Elfriede Jelinek erhält Literatur-Nobelpreis

Autorin will Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen

Elfriede Jelinek, Literatur-Nobelpreisträgerin 2004 (AP)
Elfriede Jelinek, Literatur-Nobelpreisträgerin 2004 (AP)

Die österreichische Schriftstellerin und Bühnenautorin Elfriede Jelinek erhält in diesem Jahr den Literatur-Nobelpreis. Die Königlich-Schwedische Akademie in Stockholm verwies in ihrer Begründung auf den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in ihren Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllten.

Zuletzt war 1999 mit Günter Grass ein deutschsprachiger Autor mit der bedeutendsten Literaturauszeichnung der Welt geehrt worden.

Jelinek zeigt sich von der Auszeichnung überrascht

Im schwedischen Rundfunk bezeichnete Jelinek die Verleihung als "überraschende und große Ehre". Allerdings werde sie den Preis nicht persönlich entgegennehmen. Sie eigne sich nicht dafür, als Person an die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. "Ich bin nicht körperlich krank, aber psychisch nicht in der Lage, mich dem persönlich auszusetzen", sagte Jelinek. Sie freue sich über die Auszeichnung: "Aber ich verspüre eigentlich mehr Verzweiflung als Freude."

Günter Grass (AP)Günter Grass, Literatur-Nobelpreisträger 1999 (AP)Beobachter lobten die Auszeichnung. Rowohlt-Verleger Alexander Fest sagte, er empfinde "große Freude" für Jelinek, die sich durch ihre "unerhörte Sprache" und einen "völlig eigenwilligen Stil" auszeichne. "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann bezeichnete die Vergabe als sehr überraschend, sehr verdient und "für Österreicher ein schwerer Schock - sie werden jetzt anfangen zu lesen". Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zeigte sich "außerordentlich erfreut" über die Entscheidung zu Gunsten der "äußerst extremen und radikalen" Autorin.

Die Dramatikerin Jelinek ist die erste Österreicherin, die den seit 1901 vergebenen Literatur-Nobelpreis erhält. Zuvor hatte lediglich als einzige deutschsprachige Autorin die Lyrikerin Nelly Sachs 1966 den Preis bekommen.

Die ehemalige Klosterschülerin provoziert

Die ehemalige Klosterschülerin liebt die Provokation. Immer wieder prangert Jelinek, die zu den meist beachteten und gespielten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen gehört, die "allgegenwärtigen männlichen Herrschafts- und Gewaltverhältnisse" in Ehe und Gesellschaft an. Die sexuelle Ausbeutung der Frau ist ebenfalls ein beliebtes Thema.

Der Sprecher der Königlich-Schwedischen Akademie, der Stockholmer Publizist Per Wästberg, betonte, Jelinek sei eine Autorin, "die mit ihrem Zorn und mit Leidenschaft ihre Leser in den Grundfesten erschüttert". Jelinek habe dabei vor allem "die Konsumgesellschaft Österreich kritisiert, die nicht ihre eigene Vergangenheit aufgearbeitet hat". Jelineks Prosa sei ebenso einzigartig wie ihre Dramen. Die Akademie habe bei der Entscheidung nicht darauf gesehen, dass Jelinek eine Frau ist. Sie ist die zehnte Frau, die den Literatur-Nobelpreis bekommt.

Jelinek wurde bekannt mit Büchern wie "Die Klavierspielerin" (1983) und Theaterstücken wie "Raststätte oder sie machen's alle" (1994). Ihr Bestseller "Lust" war gerade in Österreich umstritten.

Im vergangenen Jahr hatte die Königlich-Schwedische Akademie den Südafrikaner John M. Coetzee ausgezeichnet. Die Nobelpreise sind mit jeweils 10 Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotiert und werden traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896), überreicht.

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:07 Uhr