

"Wir können weit in die Ferne sehen, haben fast immer einen riesigen Horizont vor Augen. Wenn es etwas gibt, was isländische Musik ausmacht, dann ist es einfach ein bisschen mehr Raum."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:27 Uhr