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Ethikrat berät über religiöse Beschneidung

Strafrechtler Merkel skeptisch zu Rechtsanspruch

Jüdische Beschneidungszeremonie (picture alliance / dpa / Bea Kallos)
Jüdische Beschneidungszeremonie (picture alliance / dpa / Bea Kallos)

Der Deutsche Ethikrat hat sich mit der Frage der Zulässigkeit religiöser Beschneidungen befasst. Der Jurist Reinhard Merkel äußerte sich zuvor im Deutschlandfunk skeptisch, ob Juden aus rechtlicher Sicht einen Anspruch darauf haben.

Das Landgericht Köln hatte die Vorhautentfernung bei minderjährigen Jungen aus religiösen Motiven als Körperverletzung und Straftat gewertet; sie widerlaufe dem Kindeswohl. Seitdem herrscht bei Juden und Muslimen Unsicherheit. In beiden Religionen gehört die Beschneidung zur Tradition. Glaubensvertreter protestierten heftig: Avichai Apel von der orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland bezeichnete das Vorgehen als "schwersten Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust". Die Bundesregierung ist bemüht, die Wogen zu glätten und will Beschneidungen gesetzlich regeln.

Ob eine Vorhautentfernung aus religiösen Gründen zulässig ist, darüber hat nun der Deutscher Ethikrat erstmals debattiert. Der evangelische Theologe Peter Dabrock, der Verfassungsrechtler Wolfram Höfling, der jüdische Arzt Leo Latasch, der muslimische Medizinethiker Ilhan Ilkilic und der Jurist Reinhard Merkel trugen in Referaten ihre Positionen vor. Sie sind nicht einer Meinung. Ethikrat-Vize Dabrock sagte in der öffentlichen Sitzung, man dürfe jüdischen und muslimischen Eltern nicht unterstellen, sie hätten das Kindeswohl nicht im Blick.

Merkel: Religiöses Sonderrecht

Jurist Reinhard Merkel, Mitglied im Deutschen Ethikrat (dpa / Hermann Wöstmann)Jurist Reinhard Merkel, Mitglied im Deutschen Ethikrat (dpa / Hermann Wöstmann)Der Strafrechtler Reinhard Merkel äußerte sich skeptisch zu einem Recht auf frühkindliche Beschneidung von Jungen. Sie sei ein massiver Eingriff in die verfassungsrechtlich geschützte körperliche Integrität des Kindes, sagte Merkel im Deutschlandfunk. "Wenn das wie bei den meisten, allermeisten jüdischen Beschneidungen ohne jede Anästhesie vorgenommen wird, dann ist das eine furchtbare Schmerzzufügung gegenüber dem Kind. Es steht außer Zweifel, dass diesseits religiöser Erwägungen so etwas rechtswidrig wäre. Also haben wir uns die Frage zu stellen, ob das spezifisch Religiöse der Motivation das rechtens machen kann." Speziell dem Judentum komme eine Sonderrolle zu. "Gäbe es die religiöse Motivation nicht, würde eine solche Beschneidung aus rein ästhetischen oder hygienischen oder sonstigen Gründen, ganz bestimmt nicht erlaubt", sagte Merkel. "Der Sache nach ist das ein religiöses Sonderrecht." Der Gesetzgeber habe "vorschnell" zugesichert, "da müsse man nicht weiter überlegen, das müsse erlaubt werden".

Dabrock warnt vor Unterstellungen

Der evangelische Theologe Peter Dabrock mahnt dagegen zu mehr Sachlichkeit und weniger Emotionen in der Debatte. "Wobei ich die Emotionen auf der Seite der beiden Religionen, um die es geht, gut nachvollziehen kann", sagte der Erlanger Professor im Bayerischen Rundfunk. Werde jedoch von einem barbarischen Akt oder einer Folterqual gesprochen, trage dies nicht dazu bei, sich in die betroffenen Personen hineinzuversetzen. "Man sollte glaube ich davon ausgehen, dass es auch muslimischen und jüdischen Familien um das Kindeswohl geht." Der Ethikrat-Vize unterstützte den Vorschlag des israelischen Oberrabbiners Yona Metzger, Beschneider von Medizinern in fachkundigem Handeln fortbilden zu lassen.

Der Deutsche Ethikrat wurde 2007 eingerichtet. Das Expertengremium soll Bundestag und Bundesrat bei Fragen von Leben und Tod fachlichen Rat geben. Die 26 Mitglieder sollen ein breites Meinungsspektrum vertreten. Zu den Aufgaben des Ethikrates gehört es, ein gesellschaftliche Debatte anzustoßen.

Rabbinerin: Antijüdische Debatte

Die Rabbinerin und Medizinerin Antje Yael Deusel glaubt nach dem Urteil "nicht mehr so ganz an ein normales jüdisches Leben in Deutschland". Die Debatte um die religiöse Beschneidung von Jungen werde nicht mehr sachorientiert, sondern mit "missionarischem Eifer" geführt, sagte die Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde Bamberg dem Evangelischen Pressedienst. Die Kritik an der religiösen Praxis trage teilweise antijüdische Züge: "Es ist so, als habe man eine Decke weggezogen, so, als wäre der Antisemitismus nie weg gewesen, sondern habe sich nur darunter versteckt".

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:57 Uhr

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